Nachdem Bernd Pohlenz 1980 ein Studium der Germanistik und Kunstgeschichte zugunsten seiner künstlerischen Arbeit abgebrochen hatte, arbeitete Bernd Pohlenz als Cartoon-Zeichner für Zeitungen und Magazine. Bekannt wurde er zunächst als Zeichner für das Tip-Magazin (Berlin), die Hannoversche Allgemeine Zeitung, für den Tagesspiegel (Berlin) sowie als Mitarbeiter der legendären Zeitschrift TransAtlantik. Nach der Buchveröffentlichung „Pohlenz' Körpersprache" im Jahr 1987 und einer Einzelausstellung im Wilhelm-Busch-Museum Hannover, fertigte er vorwiegend Auftragsarbeiten für die Industrie und verschiedene Institutionen an.

Pohlenz ist Mitbegründer und künstlerischer Leiter des weltgrößten Social Networks für die Cartoon-Kunst www.toonpool.com, in dem über 2.500 Künstlerinnen und Künstler aus 130 Ländern ihre Arbeiten ausstellen. Er unterstützte die Mathe-Cartoon-Wettbewerbe der DMV 2008 und 2013, indem er den Aufruf, Arbeiten zum Thema einzureichen, über www.toonpool.com weltweit verbreitete, was dann auch zu weltweiter Resonanz führte. Pohlenz war auch Mitglied der Jurys, die die DMV-Cartoonpreise kürten. Und sein Sohn Max Pohlenz (31) gestaltete zusammen mit einer Mitarbeiterin von toonpool die Internetseite der DMV-Adventskalender. Für diese Mathe-Adventskalender, bei denen im Dezember 2012 fast 150.000 SchülerInnen, LehrerInnen und Mathe-Fans mitspielten, läuft seit 1. November 2013 die kostenlose Anmeldung für das Dezember-Spiel 2013.

Thomas Vogt sprach kürlich mit dem überzeugten Cartoonisten und Wahlberliner.

mm nov2013 pohlenz

(Eröffnung einer toonpool-Cartoon-Ausstellung am 11. April 2013 in Ankara; (links) Bernd Pohlenz (rechts) türkischer Staatspräsident Abdullah Gül/toonpool).

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zur Mathematik beschreiben?

Die Mathematik ist für mich ein Paralleluniversum, eine geheimnisvolle und äußerst faszinierende Welt, die ganz profan die Regelwerke unseres Alltags bestimmt, während mir zugleich ihre Unendlichkeit zutiefst bewusst ist. Sie erscheint mir als letztlich nicht fassbar, ohne Anfang und Ende, und ich frage mich gespannt, was die Forscher in diesem All der Mathematik noch entdecken werden, gerade auch, wenn es etwas Unerwartetes wäre.

Manche Menschen denken ja, Mathematiker gehen zum Lachen in den Keller. Was ist da Ihre Erfahrung?

In meiner Schulzeit wollte sich ein Mathe-Lehrer besonders menschlich und humorvoll zeigen. Er ließ den anstrengenden Mathe-Unterricht, nachdem er die Gardinen des Klassenzimmers zugezogen hatte, zugunsten einer Dia-Show mit seinen nicht enden wollenden Urlaubsfotos ausfallen. Die knallbunten Bilder eines von vielen Pannen begleiteten Italien-Urlaubs mit seiner Familie in einem VW-Campingbus kommentierte er mit gänzlich uninteressanten Anekdoten, vermeintlichem Witz und viel eigenem Gelächter. Niemand lachte mit. Für uns Schülerinnen und Schüler mit 16 oder 17 war die Darbietung ein sehr unangenehmer Distanzverlust. Die bildhaft gemachte Nähe zu dem Lehrer und seiner Frau in Badehose und Bikini in ihrer Privatheit erzeugte ein starkes Gefühl der Peinlichkeit und des unfreiwilligen Voyeurismus. Es war sicher nett gemeint von dem Mann, aber wir wollten dann doch lieber den Mathe-Unterricht fortsetzen, was wir dann auch durchgesetzt haben. Er hatte Humor verbreiten wollen und war dabei selbst zum Objekt des Humors geworden.

Und später? Gab es dann noch Berührungen, Kontakte, Erlebnisse mit Mathematikern?

Später waren immer wieder Mathematiker und Physiker in meinem engsten Freundeskreis (und sind es noch). Natürlich faszinierten mich die Kenntnisse und Fähigkeiten dieser Freunde sehr, während sie mich sehr darum beneideten, dass ich als Künstler für das, was ich behaupte, sage, zeichne oder schreibe, keinen Beweis erbringen muss, wie es bei ihnen Pflicht ist. Am Biertisch in einer Studentenkneipe kam es vor, dass wir versuchten, bekannte Zitate in Formeln auszudrücken, um zu prüfen, ob etwas Fehlerhaftes in ihnen enthalten sei, etwa bei dem Wahlspruch der Schweiz: „Einer für alle, alle für einen" (wenn alle für einen stehen oder handeln, gehört dieser dann zu der Menge aller?).

Eignet sich der Mathematiker, die Mathematikerin, die Mathematik besonders für humoristische Darstellungen?

