Das mathematikhistorische Kalenderblatt - November 2008
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1758: J.-E. Montucla schreibt die erste umfassende Geschichte der Mathematik
Heute kann man ein kreativer und erfolgreicher Mathematiker sein, ohne über die historische Entwicklung seines Faches mehr als eine flüchtige Allgemein-bildung zu haben, während aktuelle Philosophie noch immer zu einem großen Teil aus der Kenntnis ihrer gesamten Vergangenheit besteht. In diesem letztgenannten Zustand befand sich auch die Mathematik bis um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Dies war die Zeit der Aufklärung und der Enzyklopädisten. Man bemühte sich, alles Wissen der Menschheit zu ordnen und allgemein zugänglich zu machen. Für die Historiographie der Mathematik leistete dies Jean-Etienne Montucla (1725 – 1799) mit seiner „Histoire des mathématiques“ (ausführlicher Titel: ...von ihrem Ursprung bis in unsere Zeiten, 2 Bände, von denen der zweite das 17. Jahrhundert behandelt). Rund zwei Drittel des gesamten Werkes beschäftigen sich allerdings mit Gebieten, die damals noch zur Mathematik gezählt wurden: Mechanik, Astronomie, Optik und Musiktheorie.

Montucla wurde in Lyon geboren und dort von den Jesuiten erzogen. Danach studierte er in Toulouse Jura und kam im Alter von 30 Jahren nach Paris. Seine in der Jugend erworbenen vorzüglichen Sprachkenntnisse (Griechisch, Latein, Italienisch, Deutsch, Niederländisch und sogar das damals nicht zur üblichen Allgemeinbildung gehörende Englisch) waren eine wichtige Voraussetzung für sein späteres großes Werk, das sozusagen eine spezielle Ergänzung zur fast gleichzeitig erscheinenden „Encyclopédie“ von d’Alembert und Diderot darstellte und sehr positiv aufgenommen wurde. Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, nahm Montucla jedoch die mäßig bezahlte Stellung eines Superintendenten der Gebäude und Gärten von Versailles an, die ihm wenig Zeit zum Schreiben ließ und die er bis 1789 behielt. Erst danach konnten Freunde ihn überreden, eine zweite, letztlich auf vier Bände erweiterte Auflage der „Histoire“ zu schreiben (Die ersten Bände erschienen 1799.) und dabei auch das 18. Jahrhundert einzubeziehen. Die Bände 3 und 4 wurde nach Montuclas Tod von dem Astronomen J. de Lalande (1732 – 1807) vollendet und erschienen bis 1802.
Seitdem hat die Historiographie der Mathematik sich zu einer gegenüber der forschenden Mathematik sehr eigenständigen Disziplin mit einer großen internationalen community und einer fast unüberschaubaren Fachliteratur entwickelt und ist von der ursprünglichen Kernfrage: „Wie sind wir in den Zustand gekommen, in dem die Mathematik sich gegenwärtig befindet?“ zu der weit schwierigeren Frage „Wie war es damals tatsächlich?“ übergegangen, d.h. sie interessiert sich nicht mehr nur für die wirksam gewordenen Wurzeln heutiger Mathematik, die Geschichte von Begriffen, Problemen, und Theorien, sondern auch für all das, was keine oder kaum Spuren hinterlassen hat, und für das gesamte soziale Umfeld, in dem Mathematik mehr oder weniger gut gedeiht.
Insofern steht sie nun einer allgemeinen Geschichtswissenschaft und besonders einer allgemeinen Wissenschaftsgeschichte sehr viel näher als zur Zeit Montuclas. Der gegenwärtige Mathematikhistoriker muss früh, manchmal allzu früh, aus der lebendigen Mathematik ausscheren, um professionell und erfolgreich zu werden. Dennoch bleibt die Beschäftigung mit der Geschichte auch für den schaffenden Mathematiker eine mögliche Quelle von Inspiration und eine moralische Stütze in Zeiten der Depression.

