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Rezension

   
The First Six Books of the Elements of Euclid

Oliver Byrne
Köln: Taschen, 2010, XXX + 268 Seiten
Beiheft 96 Seiten mit einem Essay von Werner Oechslin
Leinen-Kassette
39,99 € 
ISBN 978-3-8365-1775-1
   

„Künste und Wissenschaften sind so umfassend geworden, dass es ebenso wichtig ist, ihre Aneignung zu erleichtern als auch ihre Grenzen zu erweitern. Illustrationen werden, wenn sie nicht die Zeit des Lernens verkürzen, es wenigsten angenehmer machen.“

So beginnt die Einleitung von Oliver Byrne (~1810 – ~1880) zu der von ihm 1847 herausgegebenen und gestalteten Ausgabe von The First Six Books of the Elements of Euclid mit dem bezeichnenden Untertitel in which coloured diagrams and symbols are used instead of letters for the greater ease of learners.

Dem Taschen-Verlag gebührt das Verdienst jetzt mit einem bibliophilen und wirklich preiswerten Faksimile-Nachdruck dieses schöne Werk wieder als Buch zugänglich gemacht zu haben. In der passend gestalteten Kassette findet sich noch dreisprachig ein Essay von Werner Oechslin mit den Abschnitten Euklids Geometrie – (k)ein Königsweg? und To facilitate their acquirement. Oliver Byrne’s The First Six Books of the Elements of Euclid – didaktisch, farbig und exzentrisch.

Die Elemente des Euklid gelten in unserem Kulturkreis als das nach der Bibel meist gedruckte Buch. Vor 110 Jahren wurde der Text noch als Lehrbuch an deutschen Gymnasien benutzt. Das klassische Schema Axiom – Definition – Satz – Beweis wurde mit den Elementen vor über 2300 Jahren geprägt. Es bereitet noch immer Vielen Schwierigkeiten bei der Beschäftigung mit Mathematik. Nicht allein von daher macht der Untertitel bei Byrne Sinn.

Byrne schließt seine Einleitung mit  …for it [geometry, R.S.] would teach the people how to think, and not what to think; it is in this particular the great error of education originates.

Zum Inhalt der Elemente sei der Einfachheit halber auf diese Seite bei Wikipedia verwiesen. Ebenso kann hier nicht auf die enorme kulturelle und wissenschaftliche Bedeutung der Elemente eingegangen werden. Dazu gibt es eine umfangreiche Literatur. Unter didaktischen Aspekten wäre es wert eine aktuelle Analyse der hier besprochenen Ausgabe vorzunehmen.

Seit einigen Jahren gibt es eine Internetfassung auf den Seiten des Mathematics Department der University of British Columbia (UBC). Dort finden Sie Hinweise zu der Entstehungsgeschichte der Byrne’schen Fassung. 1974 kostete das Exemplar der Bibliothek der UBC ca. 300 $; bei Christie’s ist im Juli 2010 ein Exemplar mit 12.000 $ notiert. Der Gebrauchswert dieses Exemplars ist auch nicht größer als der des Nachdruckes vom Taschen-Verlag für 39,99 €.

Zur besonderen Art und Schönheit der Ausgabe ist jedoch – wenn auch viel zu kurz – einiges zu bemerken.

Byrne hat sich nicht nur eine eigene höchst intuitive Bildsprache geschaffen, er benutzt auch einige praktische Notationen:

 für therefore und für because,

wie heute im html-Code. So notiert er etwa auch die Aussage

A verhält sich zu B wie C zu D

als „Formel“:

A : B :: C : D.

Die hier angeführten und ähnliche Zeichen werden auf Seite XXVII des Vorwortes erklärt.

Die Bildsprache und ihre Vorzüge werden am Beispiel des fünften Satzes des ersten Buches auf den Seiten XV ff. erläutert:

Im gleichschenkligen Dreieck sind die Winkel an der Grundlinie einander gleich; auch müssen die bei Verlängerung der gleichen Strecken unter der Grundlinie entstehenden Winkel einander gleich sein (Text nach dt. Ausgabe von Thaer).

Das Bild zeigt die zugehörige Seite 5.

Als Farben benutzt Byrne fast schon r g b k, also red green blue black; doch statt grün wird gelb verwandt.

So erscheinen die XXX + 268 Seiten als Drucke wunderbar lebendig und reizen zur gründlichen Befassung.

Die geometrischen Inhalte „springen direkt ins Auge“, wie Sie beim Blättern auf diesen Seiten des Verlages erleben können. Damit stellt der Taschen-Verlag einen Teil des Werkes auch in einer Form ins Netz, die sich auf Geräten mit dem i als ersten Buchstaben im Namen oder "in" E-Books mittlerweile weit verbreitet hat. Das erfreut, doch ist bei der gedruckten, gebundenen Ausgabe das oft erwähnte Haptische wirklich fassbar: Fadenbindung, Umschlag aus festem Karton mit schwarzer weicher textiler Oberfläche, leicht getöntes festes Papier (ca. 110 g/qm) für den durchgehend vierfarbigen Druck.

Das 96-seitige, dreisprachige Begleitheft bringt in dem schon oben erwähnten Essay u.a. Informationen über die Illustration von wissenschaftlichen Büchern des 19. Jahrhunderts und ermöglicht dadurch die Einschätzung des hohen Ranges des Byrne’schen Werkes.

Als Kasseler erfährt man auf Seite 48 auch etwas über einen Wettlauf der Schildkröte mit unserem Herkules. Ach…, lassen wir das!

Die vorliegende Ausgabe reizt zum Betrachten und Lesen eines Klassikers der mathematischen Literatur und eignet sich damit als ein wunderschönes Geschenk sowohl zum Ansehen als auch zum Nachdenken.

(Rezension: Ralf Schaper)

Eine weitere Rezension der Mathematical Association of America.