1867-1873 Die erste Gründungsinitiative

Die erste Initiative für einen Zusammenschluss deutscher Mathematiker ging auf Alfred Clebsch zurück. Dieser sprach sich auf der Jahrestagung der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte (GdNÄ) 1867 für eine Abspaltung der dortigen Mathematiker aus. Aus den anschließenden mathematischen Treffen gingen unter anderem die „Mathematische Annalen“ hervor. Eine Gründungskonferenz für eine mathematische Vereinigung im Jahr 1873 blieb jedoch erfolglos, auch, weil Clebsch zuvor überraschend verstorben war.

1890 Gründung der DMV

Georg Cantor wagte einige Jahre nach Clebsch‘ gescheitertem Versuch einen erneuten Anlauf zur Gründung einer mathematischen Vereinigung. Ab 1889 wurden auf seine Initiative die entsprechenden Vorbereitungen getätigt und es wurde die erste Jahrestagung abgehalten. Auf der Jahrestagung der GdNÄ 1890 wurde die Deutsche Mathematiker Vereinigung schließlich offiziell gegründet. Cantors Vorhaben stieß unter seinen Kollegen zunächst auf Skepsis. Georg Cantor war von 1890 bis 1893 Vorsitzender der DMV.

1922 Ausgründung der GAMM

Vor dem Hintergrund der wachsenden Bedeutung der angewandten Mathematik kam es zur Ausgründung der Fachvereinigung „Gesellschaft für angewandte Mathematik und Mechanik“ (GAMM). Die Gründungsväter waren Ludwig Pratt und Richard von Mises.

1933-1945 NS-Zeit

Die Rolle der DMV im Nationalsozialismus unterliegt noch der aktuellen Forschung.

1947 Vergangenheit und Zukunft der DMV

Nach der Zeit des Nationalsozialismus kam es zu einer Debatte um die Vergangenheit und Zukunft der DMV. Der langjährige DMV-Präsident ( NSDAP-Mitglied) Wilhelm Süss plädierte für eine kontinuierliche Fortführung der Vereinsgeschäfte. Ihm gegenüber stand Erich Kamke, der 1937 zwangsweise in den Ruhestand versetzt worden war und sich für einen Neuanfang ohne alte Personalien aussprach. Schließlich setzte sich Kamke durch und es kam zur Gründung der „Deutschen Mathematiker-Vereinigung in der französisch besetzten Zone“, die bald zur DMV aller Besatzungszonen wurde.

1962 Aufspaltung der DMV

Mit dem Bau der Berliner Mauer mussten Mitglieder aus der DDR die Deutsche Mathematiker-Vereinigung verlassen. Es kam zur Gründung der „Mathematischen Gesellschaft der DDR“ (MGDDR) am 8. Juni 1962 mit Hauptsitz Berlin.

Organ: Mitteilungen der Mathematischen Gesellschaft der DDR

Statut: publiziert in Mitteilungen der MGDDR 1971, Heft 1, S.66ff. Bausch, Inge: „Mathematische Gesellschaft der Deutschen Demokratischen Republik“, in: Sachs, Horst (Hg.): Entwicklung der Mathematik in der DDR. Sammelband. Deutscher Verlag der Wissenschaften: Berlin 1974

Die Akten der MGDDR werden im Freiburger Universitätsarchiv aufbewahrt, Bestand E 5, ca. 8 Meter.

Publikationen zur Mathematik in der DDR:

  • Sachs, Horst (Hg.): Entwicklung der Mathematik in der DDR. Sammelband. Deutscher Verlag der Wissenschaften: Berlin 1974 (756 S.)
  • Siegmund-Schultze, Reinhard: “Dealing with the political past of East German mathematics”. The Mathematical Intelligencer 15 (1993), No. 4, S. 27-36.
  • Siegmund-Schultze, Reinhard: „Zu den ost-westdeutschen mathematischen Beziehungen bis zur Gründung der Mathematischen Gesellschaft der DDR 1962“. Hochschule Ost 5 (1996), Heft 3, S. 55-63.

1990 Wiedervereinigung

Nach der politischen Wende haben DMV und MGDDR beschlossen, sich zu einer Organisationen zu vereinigen. Die DMV feiert ihr 100jähriges Bestehen, es erscheint der Festband “1890-1990 - 100 Jahre DMV”

1998 ICM

Der alle vier Jahre stattfindende Internationale Mathematikerkongress (International Congress of Mathematicians, ICM) fand 1998 in Berlin statt. Als Vertreterin Deutschlands in der Internationalen Mathematikerunion war die DMV Organisatorin dieses Kongresses.