Für humoristische Darstellungen eignen sich alle Berufsgruppen. Im Zusammenhang mit der Mathematik gefallen mir persönlich besonders Umsetzungen, in denen sich Wissenschaftler mathematische Gefechte liefern, sich duellieren, etwa bei Hitchcock (der nicht selten mit den Mitteln des Humors arbeitet) in seinem Film Der Zerrissene Vorhang (Torn Curtain, USA 1966), wenn Prof. Michael Armstrong (West) und Prof. Gustav Lindt (Ost) mit Kreide an der Tafel des Hörsaals zu der wohl heißesten Schlacht des Kalten Krieges antreten.

... zwei feuchte, frisch aus der Schale geschnittene Kastanien in der Hand des glücklichen Kindes mehr sind als nur eine. Bernd Pohlenz


2008 gab es etwa 250 Einreichungen für den DMV-Cartoonpreis, dieses Jahr über 300 aus 50 Ländern der Erde. Wie erklären Sie sich dieses (humoristische) Interesse an der Mathematik?

Ich möchte der Mathematik nicht zu nahe treten und dennoch ganz ehrlich antworten: Die hohe Zahl der eingereichten Bilder ist auch damit zu erklären, dass (Dank der DMV!) ein Preisgeld ausgelobt wurde. (lacht)

Sie hatten 2007 die Idee für ein spezielles Social Network für die Cartoon-Kunst und haben www.toonpool.com mitbegründet. Was war damals Ihre Absicht damit und wie erklären Sie sich den großen Erfolg des Portals?

Ich wollte einen Treffpunkt (mit Austauschmöglichkeiten) für Künstlerinnen und Künstler im Cartoon-Bereich bereitstellen, auch ihre Präsenz, ihre Wahrnehmbarkeit, ihre Verkaufsmöglichkeiten fördern. Sie laden ihre Bilder selbst hoch (user generated). Am kalten Abend des 15. November 2007 wurde von unserem Programmierer das erste Bild in das Social Network www.toonpool.com geladen, heute sind es knapp 180.000 Cartoons von 2.800 Künstlerinnen und Künstlern aus ca. 120 Nationen. Was den Erfolg betrifft, glaube ich, dass die Begriffe Voyeurismus und Exhibitionismus dann positiv zu bewerten sind, wenn sie antipodisch eine passgenaue Entsprechung bilden: Die User suchen (oft über eine sehr bekannte Suchmaschine) witzige Bilder, um sich daran zu erfreuen oder Nutzungsrechte zu erwerben - und die Künstlerinnen und Künstler haben mehrheitlich ein ihnen eigenen Drang, das zu zeigen, was sie machen, was sie gedanklich bewegt.

Bringen manche Länder besonders viele oder gute Cartoonisten hervor?

Die USA, Kanada, Australien und Großbritannien haben diesbezüglich wohl einen gewissen Vorsprung (viel und gut), was daran liegen mag, dass die Cartoon-Kunst in diesen Ländern traditionell mehr gepflegt wird als anderswo. Das gilt zwar auch für Frankreich und Belgien, allerdings scheuen nicht wenige französischsprachige Künstlerinnen und Künstler nach meinem Eindruck die Kommunikation in englischer Sprache, so dass sie auf www.toonpool.com weniger vertreten sind. Sehr starke Cartoons kommen aus Deutschland auf unser Portal (viel und gut), aber das möchte ich nicht näher interpretieren, da das Projekt mit seinem Sitz nun mal hierzulande stationiert ist. Immer wieder freue ich mich über wunderbare Cartoons aus Brasilien, Argentinien, Kuba oder Costa Rica. Auch die Künstlerinnen und Künstler aus der Türkei sind überdurchschnittlich aktiv, womöglich, weil sich das Land in einer Umbruchsituation befindet (wie auch immer sie ausgehen mag).

Gibt es evtl. auch eine Häufung von Themen (Sujets)?

Die quantitative Reihenfolge (geladene Bilder) ergibt thematisch folgende Hierarchie: 1.) Politik, 2.) Medien & Kultur, 3.) Philosophie, 4.) Berühmte Personen, 5.) Liebe. Zum Stichwort „Obama" findet man 2.577 Treffer (Bilder), zu „Merkel" 4.645.

Kommen Sie selbst eigentlich auch noch zum Zeichnen?
Ja.

Was haben Sie für Zukunftspläne - für toonpool, Ausstellungen, Ihre internationalen Kontakte?

Ich bin gesellschaftsrechtlich verpflichtet, gegenüber Außenstehenden keinerlei Auskünfte zu Plänen unseres Unternehmens zu erteilen. (lacht) Im Ernst: Wir haben aus Beständen des Portals, klassische, also „analoge Ausstellungen" in Deutschland, Großbritannien, der Türkei und in Mazedonien durchgeführt. Dies wollen wir fortsetzen und ausbauen. Neben der Förderung der Künstlerinnen und Künstler, glauben wir, dass das Projekt - gerade auch in der inhaltlichen Auseinandersetzung der verschiedenen Kulturen, Mentalitäten, Religionen - im Sinne der Völkerverständigung tragfähige Brücken bauen kann.