Für die 42-jährige Johanna Heitzer begann die Unikarriere 2007 nach 12 Jahren Schulerfahrung und der Geburt zweier Söhne (jetzt 10 J. und 12 J.) mit einer Promotion in Mathematik. Seit 2011 ist sie Professorin für Didaktik der Mathematik an der RWTH Aachen. Neben einer guten Ausbildung zukünftiger Mathematiklehrkräfte ist ihr dabei die Schulpraxis wichtig. Zu ihren didaktischen Schwerpunkten zählt die Entwicklung zeitgemäßer Unterrichtsmaterialien, insbesondere im Sek II- Bereich zur angewandten oder fächerübergreifenden Mathematik. In Schüler-Workshops oder Schnupperuni-Kursen testet sie ihre Ideen mit motivierten Schülerinnen und Schülern. Desweiteren betreut sie zahlreiche Projekte rund um den Übergang Schule-Hochschule, z. B. "MathePlus Aachen", welches wöchentlich mehrere hundert Lernende an über zwanzig Teilnehmerschulen erreicht. Stephanie Schiemann vom Netzwerkbüro Schule-Hochschule sprach mit Frau Heitzer.

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(Foto: Dr. Michael Heitzer, Aachen)

Beginnen wir mit dem Mathematiklehren-Heft, durch welches wir auf Sie aufmerksam wurden: "Gesundheit und Mathematik". Wie passt das zusammen? Was lässt sich gut in den Mathematikunterricht einbinden?
Hinter den jedermann betreffenden Themen Gesundheit und Medizin steckt weit mehr Mathematik als im Allgemeinen bekannt ist. Umgekehrt eignen sich diese Themenfelder, Mathematik im Anwendungskontext erfahrbar zu machen und überzeugend zu vermitteln. Die vier wichtigsten Überschneidungsbereiche betreffen elementarmathematische Fertigkeiten, Funktionen in all ihren Darstellungsarten, den Bereich Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik sowie die gesamte Medizintechnik mit dem Schwerpunkt Signalverarbeitung. In all diesen Kontexten lässt sich Schulmathematik sinnvoll betreiben und erweitern. Wir haben im Heft eine Reihe von Anregungen für die unterschiedlichsten Altersgruppen konkret ausgestaltet. Auch findet man am Ende des Basisartikels und online eine umfangreiche Literatur- und Linkliste zum Thema.

In Aachen kümmert man sich auch darum, den Übergang von der Schule in die Hochschule und den Einstieg in das Studium zu erleichtern. Was sind die Angebote? Wie kann ein Abiturient davon profitieren? Lassen sie sich auf anderen Regionen übertragen?
An der RWTH Aachen bemüht man sich schon seit langem um die Beratung und Unterstützung von Studieninteressierten. Ich bin dabei die Ansprechpartnerin in allen Fragen des Schulbezugs und der didaktischen Aufbereitung; auch habe ich zu Beginn meiner Abordnung einen umfangreichen Katalog geeigneter Testaufgaben entwickelt, die bis heute eingesetzt werden. Zu den relevantesten Maßnahmen der RWTH gehören:
Online-Selfassessments der RWTH Aachen
• Information und Beratung im Rahmen des Mathematiktest im NC-Zulassungsverfahren
Vorkurs Mathematik
Bereits während der Schulzeit greift das Projekt mpac_logo_hellblau_72, in dem von Hochschuldozenten entwickelte Materialien an zahlreichen Schulen in Form von Projektkursen eingesetzt werden. Gerade dieses Projekt hat schon weit über die Region hinaus Verbreitung gefunden.

