"Flyspeck"-Projekt
von George Szpiro, NZZ vom 16. 2. 2003
20 Jahre für einen Beweis des Beweises
Vier Jahre lang gerechnet
Publikation mit Warnung
Von George Szpiro erscheint Ende Februar im Verlag John
Wiley & Sons, New York, das Buch " Kepler's Conjecture: How
Some of the Greatest Minds in History Helped Solve One of
the Oldest Math Problems in the World".
Der Mathematiker Thomas Hales ist eigentlich kein Mensch
grosser Worte. Aber in den E-Mails, die er am 8. August 1998
an seine Kollegen in aller Welt verschickte, war seine
Bescheidenheit von vornherein vergeblich: Die 400 Jahre alte
Keplersche Vermutung habe er gelöst, schrieb er in seiner
Mitteilung. Diese Vermutung besagt, dass die dichteste Art,
Kugeln aufzustapeln, darin besteht, sie pyramidenförmig
übereinander zu placieren - also genau so, wie man Orangen
aufeinander stapelt. Hales hatte die Vermutung mit Hilfe
eines massiven Einsatzes von Computern bestätigt. Doch auch
viereinhalb Jahre später ist der Beweis immer noch in keiner
Fachzeitschrift veröffentlicht worden. Wieso?
Bevor eine wissenschaftliche Arbeit in gedruckter Fassung
erscheinen kann, muss sie einen rigorosen Prozess der
Begutachtung durchlaufen. Nach Bekanntwerden von Hales'
Mammutleistung wollte Robert MacPherson, Professor am
Institute of Advanced Studies in Princeton und einer der
sechs Redaktoren der "Annals of Mathematics", dem jungen
Professor die Veröffentlichung in der wohl renommiertesten
mathematischen Zeitschrift vorschlagen. Ganz wohl war ihm
nicht dabei, denn es handelte sich ja um einen der von
vielen Mathematikern verpönten Computerbeweise. Also holte
er zuerst die Meinung seiner fünf Kollegen im Redaktionsstab
ein. Diese meinten, dass ein Computerbeweis im Prinzip
akzeptabel sei, doch beharrten alle Seiten darauf - Thomas
Hales inbegriffen -, dass der Begutachtungsprozess den
allerhöchsten Ansprüchen genügen müsse.
Daraufhin beauftragte MacPherson nicht weniger als ein
Dutzend Mathematiker mit der Aufgabe, den Beweis minuziös
durchzuarbeiten und auf Schwachstellen zu prüfen. Geleitet
wurde das Projekt von dem ungarischen Mathematiker Gabor
Fejes Toth, dem Sohn des legendären Geometrieprofessors
Laszlo Fejes Toth, der schon 1965 vorausgesagt hatte, dass
ein Beweis der Keplerschen Vermutung eines Tages mit Hilfe
eines Computers möglich sein würde. Die Gutachter arbeiteten
vier Jahre lang an dem Beweis. Eine Inspektion der
Computercodes, der Berechnungen und des Outputs war auf
jeden Fall illusorisch, und die Referees beschränkten sich
deshalb auf eine eingehende Rekonstruktion der
Gedankengänge, auf Konsistenzprüfungen sowie auf die
logische Überprüfung aller Schritte und Folgerungen.
Ganzjährige Seminare wurden veranstaltet, in denen die
Teilnehmer einzelne Teile des Beweises unter die Lupe
nahmen. Wie MacPherson einst in einem Interview erklärte,
war er zutiefst beeindruckt, wie selbstlos alle diese Leute
an die undankbare Arbeit gingen, denn für die Überprüfung
eines Manuskripts war und ist kein Ruhm zu erringen.
Aber der Erfolg blieb aus. Nach mehrjähriger intensiver
Arbeit fasste Fejes Toth in einem Brief nach Princeton die
Begutachtung in den Worten zusammen, dass er von der
Richtigkeit des Beweises zwar zu 99 Prozent überzeugt sei,
dass sein Team aber nicht in der Lage gewesen sei, den
Beweis mit allerletzter Sicherheit zu zertifizieren.
MacPherson schrieb umgehend an Hales. "Die Nachrichten der
Referees sind schlecht. Sie waren nicht in der Lage, die
Richtigkeit des Beweises festzustellen, und werden auch in
Zukunft nicht dazu in der Lage sein. Sie sind mit ihrer
Energie am Ende." Vielleicht, so fügte er noch hinzu, wären
die Begutachter zu einer definitiven Antwort gekommen, wenn
das Manuskript von Anfang an etwas klarer geschrieben worden
wäre.
In diesem Satz schwang ein Ton der Ungehaltenheit mit. Der
Beweis, den Hales und sein Doktorand und Mitarbeiter Tom
Ferguson abgeliefert hatten, war nämlich nicht gerade eine
stilistisch ausgefeilte Arbeit. Stattdessen bestand er aus
einer Reihe von "Laborberichten", die Hales und Ferguson
jedes Mal, wenn der Computer einen Teil des Beweises beendet
hatte, ausfüllten. Lesbarkeit und Verständlichkeit des
Manuskripts litten sehr unter diesem für Mathematiker
ungewohnten Vorgehen. Ursprünglich hatte MacPherson die
Autoren ersucht, das Manuskript vor der Weiterleitung an die
Referees zu redigieren, aber die beiden, die viele Jahre mit
der Keplerschen Vermutung zugebracht hatten, hatten die Nase
voll. Zu der langweiligen Überarbeitung der 250 Seiten
hatten sie einfach keine Lust mehr. Stattdessen machte sich
Hales an die Lösung der ebenfalls jahrhundertealten
Honigwaben-Vermutung (NZZaS vom 14. April 2002), und
Ferguson heuerte beim amerikanischen
Verteidigungsministerium an.
Dennoch wird der Beweis der Keplerschen Vermutung in den
kommenden Monaten in den "Annals" erscheinen, allerdings
versehen mit einem Vorwort, in der die Redaktoren darauf
hinweisen, dass sie dessen Richtigkeit nicht mit
allerletzter Sicherheit verifizieren konnten.
Aber Hales will sich damit nicht zufriedengeben. Dass seine
Arbeit mit einem Warnschild versehen wird - quasi "Benutzung
auf eigene Gefahr"
-, lässt ihn nicht ruhen. Am 1. Januar
2003 startete er ein Projekt, mit dem seinem Beweis doch
noch ein Gütesiegel verliehen werden soll. In dem von ihm
"Flyspeck" oder FPK (Formal Proof of Kepler) getauften
Projekt soll mit Hilfe von Computern jeder einzelne Schritt
seines Beweises kontrolliert werden. Keine Vorbildung der
Referees wird vorausgesetzt, keine Annahmen werden gemacht.
Computer werden automatisch und ohne menschliches Eingreifen
jede einzelne Behauptung und jede auch noch so triviale
Folgerung auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen, um
sicherzustellen, dass keine einzige Lücke offen ist.
Erst dann wird Hales' Beweis der Keplerschen Vermutung als
richtig gelten. Schnell wird das nicht geschehen: Das
Projekt ist auf zwanzig Jahre angesetzt und soll in
Zusammenarbeit mit Freiwilligen aus aller Welt vollbracht
werden, die sich mit einer eigens entwickelten
Computersprache bekannt machen und ihre PC-Zeit zur
Verfügung stellen müssen.


