Beitrag im Deutschlandfunk, Campus und Karriere 27.5.2016 von Henry Bernhard (ungekürzt, Audio-Datei auf Website abrufbar, s.u.):

Die schriftliche Mathe-Abi-Prüfung in Thüringen soll in diesem Jahr eine der schwierigsten überhaupt gewesen sein. Das beklagen zumindest etliche Schüler. Viele schnitten schlechter ab als sonst oder fielen ganz durch das Abitur. Das Thüringer Institut für Lehrplanentwicklung hält die Aufgaben für anspruchsvoll, aber nicht für unverhältnismäßig schwer.

Problem:
In manchen Schulen wurden die Schüler nicht darauf vorbereitet, mit dem CAS-Rechner zu arbeiten.

"Ein Fortschritt, allerdings nur ein kleiner"

Bei Max Reimann, Abiturient aus Erfurt, sitzt der Schock heute noch tief. Die Aufgaben wären schwerer gewesen als alles, was man zuvor geübt habe.

"Also die letzten zwei Jahre waren eigentlich, was wir in den Abitur-Büchern hatten, nicht leicht, aber alles lösbar. Und wir waren dann alle schon leicht schockiert, als die Aufgaben kamen, gerade auch im Ohne-Hilfsmittel-Teil, und dann im Mit-Hilfsmittel-Teil … Wir haben alle etwas länger gebraucht, als wir eigentlich so gedacht hätten."

Zu anspruchsvoll, zu kompliziert formuliert seien die Aufgaben gewesen.

"Das Problem war, dass einige Aufgaben meiner Meinung nach sehr komisch formuliert waren, beziehungsweise Funktionen, die gegeben waren, schwierig für uns nachvollziehbar waren. Und dann im Mit-Hilfsmittel-Teil, also mit Rechner, kamen dann teilweise Sachen, die wir mit dem Taschenrechner so nicht behandelt hatten, worauf wir an sich gar nicht vorbereitet waren."

Nun ist die Landesschülervertretung aktiv geworden

Diese Woche kamen nun die Ergebnisse – und es kam für viele noch schlimmer als befürchtet. Max Reimann stand zuvor meist bei etwa acht Punkten.

"Ich habe jetzt im Mathe-Abitur drei Punkte; ich bin trotzdem durchgekommen. Ich weiß, dass in unserem Kurs das Beste zehn Punkte waren einmal und vom Jahrgang, was ich gehört hatte, zwölf. Und das war schon einer, der in Mathe sonst immer mit 14, 15 Punkten nach Hause geht."

Eine ähnliche Erfahrung, wenn auch auf etwas höherem Niveau, hat Lena Bitz gemacht, Abiturientin aus Erfurt. Sie stand zuvor in Mathe auf zwölf Punkten.

"Also, in Mathe hatten wir vor allem ein großes Zeitproblem, und deshalb ist die Prüfung nicht so gut ausgefallen. Generell ist das Ergebnis an vielen Schulen einfach davon abgewichen, was man sonst im Unterricht hatte. Also, bei mir ist das Ergebnis um vier Punkte abgewichen. Obwohl wir vorher die vorhergehenden Prüfungen immer durchgerechnet hatten und dort größtenteils immer alles richtig hatten."

Diese Klagen hört man aus ganz Thüringen, sodass nun die Landesschülervertretung aktiv geworden ist. Sie berichtet davon, dass eine Vielzahl von Beschwerden eingelaufen sind, über "zu schwere und komplexe Aufgaben, die kaum zu lösen schienen". Viele Schüler schrieben, sich so ihren Schnitt versaut oder dadurch das Abitur nicht bestanden zu haben. Im Thillm, dem Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien, wo die Abituraufgaben entwickelt wurden, kann man die Aufregung nicht verstehen. Der Sprecher, Rigobert Möllers: "Die Aufgaben sind anspruchsvoll – das will ich gar nicht bestreiten! Aber sie sind nicht unverhältnismäßig."

Viele Schüler wurden nicht darauf vorbereitet, den CAS zu nutzen

Die Aufgaben würden von Praktikern erstellt und von Lehrern überprüft. Alles wie in anderen Jahren auch. Dies hört man auch von vielen Mathelehrern: Die Aufregung sei übertrieben, die Aufgaben schwierig, aber zu bewältigen. Darauf folgt die Klage, dass es den Schülern immer öfter an Grundlagen fehle, an einfachsten Zusammenhängen.

In einem aber sind sich viele Schüler und manche Lehrer einig: Nicht wenige Lehrer seien nicht überzeugt von dem wissenschaftlichen Taschenrechner und würden die Schüler zu wenig damit vertraut machen. So hat es auch Lena Bitz erlebt.

"Na ja, der Taschenrechner ist ja noch relativ neu eingeführt jetzt. Und daher waren einfach viele Begriffe für uns gar nicht drin, weil wir gar nicht wussten, wie wir die anzuwenden hatten."

Auch die Landesschülervertretung sieht das so. Robert Malsch sitzt im Vorstand:

"Viele Schülerinnen und Schüler wurden eben von ihren Lehrern nicht bestens darauf vorbereitet, den CAS zu nutzen. Wir haben auch teilweise gehört, dass der Mathelehrer gar nicht mit dem CAS-Rechner gearbeitet hat, obwohl das ja Hilfsmittel im Abitur ist und notwendig für die Prüfung."

Die Landesschülervertretung will nun abwarten, bis die Gesamtauswertung der Mathe-Prüfung vorliegt. Sollte der Schnitt unter dem schon schlechten vom letzten Jahr liegen, fordert sie eine Anpassung der Ergebnisse wie jüngst in Niedersachsen geschehen. Das Thüringer Bildungsministerium schweigt noch zum Thema.

Hier auch neben dem Text (s.o.) auch die Audio-Datei abrufbar:
www.deutschlandfunk.de/campus-karriere.6...drbm:date=2016-05-27

Stephanie Schiemann