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Interview mit ...

Prof. Dr. Dr. h. c. Deuflhard (Präsident des ZIB)

Nachdem Prof. Deuflhard sein Studium der Reinen Physik an der TH München 1968 beendet hatte, promovierte er in Mathematik an der Universität zu Köln. Danach trat er eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TH München an, wo er dann auch 1977 habilitierte. In den Jahren 1978-1986 war er Professor an der Universität in Heidelberg, wonach er das Konrad-Zuse-Zentrum für Informationstechnik (ZIB) in Berlin begründete und seitdem leitet.

Prof. Deuflhard, nachdem Sie Ihr Diplom in Physik gemacht haben, haben Sie eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Mathematik angetreten und anschließend in Mathematik promoviert und habilitiert. Wie kam es zu dem Wechsel von der Physik zur Mathematik?
Das ist relativ leicht zu erklären. In der Schule hatte ich drei Lieblingsfächer: Mathematik, Musik und Geschichte. Als ich mir überlegte, was ich mit Mathematik später machen könnte, sah ich drei Möglichkeiten: Mathematiklehrer am Gymnasium, Versicherungsmathematik, was mir zum damaligen Zeitpunkt als zu langweilig erschien, oder Professor an der Universität, was mir illusorisch vorkam. Also entschloss ich mich für das nächstgelegene Gebiet, die Physik. Obwohl ich während der Schule nie so gut in Physik wie in Mathe war, schloss ich mein Studium mit Auszeichnung ab. Danach begann ich in der theoretischen Physik zu promovieren.
Dabei musste ich eine mathematische Gleichung für Festkörperprozesse lösen. Bis dahin wurde ausschließlich versucht, das mit iterativen Methoden zu erreichen. Als ich dann aber herausfand, dass dieses Verfahren bei dieser speziellen Gleichung gar nicht konvergieren kann, erklärte mir mein Doktorvater: "Sie werden nie ein guter Physiker, wenn Sie bei Iterationen erst überlegen, ob diese überhaupt konvergieren." Also begann ich bei Bulirsch an der Universität zu Köln meine Dissertation in Mathematik. Somit erlernte ich die Mathematik durch "learning by doing" nebenbei und stellte dabei sehr schnell fest, dass sich die physikalischen Instrumente sehr von den mathematischen unterschieden.

1986 wurde dann das ZIB von Ihnen gegründet. Was war der Grundgedanke (die Zielsetzung) dieser Institution?
Es sollte Mathematik am Rande des Rechenbaren, d.h. der Komplexitätsgrenze, betrieben werden. Mathematische Modelle sollten für die Gesellschaft, Wissenschaft und Industrie entwickelt werden.

Hat sich dieser Grundgedanke über die Jahre geändert?
Nein, dieser hat sich eher noch verfestigt, unter anderem auch durch das .

Was sind die Projekte, an denen Sie zurzeit arbeiten und inwieweit spielt dabei Mathematik eine Rolle?
Ich kann Ihnen hier natürlich nicht alle Projekte sagen, aber ich werde kurz zwei vorstellen:
Als Erstes möchte ich die Konformationsdynamik erwähnen, hier arbeite ich seit längerem mit Prof. Schütte gemeinsam. Dabei geht es um Medikamentenentwicklung, ausschließlich im Computer. Der Krankheitserreger ist ein Virus, den wir als Molekül mit einem Eiweißträger und einer aktiven Zone verstehen. Wenn man nun ein Medikament dagegen konstruieren will, dann sucht man ein Molekül, das sozusagen auf die aktive Zone passt und diese somit außer Gefecht setzt. Das scheint auf den ersten Blick recht einleuchtend, ist allerdings nicht so einfach, da diese Vorstellung so nicht ganz vollständig ist. Das Problem ist, dass diese Moleküle keine starren Objekte sind, sondern stark oszillieren, was mit einberechnet werden muss. Das Ganze fällt unter den Begriff Konformationsdynamik. Hierbei interagieren verschiedene Bereiche der Mathematik: Differentialgleichungen, die Kondition des mathematischen Problems und die Wahrscheinlichkeitstheorie (Markovketten).
Weiterhin arbeiten wir an einigen medizinischen Projekten (insbesondere Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie). Mit dem Bereich der mathematischen Medizin beschäftige ich mich nun schon seit 1989. Zu Beginn ging es um die Behandlung von Krebs im Unterleib. Damals lernten wir, virtuelle Patienten im Computer zu konstruieren. Man benötigt sehr viel Mathematik, insbesondere Differentialgleichungen, um zu berechnen, wo man die regionale Hyperthermie (Wärmebehandlung) genau anwenden muss. 1999 trat dann ein Mediziner aus München an mich heran, und fragte, ob man einen virtuellen Patienten auch für den Kopf entwerfen könnte, worauf ich entgegnete, dass es für einen Mathematiker keinen Unterschied zwischen Unterleib und Kopf gäbe. Nach einem halben Jahr hatten wir dann Erfolg, und der virtuelle Patient konnte zur Operationsplanung verwendet werden. Allerdings gibt es hier noch einige ungelöste zeitabhängige Kontaktprobleme, bei denen ich eng mit Prof. Kornhuber kooperiere.
Matheon ist der neue Name für ein ursprünglich mit dem Wort-Ungetüm "Mathematik für Schlüsseltechnologien: Modellierung, Simulation und Optimierung realer Prozesse" benanntes DFG-Forschungszentrum. Die drei grossen Universitäten Berlins und zwei mathematische Forschungsinstitute in Berlin haben sich 2002 entschieden, ihre Forschungsaktivitäten zu koordinieren, mit dem Ziel die Entwicklung der Mathematik zum Schlüssel zu den Schlüsseltechnologien zu fördern.

