Die Zahl e lässt sich auf verschiedene Weise einführen:
Möglichkeit 1
In der Schule wird e oft über die so
genannte stetige Verzinsung eingeführt.
Darunter ist Folgendes zu verstehen. Man stellt sich vor, dass eine
Bank 100 Prozent Zinsen gibt, wobei jährlich abgerechnet wird. Nach
einem Jahr werden dann aus einem Euro zwei Euro.
Wird jeweils nach einem halben Jahr abgerechnet und werden die Zinsen
gleich wieder angelegt, so liefert die Zinseszinsrechnung ein Kapital
von
nach einem Jahr. Analog: Wird das Jahr in n gleiche Teile geteilt,
so wird aus einem Euro unter Berücksichtigung der Zinseszinsen ein
Kapital von
Euro. Die Frage ist dann interessant, ob auf diese Weise ein beliebig
hoher Zinsertrag erwirtschaftet werden kann. Überraschenderweise
streben die Zahlen
(1+1/n)n aber gegen einen Grenzwert, nämlich gegen die
Zahl
Diese Zahl wird die Eulersche Zahl genannt und mit e
bezeichnet.
Möglichkeit 2
Die Zahl e ergibt sich auf ganz natürliche
Weise auch bei Wachstumsprozessen. Wir stellen uns irgendeine
Population vor, bei der das Wachstum proportional zur gerade
vorhandenen Bevölkerung und zur Beobachtungszeit ist:
Gibt es zur Zeit t genau f(t)
Individuen, so soll der Zuwachs in den nächsten s
Zeiteinheiten genau a·s ·f(t) sein (dabei ist
a eine geeignete Konstante, die so etwas wie die Fruchtbarkeit
misst). Das heißt gerade:
und das bedeutet im
Grenzwert, wenn s gegen Null geht:
Es reicht nun, den Spezialfall a = 1 zu untersuchen, die allgemeine
Situation lässt sich durch Skalierung darauf zurückführen.
So gelangt man zu dem folgenden Problem: Finde eine Funktion f, für die
f ' = f ist (für die also die Ableitung der Funktion mit der Funktion
übereinstimmt) und für die f(0)=1 gilt; Letzteres ist lediglich eine
praktische Normierung. Man kann dann beweisen, dass es eine eindeutig
bestimmte Funktion mit dieser Eigenschaft gibt, sie wird die
Exponentialfunktion genannt, der Wert dieser Funktion bei einer Zahl x
wird mit exp(x) bezeichnet. Die Zahl e
ist dann gerade der Wert der Exponentialfunktion an der Stelle x = 1.
Es gilt: exp(x) = ex für alle reellen Zahlen x.
Möglichkeit 3
Es ist für konkrete Rechnungen oft praktisch
zu wissen, dass sich exp(x) als unendliche Summe
|
1+ |
x 1
|
+ |
x2 1·2
|
+ |
x
3 1·2·3
|
+... |
|
schreiben lässt. Durch Einsetzen von x = 1 erhält man
|
e = 1+ |
1 1
|
+ |
1 1·2
|
+ |
1 1·2·3
|
+.... |
|
Da die Nenner in dieser Summe sehr schnell sehr groß werden, kann
man mit relativ wenigen Summanden e schon recht gut bestimmen.
Möglichkeit 4
Wer schon weiß, was ein Flächeninhalt
unter einer Kurve ist, kann e auch als diejenige Zahl x definieren,
für die die Fläche unter der Kurve 1/x zwischen den Abszissen
1 und x genau den Wert 1 hat. Das das wirklich so ist, folgt
aus elementaren Integrationsregeln (das unbestimmte Integral der
Funktion 1/x ist die Logarithmusfunktion, und die hat genau bei e
den Wert 1).
Wissenswertes zu e
1. Sicher ist e eine der wichtigsten Zahlen der Mathematik und
für die Anwendungen. Das liegt überwiegend in ihrer Bedeutung für
Wachstumsprozesse. Eigenschaften der Exponentialfunktion - auch im
Bereich der komplexen Zahlen - wurden von
Euler
intensiv untersucht,
ihm zu Ehren heißt sie e.
2. Wie auch die Zahl
gehört die Zahl e in der Hierarchie
der Zahlen zu den kompliziertesten. Dass sie irrational ist, kann
vergleichsweise leicht eingesehen werden, dazu muss man nur wenig
über die Exponentialfunktion wissen. Dass sie sogar transzendent
ist, ist viel schwieriger zu beweisen.
Dieses Ergebnis wurde im Jahre 1873 von
Hermite
gezeigt.
3. Im Gegensatz zu
gibt es für e keine Fan-Gemeinde. Auch
ist es nicht besonders Prestige-fördernd,
nun möglichst viele Stellen nach dem Komma für e auszurechnen.
Das liegt daran, dass das durch die Formel
|
e = 1+ |
1 1
|
+ |
1 1·2
|
+ |
1 1·2·3
|
+... |
|
so einfach ist, dass eigentlich nur noch elementare
Programmierkenntnisse gefordert sind, um fast beliebig viele Stellen
zu bestimmen.
4. Die Formel
|
ex = 1+ |
x 1
|
+ |
x2 1·2
|
+ |
x3 1·2·3
|
+... |
|
hat die bemerkenswerte Konsequenz, dass man ex nicht nur für
reelle Zahlen x definieren kann. Die Formel ergibt in allen
mathematischen Bereichen ein sinnvolles
Ergebnis, in denen geklärt ist, was Summe, Produkt und Konvergenz
sind. Das ist zunächst wichtig für die Erweiterung der reellen zu
den komplexen Zahlen, die Konstruktion spielt aber auch in viel
komplizierteren Zusammenhängen eine wichtige Rolle. (So kann man
etwa auch dann mit ex rechnen, wenn x eine quadratische Matrix
ist.)
Die Erweiterung der Exponentialfunktion in den Bereich der komplexen
Zahlen spielt eine wichtige Rolle, um
eine der interessantesten Formeln
der Mathematik zu verstehen.