Der goldene Schnitt
Inhalt
- Was ist der goldene Schnitt?
- Geschichte
- Konstruktionen mit Zirkel und Lineal
- Reguläre Fünfecke
- Der goldene Schnitt in der Mathematik
- Biologie, Kunst und Architektur
- Links und Literatur
1. Was ist der goldene Schnitt?
Der goldene Schnitt ist ein ganz besonderes Teilungsverhältnis. Nehmen wir mal an, es sei eine Strecke gegeben, etwa zwischen zwei Punkten A und B. (Für die Strecke schreiben wir dann [A,B]; ihre Länge bezeichnen wir mit AB.) Ist noch ein weiterer Punkt S gegeben, der auf der Strecke [A,B] liegt, so teilt S [A,B] in zwei kleinere Abschnitte. Man sagt S teilt [A,B] im goldenen Schnitt, wenn das Verhältnis des kleineren zum größeren dieser Abschnitte genauso groß ist, wie das Verhältnis des größeren Abschnitts zur ganzen Strecke.
Es stellt sich heraus, dass S dadurch eindeutig bestimmt ist. Fast
jedenfalls, denn der kleinere der Streckenabschnitte kann sowohl der bei A als
auch der bei B sein.
oder

Um uns darüber keine Gedanken machen zu müssen, fordern wir einfach, dass S näher bei B als bei A liegen soll. Der kleinere Abschnitt ist dann [S,B]. In Formeln heißt unsere Bedingung für den goldenen Schnitt:
Damit können wir das goldene Schnittverhältnis ausrechnen. Um dabei nicht ständig mit den Streckenlängen AB, usw. herumhantieren zu müssen, geben wir diesen Längen Namen: Wir setzen a = AB und x = AS. Der Länge SB müssen wir keinen Namen geben, sie ist gerade a-x.

Die Formel von oben heißt nun
Das kann man aber lösen! Wir nehmen beide Seiten der Gleichung mit ax mal und erhalten
, was das Gleiche ist wie
Eine quadratische Gleichung in x. Die p-q-Formel liefert die L?sungen

Hier kommt jedoch x2 nicht in Frage, weil es negativ ist. Unsere Lösung ist also
Insbesondere ist das "goldene Schnittverhältnis"
,
Fazit: Teilt S die Strecke [A,B] im goldenen Schnitt, so ist das
Verhältnis des kleineren zum größeren Abschnitt gleich dem
Verhältnis des größeren Abschnitts zur ganzen Strecke und
beide sind gleich
.
Setzen wir nun a=1. (Durch geeignete Wahl der Längeneinheit
kann man das sowieso immer machen.) Die eben berechnete Lösung
nennt man dann phi. phi ist ungefähr 0.618. Genausogut
hätten wir das umgekehrte Verhältnis, also x / (a-x) = a / x,
bestimmen können. Das gibt einfach den Kehrwert 1/phi. Dieser Wert wird
dann Phi genannt. Vereinbarungsgemäß ist das große Phi die
"goldene Schnittzahl". Phi ist ungefähr 1.618. Diese Ähnlichkeit zu
phi ist kein Zufall. Es gilt nämlich:

Und das ist gar nicht so schwer zu sehen, wenn man sich noch einmal klarmacht, wie wir phi berechnet hatten: phi war doch Lösung der Gleichung x2 + x - 1 = 0 (wir hatten a=1 gesetzt). Das heißt nichts anderes als