2002 Erster DMV-Medienpreis

Der erste DMV-Medienpreis geht an Gero von Randow ("ZEIT" und "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung").

2006 Gauß-Preis

Erste Verleihung des Gauß-Preises von DMV und IMU auf dem ICM in Madrid. Ständiges Sekretariat der International Mathematical Union in Berlin gemeinsam mit der DMV-Geschäftsstelle.

2008 Das „Jahr der Mathematik“

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung regt ein „Jahr der Mathematik“ an. Weitere Akteure waren Wissenschaft im Dialog, die Telekom Stiftung und die DMV für die mathematischen Inhalte. Unter dem Motto „Alles, was zählt“ wurde durch zahlreiche Veranstaltungen und Kampagnen gezeigt, wie vielfältig Mathematik ist und wie sie unser aller Alltagsleben beeinflusst. Die DMV vergibt erstmalig den „DMV-Abiturpreis Mathematik" unddas erste Mal einen Cartoonpreis (2008 für Christiane Lokar, alias kittihawk). Mathe- Adventskalender des MATHEON erstmals als „Mathe im Advent“ der DMV für jüngere Zielgruppen.

2009/2010 Folgen des „Jahres der Mathematik“

In Folge des Jahres der Mathematik (2008) wurde das „Medienbüro Mathematik“ und das „Netzwerkbüro Schule-Hochschule“ der DMV ins Leben gerufen. Die DMV ruft erstmalig den MatheMonatMai aus und fördert mit Unterstützung des Stifterverbandes 10 Teilprojekte in 10 Bundesländern. Der erfolgreiche Mathe-Adventskalender für jüngere Zielgruppen wird erneut angeboten und auch die Mathemacher-Aktion aus dem Jahr der Mathematik wird fortgesetzt.

2010 wurde wieder der MatheMonatMai mit 11 Projekten im gesamten Bundesgebiet ausgerufen und beim Mathe-Adventskalender für jüngere Zielgruppen machten 70.000 Schülerinnen und Schüler mit, dabei mehr Mädchen als Jungen.

2011 Kommission Übergang Schule-Hochschule

Eine Gemeinsamen Kommission zum Übergang von der Schule an die Hochschule mit der Gesellschaft für Didaktik der Mathematik (GDM) und dem Deutschen Verein zur Förderung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts (MNU) wird eingerichtet. MatheMonatMai mit 11 Projekten im gesamten Bundesgebiet. Beim Mathe-Adventskalender für jüngere Zielgruppen machen inzwischen 100.000 Schülerinnen und Schüler mit.

2014 Ars legendi-Fakultätenpreis

Der Ars legendi-Fakultätenpreis Mathematik und Naturwissenschaften für Hochschullehre von DMV, DPG, Gesellschaft Deutscher Chemiker, Stifterverband und VBio wird zum ersten Mal vergeben.

2016 Ausgründung des Matheadventskalenders

Die DMV beteiligt sich am 7th European Congress of Mathematics (7ECM) in Berlin und am Weltkongress der Mathematikdidaktik ICME in Hamburg. Gründung der “Mathe im Leben Ggmbh” als Trägerin von “Mathe im Advent”.

Literatur

Publikationen zur Geschichte der DMV

Gericke, Helmuth: „Aus der Chronik der Deutschen Mathematiker-Vereinigung“. Jahresbericht der DMV 68 (1966), Abt. 1, S. 46-74.

Geyer, Wulf-Dieter: Vorwort im Jubiläumsband des Jahresberichtes der DMV „Zur Jubiläumstagung 100 Jahre DMV in Bremen 1990“. Stuttgart, Teubner 1992 (enthält einen Abriß der Geschichte des Jahresberichtes der DMV).

Gispert, Hélène; Tobies, Renate: “A comparative study of the French and German Mathematical Societies before 1914”. L’Europe mathématique – Mythos, histoires identités, Mathematical Europe – Myth, History, Identity (Èditions de la Maison des sciences de l'homme), edited by C. Goldstein, J. Gray and J. Ritter. Paris 1996, 409- 430.