Soweit ich weiß arbeiten Sie auch im NRW-Projekt Mathe-Check mit. Was hat es damit auf sich? Wann wird es an den Start gehen und wer kann es nutzen?
Die Erstellung des StudiCheck NRW ist ein gemeinsames Projekt der Ruhr-Universität Bochum und der RTWH Aachen für die Hochschulen des Landes NRW im Auftrag des Ministeriums für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen. Zum bereits exisitierenden "StudiFinder" werden jetzt Tests für wichtige einzelne Fächer entwickelt. Das erste davon ist Mathematik und dort ist mein Lehr- und Forschungsgebiet als Kenner sowohl der Schul- als auch der Hochschulseite eingebunden. Detaillierte Informationen und Antworten auf die meistgestellten Fragen findet man hier.
Die Mathe-Checks sollen schon im Sommer 2013 online zur Verfügung stehen. Sie können von allen Hochschulen des Landes Nordrhein-Westfalen genutzt werden. Die Nutzung ist freiwillig und kostenlos; teilnehmende Hochschulen können die behandelten mathematischen Teilgebiete sowie die Punktzahlen, bei denen sie positive oder neutrale Rückmeldung geben, selbst wählen. Das ist wichtig, weil laut Vorgabe die Lehrplanthemen für Schulen in NRW (verpflichtend und optional) zugrunde gelegt werden, während viele Hochschulvertreter diese heute nicht für eine hinreichende Vorbereitung auf mathematiklastige Studiengänge halten. Für Test-Teilnehmer mit Defiziten enthält die Rückmeldung stets Hinweise über Möglichkeiten zur Behebung (z. B. Vor- und Brückenkurse).

... es schon immer Menschen gab, die sie zum Glücklichsein brauchen. Johanna Heitzer


Nach 12 Jahren Schule haben Sie sich für eine Uni-Laufbahn entschieden. Was war Ihre Motivation? Gab es Hürden? Was möchten Sie Lehrern an die Hand geben, die mit dem Gedanken spielen, diesen Schritt zu wagen?

Offen gesagt habe ich nicht von der Existenz abgeordneter Lehrerstellen an der Universität gewusst, bis die RWTH mit dem Angebot auf mich zu kam. Dann merkte ich jedoch sofort, wie gerne ich das nutzen wollte: wieder Hochschulluft schnuppern, noch einmal intensiv fachlich dazulernen, zukünftige Mathematiklehrer ausbilden, und das alles mit der RWTH Aachen als hervorragendem Forschungsstandort im Rücken. Da ich Familie habe, waren die Hürden vor allem privater Natur: Soll und kann man noch einmal umziehen? Gehen die neuen Herausforderungen zu sehr auf Kosten der Familie? Denn natürlich schreibt man eine Dissertation - selbst wenn man wie ich auf eine im richtigen Maße fordernde und entlastende Betreuung trifft - zu nennenswerten Teilen nachts, am Wochenende, im Urlaub etc. Menschen vor ähnlichen Entscheidungen möchte ich sagen: Hört auf Euer Bauchgefühl! Sorgt dafür, dass eine Promotion im Abordnungszeitraum wirklich möglich ist. Was man wirklich möchte, gelingt auch.

Manche machen es wie Sie, wechseln von der Schule in die Uni, andere machen es umgekehrt und gehen von der Uni in die Schule. Wo sehen die Vor- bzw. Nachteile der beiden Systeme?
Für mich zählen sowohl die Schule als auch die Universität zu den attraktivsten Arbeitsplätzen, die das Leben zu bieten hat. Ich möchte deshalb jeweils nur die aus meiner Sicht größten Vorteile benennen. Die Schule ist mit ihrer bunten Mischung aus Vertretern unterschiedlichster Fachrichtungen, Altersgruppen und spezifischen Talente einer der lebendigsten Arbeitsplätze überhaupt. Schule hält jung. Heranwachsenden guten Unterricht in relevanten Fächern zu erteilen ist eine Aufgabe, bei der man sich niemals die Sinnfrage zu stellen braucht. Von allen nicht-selbständigen Arbeiten bietet die an der Universität den größtmöglichen Gestaltungsspielraum. Wenn man Kopf, Herz und Hand dafür öffnet, sind Universitäten nach wie vor der ideale Ort wissenschaftlichen und kulturellen Austausches. Sollte dann (wie an einer exzellenten Technischen Hochschule) noch der finanzielle Spielraum stimmen - ein Traum!

