Iris Ruhmann plant und begleitet seit 2015 Buchprojekte im Bereich Mathematik und Statistik bei Springer Spektrum. Dabei setzt sie sich für die verständliche Vermittlung mathematischer Inhalte ein – insbesondere an der Schnittstelle zwischen Schule, Hochschule und interessierter Öffentlichkeit. Zuvor studierte sie Mathematik mit den Schwerpunkten Optimierung und Stochastik an der Technischen Universität Darmstadt. Für ihr Engagement in der Mathematik-Vermittlung wird sie für die Monate September und Oktober 2025 als DMV-Mathemacherin ausgezeichnet.

iris ruhmann lg
Iris Ruhmann. Foto: privat.

Bitte berichten Sie uns zunächst, wie Ihr Interesse an der Mathematik entstanden ist: Gab es einen speziellen Moment, der Ihre Begeisterung geweckt hat?

Ich denke, einen speziellen Moment gab es nicht – ich würde es eher als einen von zahlreichen Erkenntnissen und Erlebnissen geprägten Prozess beschreiben. Während meiner Schulzeit haben verschiedene Lehrkräfte, aber auch Klassenkamerad*innen durch ihre authentische Begeisterung dazu beigetragen, dass ich mich gern mit mathematischen Fragestellungen beschäftigt habe. Rückblickend befand ich mich schon früh in guter Gesellschaft, in der ich Mathematik als lebendigen Diskurs kennenlernen durfte, der sowohl wildes Ausprobieren als auch kühnes Behaupten, schlüssiges Argumentieren, skeptisches Hinterfragen und mitunter reichlich frustriertes Verwerfen umfasste. Besonders fasziniert hat mich schon damals, dass man alles in Frage stellen durfte und mitunter sogar belohnt wurde, wenn man seiner Fantasie weit über den sprichwörtlichen Tellerrand hinaus freien Lauf ließ – etwa, indem man eine imaginäre Zahl erfand und behauptete, wenn man diese Zahl quadriere, ergebe sich -1. An dieser Stelle danke ich übrigens allen, die meine Anwandlungen manchmal schmunzelnd oder kopfschüttelnd, aber stets geduldig ertragen haben – insbesondere meinen Eltern.

Und wie verlief dann Ihr Weg von der Begeisterung für Mathematik zur Verlagsarbeit?

Ich lese schon seit meiner frühen Kindheit gerne und viel; sorgfältig gewählte Worte haben schon damals einen gewissen Zauber auf mich ausgeübt und ziehen sich seitdem wie ein roter Faden durch mein Leben: Während dem Studium wurde ich natürlich mit etlichen Büchern und Vorlesungsskripten konfrontiert – und habe mich beispielsweise über verkürzte und dadurch missverständliche oder gar falsche Darstellungen geärgert. Parallel zum Studium habe ich viel Mathe-Nachhilfe gegeben und dabei festgestellt, dass ein positiver Bezug zur Mathematik genau wie zu Büchern alles andere als selbstverständlich ist – und von nicht zielgruppengerechten, unpräzisen oder gar falschen Formulierungen nachhaltig erschwert oder sogar gänzlich verhindert werden kann. Fachverlage sind daher recht schnell in meine engere Auswahl für potenzielle Arbeitgeber gerückt. Dass ich dann konkret bei Springer Spektrum gelandet und geblieben bin, habe ich ganz maßgeblich Andreas Rüdinger, meinem damaligen wie heutigen Vorgesetzten, sowie einem Quäntchen Glück bzw. passendem Timing zu verdanken.

Welche Aufgaben haben Sie als Programmplanerin Mathematik & Statistik bei Springer Spektrum? Was gefällt Ihnen am meisten an Ihrer Arbeit?