Gutzmer, August: Geschichte der Deutschen Mathematiker-Vereinigung von ihrer Begründung bis zur Gegenwart dargestellt. B. G. Teubner: Leipzig 1904 = Jahresbericht der DMV 10 (1904).

Hashagen, Ulf: „Georg Cantor und die Gründung der Deutschen Mathematiker- Vereinigung“. Mathematik im Wandel: Anregungen zu einem fächerübergreifenden Mathematikunterricht, Bd. 3, hrsg. v. Michael Toepell. Franzbecker: Hildesheim 2001, S. 302-323.

Hirzebruch, Friedrich: Eröffnungsansprache der DMV-Tagung 1990 in Bremen. Mitteilungen der DMV, Sonderheft über die Jubiläumstagung aus Anlaß des 100- jährigen Bestehens vom 17. bis 22. September 1990 in Bremen. Herausgegeben von A. Hofmann unter Mitwirkung von G. Fischer im Auftrag des Präsidiums der DMV. Dezember 1990, 18-34.

Kneser, Martin; Epple, Moritz; Speck, Dieter: „Die Akten der alten DMV. Eine Übersicht über die im Universitätsarchiv Freiburg vorliegenden Bestände“. Mitteilungen der DMV 1/97.

Krazer, Adolf: „Die Deutsche Mathematiker-Vereinigung in den Jahren 1903 – 1920“. Jahresbericht der DMV 31 (1922), Abt. 2, S. 21-34.

Remmert, Volker: Findbuch Bestand E 4, Deutsche Mathematiker-Vereinigung (Reihe „Findbücher aus dem Universitätsarchiv Freiburg“). Freiburg i.Br. 1999.

Remmert, Volker: Findbuch Bestand C 89 – Nachlaß Wilhelm Süss (1895-1958): 1913-1961 (Reihe „Findbücher aus dem Universitätsarchiv Freiburg“). Freiburg i.Br. 2000.

Schappacher, Norbert; Kneser, Martin: „Fachverband – Institut – Staat. Streiflichter auf das Verhältnis von Mathematik zu Gesellschaft und Politik in Deutschland seit 1890 unter besonderer Berücksichtigung der Zeit des Nationalsozialismus“, in: Fischer, Gerd, Hirzebruch, Friedrich; Scharlau, Winfried; Törnig, Willi (Hg.): Ein Jahrhundert Mathematik 1890-1990. Festschrift zum Jubiläum der DMV. (Dokumente zur Geschichte der Mathematik, Bd. 6). Im Auftrag der Deutschen Mathematiker- Vereinigung herausgegeben. Vieweg: Braunschweig/Wiesbaden 1990, S. 1-82. Scharlau, Winfried (Hg.): Mathematische Institute in Deutschland 1800-1945. (Dokumente zur Geschichte der Mathematik, Bd. 5). Im Auftrag der Deutschen Mathematiker-Vereinigung herausgegeben. Vieweg: Braunschweig/Wiesbaden 1989.

Tobies, Renate: “On the Contribution of Mathematical Societies to Promoting Applications of Mathematics in Germany”. The History of Modern Mathematics. Vol. II: Institutions and Applications, edited by David E. Rowe and J. McCleary. Academic Press: Boston, San Diego, New York 1989, 223-248.

Tobies, Renate: „Warum wurde die Deutsche Mathematiker-Vereinigung innerhalb der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte gegründet? Mathematiker-Briefe zur Gründungsgeschichte der DMV“. Jahresbericht der DMV 93 (1991), S. 30-47.

Tobies, Renate; Goergen, Ulrich: „Mathematische Dissertationen an deutschen Hochschuleinrichtungen, WS 1907/08 bis WS 1944/45“. Jahresbericht der DMV, 103 (2001), S. 115-148.

Tobies, Renate; Volkert, Klaus: Mathematik auf den Versammlungen der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte, 1843-1890 (Schriftenreihe zur Geschichte der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte, Bd. 7, hrsg. v. Michael Eckart, Heidelberg, und Dietrich von Engelhardt, Lübeck). Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH: Stuttgart 1998.

Toepell, Michael (Hg.): Mitgliedergesamtverzeichnis der Deutschen Mathematiker- Vereinigung 1890-1990. Institut für Geschichte der Naturwissenschaften der Universität München. München 1991.

