Der Lehrer Eugen Jost, geboren 1950 in Zürich, verbindet auf beeindruckende Weise seit Jahren Mathematik und Kunst. Seine künstlerischen Mathe-Jahreskalender vermitteln durch fantasievollen Zeichnungen und Darstellungen einen bunten Einstieg in die Mathematik. Auch in unzähligen Einzel- und Gruppenausstellungen sind seine Bilder seit Jahren zu begutachten, aktuell z.B. in der Mitmach-Ausstellung "mathemachen" des Deutschen Technikmuseum Berlin. Die Ausstellung wurde gerade nochmal bis zum 31.12.2010. Eine größere Ausstellung seiner Bilder in Bern kann noch bis Ende März 2011 besucht werden. Weiterhin bietet Jost innerhalb der Begabtenförderung exotische Mathematik-Kurse für Schülerinnen und Schüler an. Aktuell illustriert er das Geometriebuch von Eli Maor, das 2012 in der Princeton University Press erscheinen wird. Thomas Vogt und Stephanie Schiemann befragten den Mathemacher des Monats Dezember.

Eugen Jost 250 MM122010

(Foto: privat)

Seit wann sind mathematische Themen in der (eigenen) Kunst ein Thema für Sie? Wie kamen Sie auf dieses Thema, diese Idee?
Seit langem experimentiere ich mit Zeichen und Buchstaben, mit Wortspielen und Wortgedichten. Zwischen meinen konkreten Gedichten und meinen Zahlenbildern ist nur ein kleiner Schritt.
Vor einigen Jahren habe ich ein Büchlein gemacht mit konkreten Gedichten. Weil es inhaltlich anzusiedeln ist zwischen Mathematik und Sprache hat es der Verlag so betitelt: 1/eins.

Kreative Bilder entstehen nicht auf Knopfdruck. Welches sind Ihre kreativen Orte? Wer oder was inspiriert Sie dabei am meisten?
Ich bin täglich zwischen 1 und 2 Stunden zu Fuß unterwegs: im Wald mit unserem Hund und auf dem Weg zum Bahnhof. Dann fahre ich noch etwa eine Stunde lang Zug. Meistens gestalte ich meine Bilder unterwegs im Kopf. Der aufwändigere Teil, das Umsetzen, das geschieht dann zu Hause oder im Atelier; etliche Entwürfe und Illustrationen mache ich auch am Computer.
Das Recherchieren und Planen einzelner Bilder braucht ebenfalls sehr viel Zeit. Zudem sammle und lese ich viele Bücher, die sich mit Mathematik und ihrer (Kultur-)Geschichte befassen. In den letzten Monaten lagen u.a. folgende Bücher auf meinem Nachttisch: Günter M. Ziegler: "Darf ich Zahlen?", Mario Livio: "Ist Gott ein Mathematiker?", György Darvas: "Symmetry", Christian Hesse: "Warum Mathematik glücklich macht", Eli Maor: "To Infinity and Beyond".

Lassen sich Bilder mit mathematischem Kontext genau so gut verkaufen, wie solche, mit weniger mathematischen Motiven? Wie reagiert der Kunstmarkt? Wer sind Ihre Abnehmer?
In meinen Bildern gab es schon immer Zeichen und Fragmente von Wörtern, Sprache, Philosophie, Mathematik: ich trenne da nicht so stark. In den meisten unserer Sätze stecken Wörter, die ein bisschen nach Mathematik, nach Zahlen riechen. Verweist nicht jedes Adjektiv auf eine Werteskala? "Schön" ist etwas anderes als "wunderbar" oder "angenehm." Die unbestimmten Artikel "ein", "eine", die Wörter "und", "nein", "ja" haben mit Mathematik oder Logik zu tun. Sehe ich einen Apfel, denke ich an die vier Jahreszeiten, bei Walzer an den Dreivierteltakt, bei Euro und Franken ans Zählen.
In meinen Bildern steht das Spiel im Vordergrund, das ist einmal Sprache und einmal Mathematik. Ich spiele mit dem, was zwischen der Mathematik und anderen Bereichen liegt.
Das Interesse an meinen Bildern ist momentan sehr groß, vom Verkauf allerdings könnte ich (noch) nicht leben. Meine Bilder werden von Menschen angeschaut und gekauft, die gerne spielen.

