Carla Cederbaum und Stefan Keppeler, beide Lehrende an der Universität Tübingen, bieten in diesem Sommersemester für Lehramtsstudierende einen besonderen Kurs an: Sie bereiten die künftigen Lehrerinnen und Lehrer gezielt auf den Unterricht mit sehr heterogenen Flüchtlingsgruppen vor. Die Flüchtlinge haben sie aus Unterkünften und Schulen aus der Region zur Teilnahme motivieren können. Sie bringen verschiedene sprachliche Hintergründe mit, unterschiedliche Deutschkenntnisse, differieren vom Alter her und auch von ihren mathematischen Vorkenntnissen – heterogener kann eine Lerngruppe nicht sein. Stephanie Schiemann vom Netzwerkbüro befragte die beiden zu ihrem Konzept und den bisher gesammelten Erfahrungen mit dem Mathematikkurs für Flüchtlinge.

Mathemacher Mai

(Foto: privat)

Wie kam es zu der Idee, „Mathematik für Flüchtlinge“ anzubieten  und warum findet ihr das Thema so wichtig?

Als das Thema Flüchtlinge letzten Sommer in aller Munde war, wollten wir uns auch gerne einbringen, und das am besten in dem Bereich, in dem wir selbst kompetent sind. So war schnell klar, dass es Mathematik-Unterricht werden würde. Durch die Einbindung der Lehramtsstudierenden schlagen wir drei Fliegen mit einer Klappe:

  • Wir können mehr Teilnehmer/innen in kleineren Gruppen unterrichten.
  • Die Studierenden haben ebenso wie wir die Möglichkeit, sich mit ihren mathematischen Kompetenzen einzubringen.
  • Und nicht zuletzt bereiten wir angehende Lehrer/innen darauf vor, Mathematik in sprachlich und kulturell heterogenen Gruppen binnendifferenziert zu unterrichten.   


Sicher gab es auch formale Hürden. Wie habt ihr es hinbekommen, dass es in das Lehrprogramm der Universität Tübingen aufgenommen wurde und wie wird es den Studierenden angerechnet?

Das Lehramtsstudium an der Universität Tübingen beinhaltet ein Modul "Personale Kompetenzen". Der Vorschlag, unsere Lehrveranstaltung in diesem Rahmen anzubieten, wurde von der Tübingen School of Education (TüSE) bereitwillig angenommen. Das Projekt wird dort auch als Pilot für mögliche ähnliche Lehrveranstaltungen in anderen Fächern gesehen. Auch der Studiendekan der Mathematik hat uns sofort unterstützt.

Nun verbindet ihr Theorie und Praxis: Entwickelt also im Seminar die Inhalte für den Flüchtlingskurs und führt es dann aktiv durch. Wie läuft die Vorbereitung und die Durchführung ab? Was sind eure Erfahrungen?

Vor Semesterbeginn haben wir uns mit den Studierenden zu einem Vorbereitungsseminar getroffen. Hier hat das Asylzentrum Tübingen e.V. uns einen Überblick über Anlaufstellen für verschiedene Fragen sowie einen ersten Einblick ins Aslyrecht gegeben. So haben wir eine genauere Vorstellung davon bekommen, welche Sorgen die teilnehmenden Flüchtlinge haben. Außerdem stand ein sechsstündiger Workshop mit einem Coach für interkulturelle Kompetenzen auf dem Programm. Anschließend haben wir den Studierenden unser Konzept für die Veranstaltung vorgestellt und uns mit Improvisationsübungen auf das Erklären mit Händen und Füßen vorbereitet.

Der Unterricht für die Flüchtlinge findet in drei nebeneinander liegenden Räumen in unserem Mathebau statt. In jedem Raum wird drei Wochen lang ein Thema behandelt. Die Flüchtlinge werden jede Woche in einen anderen Raum eingeteilt. In der ersten Semesterwoche haben wir die Inhalte für die ersten drei Unterrichtswochen vorbereitet. Während des Semesters kommen nun jeden Dienstag für 90min Flüchtlinge zu uns in den Mathebau und lernen hier Mathematik. Mittwochs (und mit etwas Heimarbeit) bereiten die Studierenden mit unserer Unterstützung jeweils drei Wochen lang die Inhalte für die kommenden drei Wochen vor. In den 90min-Mittwochstreffen besprechen wir u.a. auch, was gut geklappt hat und welche inhaltlichen und organisatorischen Aspekte noch verändert werden sollten.

Eine Erkenntnis haben wir schon gewonnen: Die Studierenden tun sich "in echt" deutlich leichter mit dem Erklären als in der Simulationsübung. Die Übung hat aber durchaus geholfen, die Angst zu nehmen und verschiedene Erklärungsstile einfach mal auszuprobieren.

... sie Brücken schlägt.                                      Carla Cederbaum
Stefan Keppeler


Bitte erläutert euer Konzept: Welche Aufgaben verwendet ihr? Wie bereitet ihr das ganze methodisch auf?