Meine Kernaufgabe als Planerin besteht darin, unser Buchprogramm durch gezielte Akquise zu gestalten sowie Autor*innen konzeptionell und inhaltlich zu beraten. Ökonomische Faktoren geben dabei natürlich Grenzen vor, doch innerhalb dieser habe ich Gestaltungsspielraum, kann also weitgehend eigenverantwortlich und selbstorganisiert arbeiten – beides weiß ich sehr zu schätzen. Auch über konkrete Buchprojekte hinaus gibt es immer mehr als genug Möglichkeiten, eigene Ideen einzubringen und zusätzliche Verantwortung zu übernehmen – etwa, um Abläufe und Systeme zu optimieren oder übergeordnete Entwicklungen zu steuern. Insgesamt ergibt sich daraus eine angenehm abwechslungsreiche Vielfalt von Aufgaben, Herausforderungen und internen wie externen Kontakten. Inzwischen bin ich zusätzlich mit der Programmleitung betraut und daher auch für zwei Kolleginnen verantwortlich, die mich regelmäßig mit erfrischenden Fragen und Perspektiven gleichermaßen herausfordern wie inspirieren.

Im Rahmen Ihrer Tätigkeit unterstützen Sie Autor*innen dabei, ihre Buchideen zu verwirklichen. Wie sieht dieser Prozess konkret aus – vom ersten Kontakt bis zum veröffentlichten Buch?

Optimalerweise stellen wir anhand einer Leseprobe, einem vorläufigen Inhaltsverzeichnis und einem kurzen Exposé frühzeitig einen gemeinsamen Konsens über zentrale Parameter her – etwa Zielgruppe, Struktur, Umfang, Stil des geplanten Buchs. Notwendige Voraussetzung ist dabei natürlich, dass das anvisierte Produkt zu unserem Verlagsprofil passt. Wenn dies der Fall ist, setzen wir den Verlagsvertrag einschließlich grobem Abgabetermin auf.  Ab hier koordiniert unser Projektmanagement-Team den Publikationsprozess und berät insbesondere bei formal-editoriellen Fragen rund um die Manuskripterstellung. Natürlich unterstütze ich als Planerin weiterhin bei inhaltlich-konzeptionellen Fragen, auch in Bezug auf die Metadaten. Sobald das finale Manuskript eingereicht und allseits freigegeben ist, kümmert sich unser Produktionsteam zusammen mit unseren Dienstleistern um die professionelle Aufbereitung der Inhalte, die anschließend von den jeweiligen Autor*innen bzw. Herausgeber*innen noch final freigegeben wird. Und dann hat man das Buch auch schon fast in der Hand – gedruckt oder als eBook auf einem digitalen Endgerät.

Bei Springer Spektrum sind Sie u. a. für das Abiturpreisbuch Pi und Co. zuständig. Wie gelingt es aus Ihrer Sicht, Schüler*innen mit einem Buch wie Pi und Co. in ihrer spezifischen Situation am Übergang von der Schule zur Hochschule abzuholen?

Der Übergang zur Hochschule ist häufig von Unsicherheit und Zweifeln geprägt. Authentische und vielseitige Einblicke, die möglichst konkret an Vorerfahrungen, Interessen und Lebenswelt der jungen Leser*innen anknüpfen, können in dieser Situation wertvolle Orientierung und Motivation bieten. Das Buch Pi und Co. bietet genau solche Einblicke: Es zeigt in über 50 Beiträgen auf ganz unterschiedlichen Herausforderungsniveaus, wie kreativ, vielseitig und gesellschaftlich relevant Mathematik ist. Es behandelt hochaktuelle „heiße Themen“ und Anwendungsbereiche wie maschinelles Lernen und Quantencomputing, es bietet unterhaltsame Beiträge und Einordnungen – aber: es beschönigt dabei nichts! Es stellt auch „harte Nüsse“ vor, die trotz intensiver Bemühungen bisher noch von niemandem geknackt wurden. Es zeigt, dass Mathematik Durchhaltevermögen und Frustrationstoleranz gleichermaßen fordert wie fördert – und, dass genau das ihren Reiz eher steigert als verringert.

 

sie sowohl strukturiert-logisches als auch unvoreingenommen-kreatives Denken auf einzigartige Weise trainiert!

