Pressestimmen
Computerlehre mangelhaft?
Nahezu 80 Prozent der Schüler in den weiterführenden Schulen nutzen nie Computer in den Kernbereichen Deutsch, Mathematik, Englisch und Naturwissenschaften. Bezogen auf die schulische Nutzung digitaler Medien liegt Deutschland damit in der Sekundarstufe international im unteren Drittel. Nur wenig besser sieht es in der Primarstufe aus: Rund die Hälfte der Grundschüler in Deutschland berichten, dass sie nie mit digitalen Medien in der Schule lernen.
(C) Janto Dreijer, CC-by-SA 3.0, Downloads von Wikipedia
Dabei ist unter Wissenschaftlern unumstritten, dass digitale Medien den Unterricht verbessern, wenn sie in die entsprechenden Lernumgebungen integriert werden. Darüber hinaus bedeute guter Unterricht Umgang mit den individuellen Interessen und Neigungen der Kinder und Jugendlichen. Darin liege das Potenzial digitaler Medien, sagt Bildungsforscherin Birgit Eickelmann vom Institut für Schulentwicklungsforschung Dortmund, die seit Jahren zum Thema arbeitet. Unterricht könne damit individueller gestaltet werden.
Wie es tatsächlich aussieht, welche Kompetenzen Jugendliche haben, unter welchen Bedingungen sie erworben werden und welchen Beitrag die Schule leisten kann, will das Institut für Schulentwicklungsforschung im großen Stil untersuchen. Die Einrichtung an der Technischen Universität Dortmund koordiniert im Auftrag des Bundesbildungsministeriums und mit Unterstützung der Kultusministerkonferenz die erste internationale Vergleichsstudie zu Computer- und Informationskompetenzen von Jugendlichen, International Computer and Literacy Study 2013 (ICILS).
Die Studie wird eine Art Computer-PISA, bei deren Ergebnissen, ähnlich wie bei Veröffentlichung der ersten PISA-Studie im Jahr 2002, ein Schock zu erwarten ist. Professor Wilfried Bos, Leiter des Dortmunder Instituts, weiß aus früheren Untersuchungen, dass der Computer hierzulande zu häufig nur in der Freizeit zum Einsatz kommt. Dies sei in unserer Informations- und Wissensgesellschaft eine enorme Potenzialverschwendung, sagt Bos. Denn Informations- und Medienkompetenzen gehörten zu den Schlüsselfähigkeiten der Zukunft, in der Menschen ihr Leben lang weiter lernen müssten, wenn sie beruflich den Anschluss halten wollen.
Bisherige Studien zeigen: Die in den Schulen verfügbare IT-Ausstattung – sofern sie heutigen Ansprüchen überhaupt genügt – wird unterdurchschnittlich genutzt. Zwar sind die Kenntnisse der Schüler grundsätzlich gar nicht schlecht. Aber: „Computerbezogene Kompetenzen erwerben Kinder und Jugendliche überwiegend außerhalb der Schule“, sagt Eickelmann.
Einer der Gründe dafür, dass digitale Medien so selten im Unterricht genutzt werden, wird in bisherigen Studien mit der eher distanzierten Einstellung der Lehrkräfte in Deutschland erklärt. Nach einer Untersuchung der Europäischen Kommission sind deutsche Pädagogen besonders skeptisch und nehmen damit eine Sonderrolle in Europa ein. In Deutschland stellt nahezu die Hälfte der Lehrer den Mehrwert des Computereinsatzes im Unterricht infrage. Gleichzeitig gibt fast jeder zweite Lehrer in Deutschland an, dass es ihm an Kenntnissen im Umgang mit digitalen Medien mangele. Die Studie sieht auch einen Zusammenhang mit dem Alter der Lehrkräfte, die im europäischen Durchschnitt zu den ältesten gehören. In Gesprächen mit einigen Lehrern hört sich das für Forscherin Eickelmann dann so an: „Computer im Unterricht? Ach, die Kinder sitzen doch auch schon genug vor dem Bildschirm“.
Die ICILS-Studie ist im Frühjahr 2012 in Deutschland gestartet und wird bis Frühjahr 2013 bundesweit an mehr als 150 Schulen durchgeführt. Die Ergebnisse werden 2014 vorgestellt.
Weitere Informationen finden Sie Welt.de.
jb