Zurück zur Mathematik. Hier haben Sie promoviert. Wo liegt Ihr Hauptinteressensgebiet? Welche mathematischen Bereiche würden Sie gerne stärker in die Schulmathematik einbezogen sehen? Gibt es diesbezüglich bereits modellhafte Projekte? Konnten Sie als Schulbuchautorin diesbezüglich Impulse setzen?
Mein Interesse gilt verstärkt der Entwicklung zeitgemäßer Unterrichtsmaterialien, der sprachlichen Vermittlung von Mathematik, angewandter und fächerübergreifender Mathematik sowie Modellen und Veranschaulichungen im Mathematikunterricht. Inhaltlich bin ich stark an Geometrie interessiert und halte die Mathematikgeschichte für eine wichtige Quelle didaktischer Ideen. Im Unterricht sollten Geometrie, lineare Algebra und echte Anwendungen ausreichend berücksichtigt werden. Meine Aufgaben als Mit-Herausgeberin der Zeitschrift "mathematik lehren" (Friedrich Verlag), Mit-Autorin und Beraterin des Lehrwerks "Mathematik - Neue Wege" (Schroedel Verlag) und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Zeitschrift "MINT Zirkel" (KlettMINT) sichern den Praxis-Kontakt und lassen sich optimal mit der Hochschultätigkeit kombinieren. Was die Projekte angeht, verweise ich auf unsere Homepage.

Als Lehrerin sind sie dem MNU beigetreten, als Didaktikerin der GDM und seit 2012 sind sie auch DMV-Mitglied. Lohnt es sich in allen drei Verbänden zu sein? Worin sehen Sie für sich den Mehrwert?
"Sich lohnen" ist natürlich immer relativ. Ich schätze die regelmäßigen Informationen, Beratungsmöglichkeiten und vor allem die Vernetzung. Erst die Kombination der Verbände deckt meine Interessensschwerpunkte wirklich gut ab. Das erlaube ich mir in Form von Defiziten auszudrücken: Beim MNU könnte meiner Meinung nach das U, bei der GDM das M und bei der DMV - habe ich gehört - das V wieder etwas dicker gedruckt werden.

Zu guter Letzt möchte ich Sie fragen, wo der Ursprung Ihres persönlichen Interesses an der Mathematik lag. Gab es Vorbilder in der Familie oder hatten Sie gute Lehrer/innen?
Ich habe Mathematik einfach schon immer gerne gemacht und gut gekonnt. Sie hat als Wissenschaft ein paar Eigenschaften, die mich anziehen und begeistern (s. u.). In meiner Familie gibt es eine deutliche Neigung zu den Naturwissenschaften: Ein Urgroßvater war Physikprofessor, meine Eltern und Geschwister studierten Medizin, Geologie, Mathematik, Geographie sowie Musik und Jura. Meine Mathematiklehrer (nach der Grundschule durchgehend Männer) waren allesamt in Ordnung. Der Leistungskurslehrer hat zum Beispiel für die damalige Zeit ungewöhnlich gern und gut Stochastik unterrichtet. Allerdings hat er auch über seinen Brillenrand geschaut und gesagt: "Wir kommen jetzt ins Dreidimensionale. Das ist der Punkt, wo die Mädchen es sich nicht mehr vorstellen können."
Was mich an der Mathematik begeistert, möchte ich abschließend durch Zitate zum Ausdruck bringen:
"Die mathematische Wissenschaft bringt Ordnung, Symmetrie und Begrenzung ans Licht; und dies sind die großartigsten Formen der Schönheit." (Aristoteles, um 350 v. Chr.)
"For the science of mathematics, useless as an end in itself, is, in the right hands, the most supple and perfect instrument for defining the relations of things, and classifying phenomena in the manner so eagerly desired by every intelligent mind." (Theodore A. Cook, 1903)
"Nicht das Experiment ist der Mathematik verboten, sondern das Stehenbleiben beim Experiment." (Egmont Colerus, 1969)