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Fünf Minuten Mathematik

Ramanujan

Gibt es einen direkten Weg zur mathematischen Wahrheit? Einen Weg, der einen zur Einsicht führt, ohne dass man sich jahrelang ausgefeilte Techniken aneignen und sich durch verwickelte Beweise quälen muss? In Ausnahmefällen scheint das möglich zu sein, das sicher bekannteste Beispiel ist der indische Mathematiker Srinivasa Ramanujan (1887 bis 1918), von dessen dramatischem Leben hier kurz berichtet werden soll.

Aufgewachsen ist er im armen Süden Indiens. Die Anfangsgründe der Mathematik hat er sich selbst beigebracht, indem er eine Formelsammlung durcharbeitete, die ihm durch Zufall in die Hände gefallen war. Ohne fremde Hilfe entdeckte er sehr bemerkenswerte Ergebnisse aus der Zahlentheorie, die teilweise in Europa unter Fachleuten schon bekannt, zum größten Teil aber neu waren. Da er keinen Universitätsabschluss hatte, fand er keine seinen Fähigkeiten angemessene Anstellung. Er schlug sich irgendwie durch und verbrachte - bis zur physischen und psychischen Erschöpfung - jede freie Minute mit der Suche nach mathematischer Erkenntnis. Nur durch glückliche Umstände kam er an die renommierte Universität von Cambridge: Er hatte brieflich Kontakt mit mehreren europäischen Mathematikern aufgenommen, nur einer erkannte, welche tiefen Wahrheiten hinter den mit vielen Formeln vollgeschriebenen Seiten verborgen waren. In Cambridge arbeitete er dann einige Jahre äußerst produktiv mit führenden Fachleuten zusammen.

Von der Anstrengung und durch die Umstellung auf die fremden Lebensumstände gezeichnet wurde er krank und kehrte nach Indien zurück, wo er bald darauf starb.

Sein direkter Zugang zur Wahrheit wird immer geheimnisvoll bleiben, sein Schicksal ist aber auch aus anderen Gründen bemerkenswert. Man kann zum Beispiel darüber spekulieren, wie viele Ramanujas in dieser Welt nur deswegen unentdeckt bleiben, weil ihre Entwicklung wegen des Bildungssystems ihres Heimatlandes vom Zufall abhängt und sie eben Pech hatten.

Ergänzungen

Es gibt ein sehr empfehlenswertes Buch über Ramanujan, hier finden Sie eine Rezension dazu.

Die Kolumne "Fünf Minuten Mathematik" in der WELT vom 8. 12. 2003 (und in der "Berliner Morgenpost" vom 11. 4. 2004)
Ehrhard Behrends, FU Berlin