Wie gesagt behandeln wir jeweils für drei Wochen in drei Räumen je ein Thema. In den ersten drei Wochen waren die Themen das Ziegenproblem (oder elementare Stochastik und Kombinatorik), Zahlenrätsel und -folgen sowie platonische Körper (oder Elementargeometrie in zwei und drei Dimensionen). In jedem Raum gibt es immer ein Eingangsspiel oder -experiment, um das Interesse der Flüchtlinge zu wecken. Anschließend knüpfen die Studierenden an verschiedenen Anschlusstischen an dieses an und bieten Aufgaben auf verschiedenen Schwierigkeitsniveaus an. Die Eingangsspiele und -experimente sind so konzipiert, dass man von ihnen ausgehend immer auch zwanglos zu sehr elementaren Themen wie etwa den Grundrechenarten und dem Bruchrechnen kommen kann. Gleichzeitig erlauben sie es aber auch, beispielsweise durch Abstraktion des Eingangsbeispiels, zu schwierigen Fragen auf Abiturniveau zu gelangen und diese zu diskutieren.

Ist das nicht sehr aufwändig für die Lehramtsstudierenden?

Die Studierenden sind mit Feuer und Flamme dabei. Sie sehen den Unterricht für die Flüchtlinge als gutes Training für ihre zukünftige Unterrichtsvorbereitung und ihren zukünftigen eigenen Unterricht. Nach eigener Aussage schätzen sie besonders, dass sie keine Trockenübungen zum Unterrichten durchführen, sondern in realen Situationen üben und Erfolgserlebnisse haben können.

Wie bekommt ihr die verschiedenen Kulturen, die beiden Geschlechter und die Altersunterschiede in den Griff?

Hier waren wir wohl am Anfang deutlich besorgter als nötig. Bisher war die größte Schwierigkeit, dass die Flüchtlinge die Kennzeichnung der Toiletten in unserem Gebäude nicht verstanden haben. Mit ein bisschen Krepp-Klebeband und zwei daraus geformten Strichfiguren liess sich dieses Problem aber schnell lösen.

Sowohl die Studierenden als auch die Flüchtlinge gehen sehr offen und freundlich miteinander um, inzwischen helfen einzelne Flüchtlinge unseren Studierenden bereits beim Aufbauen. Der größte Unterschied besteht in der wirklich sehr unterschiedlichen mathematischen Vorbildung.

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(Foto: privat)

Wie habt ihr die interessierten Flüchtlinge gefunden? Welches Feedback geben sie euch? Kommen Sie mehrmals? Was könnt ihr über die Teilnehmenden und deren Fortschritte sagen?

Die meisten Flüchtlinge haben wir mit Hilfe des Asylzentrums Tübingen erreicht. Das Asylzentrum hat unsere Flyer und Anmeldelisten an die Freundeskreise der Unterkünfte im Kreis Tübingen weitergeleitet und uns auf die sogenannten VABO-Klassen (Vorqualifizierungsjahr Arbeit und Beruf für Jugendliche ohne Deutschkenntnisse) aufmerksam gemacht. Schulen mit VABO-Klassen haben wir dann direkt angeschrieben und auf diesem Weg die meisten Flüchtlinge anwerben können. Darüber hinaus hat die Stabstelle Flüchtlinge der Universität Tübingen und die Zulassungsstelle für internationale Studierende unsere Veranstaltung bekannt gemacht.

Die meisten Flüchtlinge kommen regelmäßig. Etwa die Hälfte von ihnen werden oder wurden zumindest beim ersten Mal in kleinen Gruppen von ihren VABO-Klassenlehrer/innen begleitet. Die meisten haben eine Monatskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel, mit der sie zu uns auf den Campus kommen können. Für die übrigen können wir dank Förderung durch die Vector Stiftung (eine regionale Stiftung aus Stuttgart) Fahrkarten erstatten bzw. zur Verfügung stellen.

Die Flüchtlinge sind eifrig dabei und bringen zum Teil auch eigene Fragen mit. Um konkret über Fortschritte zu sprechen ist es aber noch etwas zu früh, die Veranstaltung hat ja erst vor vier Wochen angefangen.

Wo kann man über eure Ergebnisse etwas nachlesen? Stellt ihr anderen Materialien und das Konzept zur Verfügung?

Mehr über den Verlauf des Lehrveranstaltung kann man in unserem begleitenden Blog und auf unserer Facebook-Seite erfahren. Wer ein ähnliches Projekt plant, erhält im Blog bereits Einblick in den Aufbau unserer Räume, die Eingangsbeispiele und die Themen der Anschlusstische. Interessierten stellen wir auf Nachfrage auch gerne alle weiteren verwendeten Materialien zur Verfügung.

- Ein weiteres Projekt in diesen Zusammenhang finen Sie hier.