 

Gibt es Bücher in Ihrem Programm, die Mathematik auf überraschende oder unkonventionelle Art und Weise präsentieren?

Auf jeden Fall – unsere Bücher sind so vielfältig wie die Menschen, die sie lesen und schreiben! Einige bieten unkonventionelle inhaltliche Zugänge zu einem Thema, setzen auf anschauliche Erläuterungen in leicht zugänglicher Sprache, motivieren und unterhalten durch humorvolle oder erzählerische Zugänge, bauen auf Visualisierungen oder prägnante Übersichten; manche verzichten bewusst auf Formeln, sind nicht beweisvollständig oder nicht linear aufgebaut. All das mag zunächst überraschen, doch aus Verlagsperspektive ist es nur konsequent: Unser Ziel ist es, möglichst differenziert auf die heterogenen Ansprüche und Bedürfnisse unserer Leser*innen einzugehen; dafür passen wir beispielsweise die Auswahl, Aufbereitung und kontextuelle Einbettung von Inhalten entsprechend an. Erfolgreich sind nicht selten Werke, die Komfortzonen verlassen und experimentierfreudig neue Wege gehen – daher freuen wir uns auch über solche „ungewöhnlichen“ Buchideen.

Welche Bedeutung haben Mathematik-Kongresse und -Tagungen für Ihre Arbeit?

Solche Veranstaltungen sind überaus hilfreich zum Netzwerken, zum informellen Austausch und gegenseitigen Kennenlernen, um Trends und Entwicklungen in der Community mitzubekommen oder um umgekehrt Neuigkeiten aus dem Verlag zu kommunizieren. Durch die heutigen technischen Möglichkeiten bin ich zwar nur in seltenen Ausnahmefällen auf Treffen in Person angewiesen – für den konkret projektbezogenen Austausch reichen Mails, Telefonate und Videomeetings meist völlig aus. Doch persönliche Begegnungen vor Ort sind unmittelbarer; das derartige Knüpfen von Kontakten schafft in ganz besonderem Maß gegenseitiges Vertrauen für die spätere Zusammenarbeit. Mein Eindruck ist, dass sowohl potenzielle Autor*innen als auch Mitarbeitende des Verlags sehr davon profitieren.

Welche digitalen Tools und Technologien halten Sie für besonders relevant, um Lehr- und Fachmedien zeitgemäß zu gestalten?

Ich sehe vielversprechende Chancen vor allem in der Kombination klassischer Medien mit verschiedensten digitalen Tools sowie Lern- und Wissensplattformen. Die Aufteilung sollte dabei am jeweiligen Lernziel ausgerichtet sein – denn nicht jede Technologie bringt automatisch in jeder Situation einen didaktischen Mehrwert. Umgekehrt können gezielt gestaltete Animationen, Erklärvideos oder etwa Gamification-Elemente je nach Kontext bereits eine ganz maßgebliche Bereicherung in Bezug auf Zugänglichkeit und Lernwirksamkeit darstellen. Wenn man aus allen verfügbaren bzw. langfristig denkbaren Medien und Tools die jeweils passendsten auswählt und diese nicht als „Entweder-Oder“, sondern als dynamisches Wechselspiel versteht, ergeben sich neue Möglichkeiten für verschiedene Einsatzszenarien: Wenn man sich bestimmte Inhalte etwa primär anhand von Videos erschließt, dann heißt das nicht notwendigerweise, dass ein begleitendes Buch nicht weiterhin wichtig sein kann – etwa zum gezielten Nachschlagen und langfristigen Verinnerlichen. Ein solches Buch kann und sollte aber ganz anders gestaltet sein als eines, das zum Erarbeiten der Inhalte genutzt wird. Meines Erachtens geht es also letztlich um wechselseitige Impulse und Inspirationen zur spezifischen Nutzung, Verzahnung und Weiterentwicklung.

Welche Rolle spielt KI in der modernen Vermittlung von Inhalten – allgemein und speziell in Bezug auf Mathematik?

