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Leonhard Euler |
Leonhard Euler (1707 – 1783), der führende Mathematiker des 18. Jahrhunderts,
lebte und arbeitete von 1741 bis 1766 in Berlin als Mitglied der gerade von Friedrich II. reorganisierten
brandenburg-preußischen Akademie.
Auch in dieser Zeit wurde ein beträchtlicher Teil seiner reichen Produktion
auf Kosten der Petersburger Akademie, deren auswärtiges Mitglied er weiterhin war, und in Petersburg gedruckt,
darunter 1755 das Lehrbuch Institutiones calculi differemntialis.
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Titelblatt |
Dieses im Original lateinische zweibändige Werk bildet den Mittelteil einer Trilogie von Lehrwerken Leonhard Eulers
zur Analysis. Voraus ging die zweibändige Introductio in analysin infinitorum (1748), erst 1768 folgte die
sogar vierbändige Integralrechnung. Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass die Erscheinungstermine jeweils um
Jahre später als die Fertigstellungen der Manuskripte lagen, außerdem die Reihenfolge des Erscheinens
nicht identisch mit der Reihenfolge der Entstehung ist. Euler selbst schrieb am 4. Juli 1744 an den
Amateurmathematiker Christian Goldbach: „Ich habe inzwischen ein neues Werk...unter dem
Titel „Introductio ad Analysin infinitorum“,...wovon fast nichts anderswo anzutreffen. Nachdem
ich mir einen Plan von einem vollständigen Traktat über die Analysis infinitorum formiert hatte, so habe
ich bemerkt, daß sehr viele Sachen, welche eigentlich dazu nicht gehören und nirgend
abgehandelt gefunden werden, vorher gehen müßten.“ Während die Analysis von
ihren Begründern Leibniz und Newton über die Bernoullis bis zu Eulers Lehrbüchern stets
als Hilfsmittel für naturwissenschaftliche oder technische Aufgaben und in deren Termini und Denkweisen
erschienen war, stellten Eulers Bücher erstmals eine „reine“, von den Anwendungen
gelöste Analysis dar. Die Introductio führte den Eulerschen Funktionsbegriff ein und
behandelte im wesentlichen das Vorfeld der Analysis, also Rechnen mit Polynomen, trigonometrische Funktionen,
Logarithmus und Exponentialfunktion u.ä., im zweiten Band aber die ebene
Koordinatengeometrie mit nur einem kleinen Anhang über den räumlichen Fall.
Auch die hier zu besprechende Differentialrechnung beginnt auf heute unübliche Weise mit der
fast ganz aus modernen Analysiskursen verschwundenen
Differenzenrechnung. Im weiteren gibt es keinen klaren Grenzwertbegriff, kein
epsilon und delta. Vielmehr erscheint die gesamte Differentialrechnung als eine
Ausdehnung der Algebra auf Formeln, die dx, dy usw. als Bezeichnungen für kleine Zuwächse
der betreffenden Variablen sowie zum Teil Summen mit unendlich vielen Summanden enthalten,
wobei hinreichend kleine Größen
„im richtigen Moment“ vernachlässigt werden. Diese
„Algebraisierung“ bzw. auf Formelmanipulation reduzierte Analysis spiegelt
sich auch darin wider, dass das gesamte Buch, fremdartig für uns, nicht eine einzige
Abbildung enthält. Der weitere Inhalt beschäftigt sich u.a. mit Funktionen
mehrerer Variablen, Ableitungen höherer Ordnung, mit der Entwicklung von Funktionen
in Potenzreihen, mit der Lösung von Extremalaufgaben, mit Differentialgleichungen
und mit der Differentiation impliziter Funktionen.
Euler schreibt noch häufig xx statt x². Er führt hier (§ 26) erstmals
das Summenzeichen ein, verwendet es aber wenig und anders als heute, insbesondere nicht
in der uns geläufigen Kombination mit von einem Summationsendex abhängigem
„allgemeinem Glied“, sondern schreibt z.B.
S = 1 – 4 + 9 – 16 + 25 – 36 + etc.
„Etc.“ (= et cetera, usw.) tritt in Eulers Formeln so häufig auf, dass
man geradezu von einer „etc-Analysis“ sprechen könnte. Es ist also
ziemlich irreführend, wenn Jean Dieudonné schreibt: „Seit Euler
sind die Bezeichnungen in der Analysis fast mit jenen identisch, die wir heute
benutzen, und auch der Sprachgebrauch ist dem unsrigen sehr ähnlich.“
Sieht man aber von der aus heutiger Sicht unzulänglichen Fundierung, dem sorglosen
Umgang mit unendlichen Reihen und den noch ungelenken Schreibweisen ab, so sind Eulers
allgemeine Ausführungen und auch seine Beispiele zum großen Teil nicht trivial,
eher oberhalb eines heutigen Anfängerniveaus. Bis in die zwanziger Jahre des
19. Jahrhunderts hat Europa aus diesen Büchern, die bald auch ins Französische
und Deutsche übersetzt wurden, Analysis gelernt. Dann erst traten modernere
Lehrbücher von Cauchy, Lacroix, Monge u.a. an ihre Stelle.
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