Welches Projekt des Konrad-Zuse-Zentrums war Ihrer Meinung nach das erfolgreichste?
Das ist so, wie wenn ich Sie nach Ihrer besten Freundin fragen würde. Lassen Sie es mich so formulieren: Das ZIB hat eine ganze Reihe sehr erfolgreicher Projekte.

Heutzutage hört man ja immer wieder, dass viele Forscher ins Ausland gehen, Sie selbst haben 1981 eine Professur am RPI New York abgelehnt. Für wie attraktiv halten Sie den Standort Deutschland für Mathematiker?
Die Frage will ich hier geteilt beantworten. Einerseits ist der Standort Deutschland, insbesondere auch Berlin, im Bereich der angewandten Mathematik in Weltform. Auf der anderen Seite befinde ich mich persönlich nun in einem Alter, wo ich in Deutschland bald nicht mehr die Möglichkeit haben werde zu arbeiten. In der Regel mit 65, spätestens mit 68 muss man in Rente gehen. In den USA kann man dank des Antidiskriminierungsgesetzes nicht gegen seinen Willen in Pension geschickt werden. Für den Nobelpreisträger Hänsch wurde eine Stiftung ins Leben gerufen, die seine Arbeit auch noch nach dem 65. Lebensjahr finanzierte. Dies kann aber nur ein Notnagel sein. Ich für meinen Teil hätte da zwar auch noch ein Projekt, das ich schon seit 10 Jahren beginnen will. Andererseits denke ich mir, dass es vielleicht sinnvoller ist, die Forschung den Jüngeren zu überlassen und mich mehr Fragen der gesellschaftlicher Verantwortung zu widmen.

Viele Mitmenschen sind abgeschreckt von der Mathematik. Wie würden Sie sie motivieren, was ihnen sagen, damit sie sich mit ihr auseinander setzen?
Ich habe es aufgegeben andere Leute umzustimmen. Zum Glück mögen nicht alle Mathematik, sonst hätte ich keine Arbeitsstelle. Lieber beschäftige ich mich intensiv mit den Leuten, die Freude an der Mathematik haben.

Was ist Mathematik für Sie?
Mathematik ist für mich die Lehre von strukturellen und quantitativen Zusammenhängen. Man löst Probleme, indem man einen Schritt zurück aus der Wirklichkeit geht. Damit hat man einen breiteren Blickwinkel und kann so die Probleme anders als beispielsweise in der Physik oder den Ingenieurswissenschaften lösen. Früher hat man sich damit auch bereits zufrieden gegeben. Heute versucht man dann wieder einen Schritt nach vorn zu machen und seine Resultate in die Wirklichkeit einzubauen. Denn beim Zurücktreten verliert man einige Details aus den Augen. Ein klassisches Beispiel hier ist Moser, der der Frage nach der Stabilität des Planetensystems nachging. Er ging den Schritt zurück, indem er annahm, dass die Planeten Punkte seien. Mittels dieses Ansatzes kam er zu dem Schluss, dass das Planetensystem stabil sei. Dieses entspricht aber nicht der Wirklichkeit. Er wäre nicht zu diesem falschen Schluss gekommen, wenn er wieder den Schritt zurück nach vorne in die Realität getan hätte.

Wir danken Prof. Deuflhard für dieses Gespräch.