Auch Phi erfüllt eine quadratische Gleichung. Es gilt

2. Geschichte
Wer denn den goldenen Schnitt "erfunden" hat ist nicht ganz klar. Bekannt ist er mindestens seit der Antike. Gewisse Längenverhältnisse der Cheopspyramide stehen auch im goldenen Verhältnis (s.u.). Doch gibt es keine Hinweise, dass die alten Ägypter den goldenen Schnitt kannten. Als Entdecker, derjenige also der als erster eine präzise Definition des goldenen Schnitts gegeben hat, wird Hippasos (Pythagoräer) gehandelt. (Andere nennen Eudoxos, genau weiß man's nicht.) Die erste schriftliche Definition findet man in Euklids "Elementen". Obwohl der goldene Schnitt als das Teilungsverhältnis schlechthin gilt, hat man den goldenen Schnitt wohl bei der Untersuchung regulärer Fünfecke entdeckt. Das Verhältnis einer Seite zu einer Diagonalen in einem solchen Fünfeck ist nämlich gerade der goldene Schnitt. Die Konstruktion von Phi mit Zirkel und Lineal ist der erste Schritt zur Konstruktion des regulären Fünfecks. Dazu später mehr. Es gibt das Gerücht, dass Hippasos, nach der Entdeckung des goldenen Schnitts und damit der Existenz irrationaler Zahlen von seinen pythagoräischen Geheimbundkameraden ins Meer geschubst worden sei.
3. Konstruktionen mit Zirkel und Lineal
Es gibt verschiedenste Konstruktionen von phi und Phi mit Zirkel und Lineal. Einige findet man in dem Buch von Beutelspacher und Petri. Wir beschränken uns hier auf nur eine. Es sei also eine Strecke [A,B] gegeben (deren Länge immer noch a sei). Mit Zirkel und Lineal müssen wir nun den Punkt S bestimmen, der [A,B] golden schneidet.
- Zuerst errichtet man das Lot mit Fußpunkt B auf die Strecke [A,B]. (Verlängere die Strecke [A,B] über B hinaus. Der Kreis mit Radius a um B schneidet die verlängerte Strecke dann nicht nur links von B in A, sondern auch noch in einem weiteren Punkt P rechts von B (im Abstand a). Der Kreis um A mit Radius AP=2a schneidet den Kreis um P mit Radius AP=2a in genau zwei Punkten. Die Gerade durch diese Punkte ist das gesuchte Lot.)
- Auf diesem Lot tragen wir nun ausgehend von B die Länge a/2 ab und erhalten so den Hilfspunkt C. (Die Länge a/2 bekommt man in den Zirkel, indem man die Ausgangsstrecke halbiert: Man male Kreise der Länge a um A und B. Verbindet man deren Schnittpunkte mit dem Lineal, so ist der Schnittpunkt dieser Linie mit [A,B] gerade der Mittelpunkt von [A,B]. Damit hat man die Länge a/2 konstruiert: als Abstand dieses Mittelpunktes von B.)
- Verbinde nun die Punkte A und C.
- Schlage einen Kreis mit Radius CB = a/2 um C. Den Schnittpunkt dieses Kreises mit der Strecke [A,C] nennen wir D.
- Nun zeichnen wir den Kreis mit Radius AD um A. Der Schnittpunkt dieses Kreises mit der Ausgangsstrecke [A,B] ist S.
Warum?
Wurzelziehen und Einsetzen von AB = a und BC=a/2 liefert
Da nun CD = CB = a/2 ist, folgt
,also AD = a
. Nach Konstruktion ist aber AS = AD und damit
.Das war zu zeigen.
Ausgehend von einer Strecke der Länge a können wir also eine Strecke der Länge phi mal a konstruieren. Dann aber auch eine der Länge Phi mal a. Wir müssen ja wegen Phi mal a = (1+phi)a an die Strecke der Länge phi nur nochmal eine der Länge a anhängen. Das führt direkt zur Konstruktion des goldenen Dreiecks. Ein goldenes Dreieck ist ein gleichschenkliges Dreieck, so dass das Verhältnis der beiden gleichen Schenkellängen zur Basislänge gerade Phi ist.
Ist eine Strecke der Länge a gegeben, so müssen wir nur so lange
herumkonstruieren, bis wir Phi mal a im Zirkel haben (wie das geht steht oben)
und dann an den Enden der gegebenen Strecke Kreise mit Radius Phi mal a
abtragen. Verbindet man einen Schnittpunkt dieser Kreise mit den Endpunkten
der gegebenen Strecke, hat man ein goldenes Dreieck.
4. Reguläre Fünfecke
Ein reguläres Fünfeck ist ein konvexes Fünfeck (d.h.
es gibt keine nach Innen weisenden Ecken) mit fünf gleich langen
Seiten und fünf gleich großen Innenwinkeln. So sieht's aus:
Die Verbindungsstrecken zweier nicht benachbarter Ecken heißen Diagonalen. Gleich zweimal tritt bei der Untersuchung der Diagonalen der goldene Schnitt auf:
- Zwei Diagonalen, die keinen gemeinsamen Endpunkt haben, teilen einander im goldenen Schnitt.
- Das Verhältnis der Länge einer Diagonalen zur Länge einer Seite ist Phi (das goldene Verhältnis).
Der Beweis dieses Satzes ist nicht sehr schwierig (allerdings auch nicht völlig einfach). Bevor wir den Beweis beginnen, notieren wir die offensichtliche Tatsachen, dass
- erstens jede Seite zu einer bestimmten Diagonalen parallel ist. Derjenigen nämlich, mit der sie keinen gemeinsamen Endpunkt hat. (Z.B. ist [C,D] || [B,E] und [D,E] || [A,C].)
- Zweitens, dass alle Diagonalen die gleiche Länge haben. Dass das wirklich so ist, folgt aus der Symmetrie des Fünfecks.
- die Zuordnung Kettenbruch <--> reelle Zahl bijektiv ist (d.h. zu jeder reellen Zahl es genau einen Kettenbruch gibt, der sie darstellt und umgekehrt)
- und die endlichen Kettenbrüche gerade zu den rationalen Zahlen gehören.
- Das Verhältnis vom Abstand Bauchnabel -- Sohle zum Abstand Scheitel -- Bauchnabel sowie,
- steht man aufrecht und lässt die Arme an der Seite herabhängen, das Verhältnis vom Abstand Scheitel -- Fingerspitzen zum Abstand Fingerspitzen -- Sohle.
- A. Beutelspacher, B: Petri: Der Goldene Schnitt, BI, Zürich 1989
- H. Walser: Der Goldene Schnitt, Teubner, Stuttgart, Leipzig 1993
- Fibonacci Numbers and The Golden Section in Art, Architecture and Music
- Der Goldene Schnitt - Mathematik, Mythos und mehr
- Fibonacci Numbers and the Golden Section
- The Golden section ratio: Phi
- Konstruktion eines Fünfecks
- Der Goldene Schnitt --- Theoretische Überlegungen und Beispiele in Wissenschaft und Kunst
- Quasikristalle
- Eine animierte Darstellung des goldenen Schnitts im Parthenon
1. Es sei S der Schnittpunkt der Diagonalen [A,C] und [B,E].
Außerdem brauchen wir noch, dass
ist. Das hatten wir uns schon oben klargemacht, weil ja [A.C] und [C,E] zwei Diagonalen sind. Das war's eigentlich schon. Da [A,B] und [C,E] parallel sind, können wir den Strahlensatz anwenden:
Wir hatten aber gezeigt, dass CE=AC und AB=SC ist, also
Der Schnittpunkt der Diagonalen teilt diese demnach wirklich im goldenen Schnitt.
2. Die zweite Aussage, dass das Verhältnis der Länge einer
Diagonalen zur Länge einer Seite gleich Phi ist, haben wir eigentlich
schon in 1. mitbewiesen. Mit Hilfe des Strahlensatzes hatten wir
gesehen. Hier ist CE/AB gerade "Diagonalenlänge durch Seitenlänge" und SC/AS nach unsrerem Ergebnis aus 1. gleich Phi, die goldene Schnittzahl.
Ausgehend von einer Seite, etwa [A,B], wollen wir ein reguläres Fünfeck nun konstruieren.
Nicht unerwähnt bleiben soll in diesem Abschnitt, dass man ein reguläres Fünfeck auch durch Papierfalten erhält. Macht man in einen Papierstreifen einen einfachen Knoten und drückt diesen dann platt, entsteht ein reguläres Fünfeck.
5. Der goldene Schnitt in der Mathematik
Wir haben uns nun recht ausführlich mit Zirkel- und
Linealkonstruktionen und regulären Fünfecken beschäftigt. Alles
Dinge, die schon die alten Griechen kannten. Jetzt wenden wir uns auch neueren
Untersuchungen zu und werden einige Gebiete in der Mathematik, in denen auch
vom goldenen Schnitt die Rede ist wenigstens kurz erwähnen, dabei aber
nicht mehr ganz so ins Detail gehen.
Der goldene Schnitt im Ikosaeder
Lässt man drei "goldene" kongruente Rechtecke, also solche, deren Seitenlängenverhältnis gerade Phi ist, sich gegenseitig wie unten abgebildet durchdringen, so bilden die Ecken der Rechtecke gerade die Ecken eines Ikosaeders.
Das Ikosaeder ist einer der fünf platonischen Körper. (Die
anderen sind Tetraeder, Würfel, Oktaeder und Dodekaeder.) Die
Oberfläche eines Ikosaeders besteht aus 20 deckungsgleichen
gleichseitigen Dreiecken.
Der goldene Schnitt und Kettenbrüche
Ein (endlicher) Kettenbruch ist ein Ausdruck von der Form


