Mathemacherin des Monats August 2018 ist Jessica Fintzen. Sie dissertiere in Harvard über Fragen aus der Gruppentheorie. Für die Arbeit „On the Moy-Prasad filtration and stable vectors“, erhielt sie Preise von der US-amerikanischen Association for Women in Mathematics und der Studienstiftung des Deutschen Volkes, letzterer benannt nach Friedrich Hirzebruch. Zu diesem Anlass erzählte sie ihrer Bremer alma mater, was sie in der Mathematik an Beschreiblichem und Unbeschreiblichem erlebt hat. Wir wollten ein paar Dinge genauer wissen.

fintzenFoto: privat

Eine neue Hirzebruch-Biographie heißt „Das Glück, Mathematiker zu sein“. Sie sprechen vom "unbeschreiblich schönen Gefühl", etwas bewiesen zu haben und den "wunderschönen Strukturen in der Mathematik". Können Sie mich auch zum Schwärmen bringen?

Es ist etwas, was man selber erfahren muss, indem man sich selber mit mathematischen Problemen auseinandersetzt. Wenn Sie einen ersten Eindruck erhalten möchten, was für ein "unbeschreiblich schönes Gefühl" es ist, denken Sie daran, dass Sie sich vielleicht freuen, wenn Sie ein Kreuzworträtsel erfolgreich ausgefüllt haben oder ein Logikrätsel gelöst haben. Und nun stellen Sie sich vor, dass sie es nicht in 5 Minuten geschafft haben, sondern dass es sehr, sehr lange gedauert hat. Ein Jahr lang haben Sie sich jeden Abend daran versucht und endlich haben Sie das letzte fehlende Wort gefunden. Aber das ist nicht alles, denn das Ergebnis ist zudem ein sehr überraschendes Lösungswort, welches Ihnen sehr gut gefällt. Stellen Sie sich vor, wie Sie sich in diesem Moment fühlen und Sie bekommen eine leichte Ahnung, wie es uns Mathematikern bei einer neuen Entdeckung ergeht.

Ich wünschte, ich könnte Ihnen eine bessere Antwort geben. Leider ist es jedoch das traurige Los der Mathematiker, Künstler zu sein, dessen Kunstwerke ein Laie nicht bewundern kann. Ich habe diesbezüglich einmal den folgenden Vergleich gelesen: Stellen Sie sich vor, Sie sollen jemandem, der nie zuvor Feuer gesehen hat, beschreiben, was Feuer ist. Wie tun Sie das? Es ist heiß? Rot? Leuchtend? Es scheint unmöglich zu sein, Feuer präzise zu beschreiben, und so geht es uns Mathematikern ebenfalls.

Ihr Ausbildungsweg führte sie von Bremen auch nach Übersee und aktuell nach England. Haben Sie Unterschiede (in den akademischen Kulturen) gemerkt? Fielen Ihnen die Wechsel und die Integration in die dortigen akademischen Kulturen leicht?

Da ich an jedem Ort für einen unterschiedlichen Ausbildungsabschnitt war, ist es schwer, diese zu vergleichen. Für mich bestand also der Hauptunterschied darin, dass ich mich in einer anderen Ausbildungsstufe befand. Ich habe jedoch das Gefühl, dass in Deutschland das meiste innerhalb von Arbeitsgruppen stattfindet, die einem Professor untergeordnet sind. Diese Struktur ist etwas hierarchischer als in den USA. In den USA gibt es dieses Prinzip der offiziellen Arbeitsgruppen nicht. In den Mathematik-Departments, in denen ich bisher war, fand allgemein ein recht guter Austausch zwischen allen Mitgliedern statt – mathematisch und auch nicht-mathematisch. Ich habe mich bisher überall (Harvard, Michigan, Institute of Advanced Study – IAS) sehr wohl gefühlt. Nach England ziehe ich erst im August 2018. Ich bin schon gespannt, was mich dort erwartet.

... unser heutiges Leben nicht ohne möglich wäre.

Sie setzen sich für Geschlechtergerechtigkeit in der Wissenschaft ein. Wie tun Sie das?

Ich halte stets die Augen nach Möglichkeiten offen, hilfreich zu sein. Ich habe zum Beispiel Undergraduates als Mentorin unterstützt, regelmäßige Treffen von Mathematikerinnen in Harvard und am Institute of Advanced Study organisiert, ich habe beim Poster-Wettbewerb der Association for Women in Mathematics geholfen die Poster der Doktorandinnen zu bewerten und Siegerinnen zu ermitteln. Vor Kurzem fand ein Programm für Mathematikerinnen am IAS statt und ich habe mich bereiterklärt ein Karriere-Panel zu moderieren und auch im kleineren Kreis Fragen der Teilnehmerinnen zu beantworten.

Außerdem achte ich, wenn ich Konferenzen organisiere, stets darauf, dass die Anzahl der zum Vortragen eingeladenen Frauen auch dem Anteil der Frauen unter uns Mathematikern entspricht und diese nicht unterrepräsentiert werden. Wir brainstormen dann gemeinsam zur Frage "Welche herausragenden Mathematikerinnen gibt es auf diesem Gebiet?" und stellen fest: es gibt doch viele exzellente Mathematikerinnen! Es ist traurig, dass diese oft übersehen werden.
Allgemein versuche ich auch einfach, präsent zu sein und jüngeren Mathematikerinnen zu zeigen, dass man auch als Frau Mathematik betreiben kann.

Steht das denn infrage?

Dass Frauen in der Mathematik eher selten und umso seltener sind, je höher die Position, begründen viele Studien auch damit, dass weibliche Vorbilder fehlen. Zum Bespiel habe ich nie eine Dozentin vorlesen gehört. Es gab leider zu wenige. Mich hat das aber glücklicherweise nicht davon abgehalten, die akademische Laufbahn als Mathematikerin einzuschlagen.

Derzeit untersucht ja ein internationales Projekt das Ausmaß der Geschlechterlücke in der Wissenschaft mit Unterstützung vieler wichtiger Organisationen. Was, denken Sie, muss sich ändern, damit sich die Lücke in der Mathematik mindert oder gar schließt? Wer ist dabei besonders gefragt?

Diese Frage ist sehr kompliziert und es gibt wahrscheinlich keine einfache Antwort. Wichtig ist zum Beispiel, dass wir unsere Einstellung ändern und hier ist jeder gefragt. Jeder sollte sich über (unbewusste!) Diskriminierung bewusst sein und aktiv dagegen ansteuern. Es gibt keinen legitimen Grund jemandes Leistungen herabzusetzen, weil diese Person weiblich ist oder zu einer Minderheit gehört. Trotzdem passiert es (oft unbewusst) und führt somit zur (oft ungewollten) Benachteiligung.

Haben oder hatten Sie ein Vorbild?

Ich hatte viele Vorbilder. Diese wechseln je nach Lebensabschnitt und wenn ich neue Leute kennen lerne. In der Regel waren meine Vorbilder Mathematikerinnen und Mathematiker, die einen Karriereschritt weiter waren als ich. Die, die das erreicht hatten, was ich gerne erreichen wollte. Das Geschlecht hat dabei für mich aber nie eine Rolle gespielt.

Vielen Dank für das Gespräch, Jessica Fintzen. Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg und noch viele unbeschreiblich schöne Beweisgefühle!