War der Mathekalender im Jahr der Mathematik (2008) Ihr erster "Mathe-Kalender"? Wie kam es zu dem Kalenderprojekt? Wird es weitergehen?
Im Februar 2007 fragte mich Peter Baptist von der Uni Bayreuth, ob ich interessiert wäre, einen Mathematikkalender zu gestalten für das Jahr der Mathematik 2008. Er ließ mir absolute Freiheit bei der Wahl der Themen und in der Art der Gestaltung. Die ganze Produktion war ein kreatives Hin und Her zwischen Peter Baptist und Wolfgang Gollub vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall, der das Projekt finanziert hat. Ich malte die Bilder, Peter Baptist und Albrecht Beutelspacher vom Mathematikum in Gießen schrieben die Begleittexte für die Kalenderrückseiten und Carsten Miller von der Uni Bayreuth besorgte das Layout. Wir nannten den Kalender nach dem Motto der Pythagoräer "Alles ist Zahl", und anfänglich war nur ein einziger geplant. Dann kam eine Anfrage der Schweizerischen Mathematischen Gesellschaft, ob ich für deren Jahrhundertjahrfeier im Oktober 2010 nochmals einen Kalender machen würde. Peter Baptist und Carsten Miller waren wieder mit von der Partie, und so entstand der Kalender fürs Jahr 2010. Einen dritten Kalender (für 2011) machte ich dann für den Schweizer Schulverlag plus. Die Texte zu diesem Kalender haben dann 11 Mathematiker und eine Mathematikerin aus der Schweiz und dem Fürstentum Lichtenstein gemacht. Für 2012 ist noch kein neuer Kalender geplant. Ob ich später wieder mal einen Kalender mache mit Peter Baptist? Bildthemen, die mich interessieren, gäbe es genug. Besonders reizen würde mich ein Geometrie-Kalender...

... sie bunt ist und ich die Farben liebe.                 Eugen Jost


Wie sieht die Wanderausstellung aus, wo wird sie gezeigt, wie ist die Resonanz, kann man sie für 2011 noch buchen?

Die Wanderausstellung "Alles ist Zahl" wurde über 120.000-mal besucht in den vergangenen Jahren. Ich glaube, die Roll-ups kann man jetzt nicht mehr ausleihen. Ab und zu werde ich von verschiedenen Institutionen und Schulen eingeladen, ein bisschen über meine Arbeit zu erzählen, und dann nehme ich jeweils Bilder mit.

Sind Sie nebenbei Lehrer oder nebenbei Künstler? Wie lassen sich diese zwei Standbeine vereinen?
Eigentlich trenne ich recht strikt zwischen Schule und Beruf. Ich machte auch nie Bilder mit didaktischer Absicht. Gut, ab und zu nehme ich ein Bild mit und lasse die Kinder ein bisschen herumspielen damit und an der Farbe kratzen. Da ich täglich früh aufstehe und TV-abstinent lebe, komme ich auf eine stattliche Anzahl Stunden, die ich für meine gestalterischen Projekte verwenden kann.

In der Begabtenförderung betreiben Sie "Exotische Mathematik". Was verstehen Sie darunter? Nennen Sie kurz einige Beispiele?
Zahlen erzählen Geschichten, Schach, Oloid, Seifenblasen, gotisches Maßwerk, Etymologie unserer Zahlennamen; Wie ist das Wort "Zahl" mit dem Wort "Teller" verwandt? Alte Längenmaße wie Elle, Daumen, Fuß, Meile, Spanne, Juchart. Denksport (Martin Gardner, Heinrich Hemme, Ian Stewart, Stefan Bondeli); Paradoxien, Wortspiele, Platonische Körper, Fibonacci und der goldene Schnitt, Baustilkunde...

Aktuell illustrieren Sie das amerikanische Geometriebuch-Projekt von Eli Maor. Wie kam es zu dem Projekt? Was verbirgt sich dahinter?
Eli Maor machte letztes Jahr auf einer Reise von Chicago nach Jerusalem einen Zwischenhalt in der Schweiz und hielt einen Vortrag an der Kantonsschule Aarau, wo sich Einstein übrigens auf die Zulassungsprüfung an die ETH vorbereitete. Eli Maor kannte meine Bilder. Später hat er mich gefragt, ob ich mithelfen würde, ein Geometriebuch zu gestalten. Das Buch wird 50 Kapitel haben und 50 großformatige, verspielte Illustrationen enthalten. Schwergewicht liegt auf der Kultur der Geometrie; es ist also kein Lehrbuch sondern eher ein bebildertes Lesebuch. Im Jahr 2012 sollte es publiziert werden bei der Princeton University Press.

Verfolgen Sie weitere Projekte?
Ich habe schon ab und zu Kunst am Bau gemacht. Einmal schrieb ich zum Beispiel auf eine große Wand einer Schule etwa 400 Vor- und Nachnamen.
Was mich reizen würde: Ein Mathematik-Spiel-Bild an eine riesige Wand malen. Auf diesem Bild hätte es magische Quadrate, Rätsel, figurierte Zahlen, die Unendlichkeit würde dargestellt, ebenfalls das Nichts, vieles, was zwischen Sprache, Natur und Philosophie liegt, das Collatz-Problem, Primzahlen, Schlegel-Diagramme, Symbole und vieles mehr. Adressaten des Bildes wären wiederum Menschen, die gerne Spielen: Menschen, die in Mathematik schon immer schlecht waren genau so wie Mathe-Freaks, Kinder und jung Gebliebene, Belesene und Analphabeten. Diese Wand suche ich noch immer.

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