Auseinandersetzungen mit der Zeit des Nationalsozialismus

Birgit Bergmann und Moritz Epple (Hg.): Jüdische Mathematiker in der deutschsprachigen akademischen Kultur. (Katalog zur Wanderausstellung “Jüdische Mathematiker in der deutschsprachigen akademischen Kultur”). Springer, Heidelberg 2009.

Jochen Brüning, Dirk Ferus, Reinhard Siegmund-Schultze: “Terror and Exile. Persecution and Expulsion of Mathematicians from Berlin between 1933 and 1945” (Katalog zur Ausstellung zum International Congress of Mathematicians (ICM), Berlin 1998). DMV Eigenverlag 1998.

Helmut Lindner: „’Deutsche’ und ‚gegentypische’ Mathematik. Zur Begründung einer ‚arteigenen’ Mathematik im ‚Dritten Reich’ durch Ludwig Bieberbach“, in: Mehrtens, Herbert; Richter, Steffen (Hg.): Naturwissenschaft, Technik und NS-Ideologie. Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte des Dritten Reiches (suhrkamp taschenbuch wissenschaft, 303). Suhrkamp Verlag: Frankfurt a.M. 1980, S. 88-115.

Herbert Mehrtens: „Die ‚Gleichschaltung’ der mathematischen Gesellschaften im nationalsozialistischen Deutschland“. Jahrbuch Überblicke Mathematik 1985, S. 83-103; engl. Übers.: „The 'Gleichschaltung' of Mathematical Societies in Nazi Germany“. The Mathematical Intelligencer 11(3)(1989) 48-60.

Herbert Mehrtens: „Angewandte Mathematik und Anwendungen der Mathematik im nationalsozialistischen Deutschland“. Geschichte und Gesellschaft 12 (1986), 317-347; engl. erweitert “Mathematics and War: Germany 1900 – 1945”, in: Forman, Paul; Sánchez-Rón, Manuel (Hg.): National Military Establishments and the Advancement of Science and Technology: Studies in the Twentieth Century History. Kluwer: Dordrecht 1996, 87-134.

Herbert Mehrtens: “The Social System of Mathematics and National Socialism: A Survey”. Sociological Inquiry 57(1987), 159-182. Wiederabdrucke in: Restivo, S.; van Bengedem, J. P.; Fischer, R. (Eds.): Math Worlds: Philosophical and Social Studies of Mathematics and Mathematics Education. State University of New York Press: Albany 1993, 219-246 und in: Renneberg, Monika; Walker, Mark (Eds.): Science, Technology and National Socialism. Cambridge University Press: Cambridge 1994, 291-311; Auszüge in franz. Übers. als: “Mathématiques et national-socialisme: le cas Bieberbach”. Revue des Deux Mondes, Fevrier 1995, 65-76.

Herbert Mehrtens: “Ludwig Bieberbach and ‚Deutsche Mathematik’”, in: Phillips, Esther R. (Ed.): Studies in the History of Mathematics (MAA Studies in Mathematics, Bd. 26) The Mathematical Association of America: Washington D.C. 1987, 195-241. Mehrtens, Herbert: “Mathematics in the Third Reich: Resistance, Adaptation and Collaboration of a Scientific Discipline”, in: Visser, R.P.W. et al. (Eds.): New Trends in the History of Science: Proceedings of a Conference Held at the Universtiy of Utrecht. Rodopi: Amsterdam 1989, 151-166.

Volker R. Remmert: „Griff aus dem Elfenbeinturm: Mathematik und Macht im Nationalsozialismus“. Mitteilungen der DMV 3/99.

Volker R. Remmert: Die Deutsche Mathematiker-Vereinigung im “Dritten Reich”, I: Krisenjahre und Konsolidierung, Mitteilungen der DMV12-3/2004, 159-177.

Volker R. Remmert: Die Deutsche Mathematiker-Vereinigung im “Dritten Reich”, II: Fach- und Parteipolitik, Mitteilungen der DMV12-4/2004, 223-245.

Reinhard Siegmund-Schultze: Mathematiker auf der Flucht vor Hitler. Quellen und Studien zur Emigration einer Wissenschaft (Dokumente zur Geschichte der Mathematik, Bd. 10). Hrsg. v. d. Deutschen Mathematiker-Vereinigung. Vieweg: Braunschweig/Wiesbaden 1998.

Reinhard Siegmund-Schultze: Mathematicians Fleeing from Nazi Germany:
Individual Fates and Global Impact. Princeton University Press: Princeton 2009.