Zusammenspiel: Mathematik und Architektur
von Prof. Dr. Jürgen Richter und Prof. Dr. Ulrich Kortenkamp
| Dieser Artikel gliedert sich in folgende Abschnitte: |
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Einleitung
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| Sternkörper auf dem Fußboden von San Marco in Venedig. |
"Weg vom rechten Winkel!", "Weg von ebenen Flächen!", "Weg von Wiederholungen!" sind nicht selten Parolen, die eine neue Generation von Architekten den Vorherigen zuruft. Dabei darf man nicht aus den Augen verlieren, dass mit der Abkehr von bestimmten Strukturen keinesfalls die Abkehr von der Mathematik als Grundlage und inspirative Quelle erfolgt. Es werden lediglich die inneren Gesetzmäßigkeiten anderer Strukturen wichtig. Amorphe Formen folgen ebenso strengen mathematischen Gesetzmäßigkeiten wie rechte Winkel; es sind nur andere!
Ein gleichwohl für Mathematiker als auch für Architekten besonderer Reiz ergibt sich, wenn die beiden oben beschriebenen Funktionen von Mathematik als Prüfstein des Machbaren und Quelle der Inspiration einander ergänzen und gegenseitig bedingen. Dies passiert beispielsweise dann, wenn die Auswahl einer bestimmten mathematischen Struktur erst die Umsetzung eines Gebäudes ermöglicht. Musterbeispiele hierfür sind die "Geodesic Domes" von Buckminster Fuller, bei welchen durch die Ausnutzung geeigneter mathematischer Grundprinzipien mit einem minimalen Materialaufwand frei tragende und dennoch überaus stabile Hallen oder Kuppeln realisiert werden.
Eine weitere besondere Verbindung von Architektur und Mathematik ergibt sich, wenn die Architektur ein Denkmal für vorhandenes mathematisches Wissen einer Kultur setzt. So ist es bestimmt kein Zufall, dass in der für ihre ornamentalen Arabesken berühmten Alhambra in Granada (erbaut um das Jahr 1300) alle 17 kristallographischen Gruppen, also alle mathematisch möglichen Typen von Flächenornamenten, verwendet wurden. Ein ebenfalls bemerkenswertes Beispiel sieht man in einem von Paolo Uccello um 1445 gestalteten Fußbodenmosaik im Eingangsbereich von San Marco in Venedig: Dort finden wir eine Projektion eines Kepler-Poinsot'schen Sternkörpers - die Arbeiten und Untersuchungen Keplers, nach denen diese Objekte heute benannt sind, fanden erstaunlicherweise erst mehr als 100 Jahre später statt!
Wie aber entsteht ein solches Wechselspiel von Formfindung, Formgebung, mathematischer Notwendigkeit und metaphorischer Inspiration? Exemplarisch möchten wir hier an einigen Beispielen skizzieren, wie dieser Dialog entsteht, ein Prozess, der sich sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart offenbart.
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| Dieser Artikel ist der aviso - Zeitschrift für Wissenschaft und Kunst in Bayern Ausgabe 1/2004 entnommen und kann auf der aviso-Website als PDF-Dokument herunter geladen werden. |