Wie sieht die Kettenbruchentwicklung von Phi aus? Eine saubere Herleitung wollen wir hier nicht geben, auf die richtige Idee aber kann man folgendermaßen kommen. Ausgehend von der Gleichung Phi2- Phi - 1 = 0 (s.o.) erhalten wir (teile durch Phi)



Der goldene Schnitt und die Fibonaccifolge
Die Fibonaccifolge ist eine Folge (f1, f2,
f3, ...) = (1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, ...)
natürlicher Zahlen. Dabei startet man mit f1=1 und
f2=1. Nun ergibt sich jede weitere Zahl als die Summe der beiden
vorigen. Also

Was hat das aber nun mit dem goldenen Schnitt zu tun? Sogar eine ganze Menge! Sehen wir uns doch mal die Quotienten aufeinanderfolgender Fibonaccizahlen an. (Nennen wir sie a1, a2, a3, ...). D.h. wir setzen

Man kann sich das so klarmachen: Aus der Rekursionsgleichung

für die Fibonaccizahlen folgt eine Rekursionsgleichung für die Folge der an:

Das kennen wir aber! Die Folge der an ist nichts weiter als die Folge der Kettenbrüche

Es gilt aber noch viel mehr. Bislang können wir die Fibonaccizahlen
nur rekursiv berechnen. D.h., um etwa f1000 zu berechnen,
müßten wir zunächst f999 und f998
ausrechnen, dafür wieder f997 u.s.w. Glücklicherweise
gibt es aber auch ein explizite Formel. Nämlich:

Probieren wir's mal aus:
,Überlegen wir uns, dass das immer klappt! Wir müssen zeigen, dass
ist. Nennen wir die Folge



Auch die Folge der gn beginnt demnach mit (1,1,...). Um zu beweisen, dass gn = fn ist, dass also gn die Folge der Fibonaccizahlen ist, müssen wir nur noch nachprüfen, dass sie die definierende Rekursionsgleichung ("jedes Glied gleich Summe der beiden vorigen") erfüllt. Dann muss es die Fibonaccifolge sein. Los geht's:

Nun können wir die im ersten Abschnitt hergeleiteten quadratischen Gleichungen für Phi und phi benutzen. Zur Erinnerung: Es galt
und
.Daher ist Phi + 1 = Phi2 und 1 - phi = phi2 = (-phi)2. Setzen wir das ein, erhalten wir

6. Biologie, Kunst und Architektur
Wohl nicht so sehr seiner mathematischen Eigenschaften als vielmehr seines Auftretens in außermathematischen Zusammenhängen wegen ist der goldene Schnitt so berühmt. Ob Kunst, Architektur, Biologie oder gar Esoterik, der goldene Schnitt scheint einfach überall zu sein. Dabei muss man allerdings vorsichtig sein. Denn wenn man schon im voraus weiß, worauf man hinaus möchte (den goldenen Schnitt nämlich), dann ist es oft keine große Kunst mehr, tatsächlich genügend Beispiele zu finden.
Biologie
Wir hatten oben gesehen, dass das Verhältnis zweier aufeinanderfolgender Fibonaccifolgenglieder eine Approximation an den goldenen Schnitt ist. (Eine recht gute übrigens.) Nun stellt man fest, dass die Kerne einer Sonnenblume ein ganz besonderes Muster aufweisen: Sie liegen auf spiralförmigen Linien, die sich von der Mitte bis zum Rand der Sonnenblume winden.
Ähnliche Phänomene findet man bei der Schuppenanordnung von Tannenzapfen und Ananas. Natürlich tritt der goldene Schnitt bei Pflanzen auch immer dann auf, wenn z.B. die Blüten die Form eines regelmäßigen Fünfecks (oder eines Pentagramms) haben. Doch auch am menschlichen Körper findet man den goldenen Schnitt. Wir nennen (zum selbst Überprüfen!) nur:
Kunst
Auch in vielen Bildern findet man den goldenen Schnitt. Wir geben nur ein Beispiel. Ein Selbstportrait Dürers aus dem Jahr 1500.
Architektur Zwei Beispiele für den goldenen Schnitt in der Architektur: Die Cheopspyramide und das alte Leipziger Rathaus. Zunächst zur Cheopspyramide:
Deutlicher erkennt man den goldenen Schnitt am alten Leipziger Rathaus.
7. Literatur und Links
Zum Schluss eine kleine Auswahl an Literatur zum goldenen Schnitt. Sehr
gut hat mir das Buch von Beutelspacher und Petri gefallen. Hier findet man auch
ein ausführliches, weiterführendes Literaturverzeichnis. Auch die
Linkliste ist keineswegs vollständig. Sollten wir einen wichtigen Link
übersehen haben, dann schreiben Sie bitte eine E-Mail an mathematik.de (mail[at]mathematik.de).
Bücher über den goldenen Schnitt:
Links zum goldenen Schnitt:

