Mathemacherinnen des Monats November 2018 sind die "Datenwissenschaftlerinnen" Helena Mihaljević und Lucía Santamaría. Die Mathematikprofessorin an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft und die promovierte Physikerin prüfen seit Jahren systematisch Datenbanken auf "Geschlechtereffekte bei Publikationsmustern von Mathematikerinnen und Mathematikern". Wir befragten die jungen Naturwissenschaftlerinnen nach ihren bisherigen Forschungsarbeiten und ihrem aktuellen "Mega-Projekt" zu "Gender Gap in Mathematical, Computing, and Natural Sciences". Lesen Sie hier das Kurzinterview zu diesem spannenden Thema.

Helena LuciaHelena Mihaljević und Lucía Santamaría
Quelle: privat

Auf welchen Gebieten der Mathematik waren (sind) Sie im Laufe Ihrer wissenschaftlichen Laufbahn tätig, in welchen Bereichen haben Sie promoviert?

L.S.: Ich habe eigentlich theoretische Physik studiert und im Bereich astrophysikalischer Quellen von Gravitationswellen für die LIGO Detektoren promoviert. Mathematik ist mir allerdings sehr nah, insbesondere die Differentialgeometrie, die eine zentrale Rolle in den Einsteinschen Feldgleichungen der Relativitätstheorie spielt. Damit habe ich mich während meines Studiums und meiner Promotion besonders gern beschäftigt.

H.M.: In meiner Promotion habe ich mich mit der Dynamik ganzer transzendenter Funktionen beschäftigt. Eine zentrale Frage dabei ist die topologische und geometrische Struktur der Punktmengen, welche im Iterationsprozess instabiles Verhalten aufweisen. Ein Punkt wird dabei als instabil (oder chaotisch) bezeichnet, wenn es in jeder noch so kleinen Umgebung von ihm Punkte gibt, die große Unterschiede bei der Iteration aufweisen. Das Thema meiner Dissertation fällt in das Gebiet (Holomorpher) Dynamischer Systeme, was ein verhältnismäßig junges Teilgebiet der Mathematik ist mit starken Querverbindungen zu anderen mathematischen Bereichen wie beispielsweise Geometrie und Funktionentheorie.

Wann und wie haben Sie Gender-Themen für sich entdeckt?

L.S.: Während des Diplomstudiums habe ich mich mit dem Thema eher wenig beschäftigt. In meiner Universität lag der Anteil von Physik-Studentinnen zwischen einem Drittel und der Hälfte aller Studierenden. Erst am Anfang meiner Promotion ist mir die Unterrepräsentation von Frauen in meiner Forschungsgruppe und allgemein in der ganzen wissenschaftlichen Kollaboration stark aufgefallen. Ein paar Jahre später erst haben meine Kollegin Helena und ich im Rahmen unserer Tätigkeit bei der bibliographischen Datenbank zbMATH begonnen, Geschlechtereffekte bei Publikationsmustern von Mathematikerinnen und Mathematikern systematisch zu analysieren.

H.M.: Als Frau mit einer beruflichen Laufbahn in einem MINT-Fach kommt man an einer Konfrontation mit den geschlechtsspezifischen Vorstellungen und Erwartungen, innerhalb und außerhalb des Bildungssystems, nicht vorbei. Ich hatte persönlich Glück mit meinen Betreuern und dem Forschungsgebiet, in welchem es verhältnismäßig viele Frauen und inspirierende Role Models gab. Aber auch hier gab es den Trend, dass mehr Frauen als Männer die wissenschaftliche Laufbahn verließen. Diesen Effekt wollte ich besser verstehen, und die Daten von zbMATH boten Lucía und mir dafür einen sehr guten Ansatz, denn Publikationen sind mit das wichtigste Mittel der Kommunikation eigener Ergebnisse in der Mathematik, und darüber hinaus.

... wir mit ihr interessante Strukturen und Muster in großen Datenmengen erkennen und auswerten können.

Was waren Ihre maßgeblichen Projekte (oder "Ihre wichtigste" Publikation bisher) in den Gender Studies?

L.S. & H.M.: Aus unserer Studie in der Mathematik entstand 2017 ein weiteres, fachübergreifendes Projekt, "Gender Gap in Science: A Global Approach to the Gender Gap in Mathematical, Computing, and Natural Sciences: How to Measure It, How to Reduce It?”, welches den Fokus auf die sogenannten MINT-Fächer erweitert. Involviert sind 11 professionelle Gesellschaften auf internationalem Niveau, u.a. die International Mathematical Union (IMU), die International Union of Pure and Applied Chemistry (IUPAC), die International Union of Pure and Applied Physics (IUPAP) sowie die UNESCO; gefördert wird das Projekt vom International Science Council. Methodisch nähert sich das Projekt der Geschlechter-Lücke in den MINT-Fächern über drei komplementäre Ansätze: eine direkte Umfrage von Wissenschaftler*innen sowie Absolvent*innen, eine Untersuchung verschiedener bibliographischer Datenquellen mit Hilfe algorithmischer Methoden, und die Entwicklung einer Datenbank von “Best Practices”, um die Beteiligung von Mädchen und Frauen in MINT-Bereichen zu fördern.

In Ihrem aktuellen Projekt stellen Sie die einfach anmutende Frage "Publiziert ein Forscher anders als eine Forscherin?". Gibt es auf diese Frage bereits eine (vorläufige) Antwort? 

L.S.: Sowohl die Ergebnisse der aktuellen Umfrage für Mathematiker, Informatiker und Naturwissenschaftler als auch die Befunde unserer datengetriebenen Analyse von verschiedenen bibliometrischen Quellen liegen noch nicht final vor. Bei beiden Aufgaben haben wir in diesem Jahr maßgeblich an der Vor- und Aufbereitung der Daten und Fragebögen gearbeitet, was bei solchen Projekten typischerweise den Großteil der Arbeit bedeutet. Trotzdem können wir bereits statistische Differenzen bzgl. der Anzahl von Publikationen bzw. Zitationen zwischen Frauen und Männer nachweisen. In den kommenden Monaten werden wir uns mit verschiedenen Hypothesen zu dem sogenannten “gender productivity gap” beschäftigen und mit Hilfe diverser algorithmischer Verfahren versuchen, diese zu verifizieren bzw. zu widerlegen.

H.M.: Für die Mathematik haben wir beispielsweise bereits gezeigt, dass Frauen in besonders wertgeschätzten Zeitschriften signifikant unterrepräsentiert sind. Hierfür kann es mehrere Gründe geben: Werden Artikel von Frauen häufiger abgelehnt? Reichen Frauen ihre Arbeiten tendenziell bei weniger renommierten Zeitschriften ein? Legen Frauen vielleicht öfter andere Kriterien bei der Wahl der Zeitschriften an? Solche Analysen können zwar keine kausalen Zusammenhänge erklären, aber sie helfen Unterschiede herauszustellen, welche für die berufliche Laufbahn von Wissenschaftlerinnen relevant sind. Wir sind sehr gespannt, ob ähnliche Effekte auch in anderen Disziplinen zu erkennen sind. Ebenso interessiert uns hierbei, welche Rolle die geografische Lage spielt und wie sich diese gemeinsam mit dem Gender der Autoren auswirkt.

In welcher Form und wann werden Sie Ihre Daten und Erkenntnisse publik machen?

L.S.: Spätestens zum Schluss des Projektes Ende 2019 wird eine Web-Oberfläche zur Verfügung gestellt, über welche sich Interessierte die Ergebnisse unserer Analysen von Publikationen anschauen können. So wird es beispielsweise möglich sein, sich einen Überblick über die geographische Lage der Autorinnen und Autoren sowie die Entwicklung im Laufe der letzten Jahrzehnte zu verschaffen. Aspekte wie die Kollaborationsintensität zwischen männlichen und weiblichen Autoren sowie zwischen verschiedenen Institutionen werden wir ebenfalls darstellen. Wir wollen unsere Erkenntnisse so offen und flexibel wie möglich gestalten, sodass alle Interessierten möglichst viele eigene Fragestellungen in Bezug auf Geschlecht und Publikationen mit Hilfe unserer Daten beantworten können.

H.M.: Wir werden sicherlich auch den einen oder anderen Artikel, Blog Post etc. veröffentlichen. Der Fokus des Projektes liegt aber vor allem auf der Bereitstellung von statistischen Auswertungen und Visualisierungen über Web-Schnittstellen. Die Ergebnisse sollen dabei möglichst aktuell sein. Dafür haben wir beispielsweise für die Daten von arXiv.org Software entwickelt, welche täglich neue Daten abholt, speichert, algorithmisch verarbeitet und statistisch auswertet. Auf diese Weise soll es allen Interessierten ermöglicht werden, die aktuelle Situation in den jeweiligen Disziplinen zu erforschen.