Fünf Minuten Mathematik
Der Abelpreis
Gibt es einen Nobelpreis für Mathematik? Bis vor zwei Jahren hätte man darauf mit einem klaren "Nein“ antworten müssen. Als Ersatz haben die Mathematiker die prestigeträchtigen Fieldsmedaillen, die alle vier Jahre auf dem Weltkongress der Mathematik vergeben werden. Auch wenn die Preisträger ausgesorgt haben, weil sie aufgrund des hohen Ansehens dieser Auszeichnung mit Angeboten für gut bezahlte Stellen überhäuft werden, so ist die ausgelobte Summe doch eher bescheiden. Der Preis für den besten Nachwuchsdichter der Stadt Wanne-Eickel dürfte höher dotiert sein.
Das ist nun seit zwei Jahren anders, die Vorgeschichte des neuen Preises beginnt vor vielen Millionen Jahren. Damals fanden nämlich diejenigen geologischen Entwicklungen statt, die zu einem Erdölsee unter der norwegischen Küste geführt und dieses kleine Land (nur vier Millionen Einwohner!) in den letzten Jahrzehnten sehr wohlhabend gemacht haben.
Außerdem hat Norwegen einen der begabtesten Mathematiker des 19. Jahrhunderts hervorgebracht: Niels-Henrik Abel (1802 – 1829). Der hatte nur ein kurzes, von Krankheit und materieller Not gekennzeichnetes Leben. Der Ruf auf eine Professorenstelle (bemerkenswerterweise nicht an eine Universität in Norwegen, sondern nach Berlin) erreichte ihn zu spät: Er konnte sie wegen seines Gesundheitszustands schon nicht mehr antreten.
Erst nach seinem Tod erkannte man auch in seinem Heimatland, welch genialer Mensch er gewesen war. Um ihn nachträglich ganz besonders zu würdigen, wurde 2003 der Abelpreis geschaffen. Er wird jährlich an Mathematiker verliehen, deren Lebenswerk einen besonderen Einfluss auf die Entwicklung des Faches hatte. Die Preissumme beträgt stattliche 800.000 Euro, entspricht also der von Nobelpreisen.
Der erste Preis (2003) ging an Jean-Pierre Serre, in diesem Jahr wurde er an Sir Michael Atiyah und Isidore Singer verliehen. Und Berlin ist auch immer dabei: Die norwegische Botschaft spendierte sehr großzügig eine Reise zur Preisverleihung für das Siegerteam vom Berliner "Tag der Mathematik“, der jährlich veranstaltet wird und sich an Schülerinnen und Schüler richtet.
Die Kolumne "Fünf Minuten Mathematik" in der WELT vom 2. 5. 2004
Ehrhard Behrends, FU Berlin