Ich gehe davon aus, dass Lernende künftig noch stärker eine Ausrichtung auf ihre jeweiligen Interessen, Lerntypen und Präferenzen einfordern bzw. nachfragen werden – sei es in Form spezifischer Beispiele, passgenauer Zusammenfassungen oder letztlich durch Antworten auf individuelle Fragen. KI verspricht eine solche, gänzlich individualisierte Wissensvermittlung – auf Knopfdruck, in Sekundenschnelle. Mir scheint es wichtig, diesen Trend sowie das zugrundeliegende Bedürfnis anzuerkennen – allerdings ohne sich ihm gänzlich zu unterwerfen und die damit verbundenen Risiken zu vernachlässigen. Gerade bei mathematischen Inhalten, bei denen es unweigerlich auf sprachliche Exaktheit und logisches Schlussfolgern ankommt, stoßen KI-Modelle derzeit an ihre natürlichen Grenzen – wenn keine menschliche Überprüfung bzw. kritische Reflektion des Outputs stattfindet, sind Fehlvorstellungen und Missverständnisse vorprogrammiert. Für das eigentliche Denken sollten sich also weiterhin Lehrende und Lernende gleichermaßen verantwortlich fühlen. Ein sehr greifbares Potenzial von KI sehe ich zunächst darin, bei der Erstellung und Gestaltung von Lehrmaterialien zu unterstützen und „Fleißarbeiten“ verschiedenster Art zu übernehmen. Praktisch ist hier bereits einiges möglich, auch wenn etliche Fragen – etwa in Bezug auf das Urheberrecht – noch nicht abschließend geklärt sind.

Gibt es ein Mathematikbuch, das Sie persönlich besonders geprägt oder begeistert hat?

Ein bis zwei Jahre vor dem Abitur habe ich „Die Architektur der Mathematik“ von Pierre Basieux gelesen. Diese kurze populärwissenschaftliche Darstellung betrachtet aus der Vogelperspektive die drei wesentlichen Strukturen, die sich durch alle Bereiche der Mathematik ziehen. Einen ähnlichen Blick auf das „große Ganze“ hätte ich mir auch im Studium häufiger gewünscht; durch die kleinteilige Modularisierung von Lehrveranstaltungen fehlt eine solche Perspektive leider oftmals völlig. Im Studium war für mich dann die „Wahrscheinlichkeitstheorie“ von Achim Klenke ein langjähriger und geschätzter Begleiter – denn diesem Buch gelingt der sprichwörtliche Spagat zwischen der Zugänglichkeit eines Lehrbuchs und der Vollständigkeit eines guten Nachschlagewerks.

Was würden Sie jungen Menschen raten, die überlegen, Mathematik zu studieren, aber noch zögern?

Tauscht euch mit Studierenden höherer Semester sowie möglichst auch mit Alumni über deren Erfahrungen und spätere Werdegänge aus – das kann euch vorab Orientierung geben. Wenn ihr dann immer noch unsicher seid, ob ein Mathe-Studium zu euch passt: Probiert es aus – und lasst euch für mindestens ein oder zwei Semester völlig darauf ein. Das Studium wird euch eine geistige Flexibilität abverlangen, die sehr ungewohnt, aber unglaublich bereichernd sein kann. Gebt euch eine realistische Chance und etwas Zeit, diesen Wert zu erkennen. Falls die Begeisterung tatsächlich auch längerfristig ausbleiben sollte, seid trotzdem ehrlich zu euch selbst: Ihr habt nichts davon, wenn ihr euch durch ein Studium quält, das euch überhaupt nicht entspricht. Ein (Mathe-)Studium ist letztlich ja auch nur einer von vielen Wegen, euch später in irgendeiner Form mit Mathematik zu beschäftigen. Traut euch, euren Weg zu finden!

Das Interview mit Iris Ruhmann führte Anna Maria Hengst aus dem Netzwerkbüro Schule–Hochschule der DMV.