Stella und Kai Zerbe begeistern sich nicht nur für Mathematik, sondern auch für die kinder- und jugendgerechte interaktive Vermittlung des Fachs. 2018 haben sie deshalb zu zweit das Mathe-Mitmachmuseum „Ich mach Mathe!“ in Mainz gegründet. Aus dem anfänglichen Hobbyprojekt ist längst mehr geworden: Heute hat das Museum über 500 m² Ausstellungsfläche und ein ganzes Team hinter sich, das daran mitwirkt, Mathematik für junge Menschen erleb- und begreifbar zu machen. Gemeinsam mit ihrem Team engagieren sich Stella und Kai Zerbe in der mathematischen Talentförderung und zeigen Kindern und Jugendlichen, wie faszinierend Mathematik sein kann.

20260106 141516 frontStella und Kai Zerbe. Foto: privat.

Bitte erzählen Sie zunächst, wie Sie zur Mathematik gefunden haben und was für Sie persönlich den Reiz der Mathematik ausmacht.

Kai Zerbe: Eigentlich kann ich mich nicht richtig erinnern, wie ich dazu gefunden habe. Laut meinen Eltern bin ich schon im frühen Kindergartenalter Treppenstufen rauf- und runtergesprungen und habe dabei gezählt und gerechnet. Mir fiel der Umgang mit dem arithmetischen Teil der Mathematik also irgendwie zu und ich hatte anscheinend Spaß daran. Glücklicherweise blieb das auch in den Phasen der Schulzeit so, die nicht ganz so reibungslos verliefen – die Freude am logischen Denken, am Knobeln und die Faszination der Mathematik war stärker. In der Oberstufe wurde mir dann relativ schnell klar, dass ich Mathematik studieren will, mit dem Ziel in der Schule auch die davon zu begeistern, denen dies bisher verwehrt blieb. Nach dem ein oder anderen Umweg gründeten Stella und ich dann Z Quadrat, ein privates Institut für Mathematik, mit dem Ziel, denen die richtige Unterstützung zukommen zu lassen, die Schwierigkeiten haben, und vor allem den besonders Interessierten und Begabten eine Möglichkeit zu geben, Mathematik anders als in der Schule zu erleben.

Stella Zerbe: Ich habe erst sehr spät zur Mathematik gefunden. In der Schule hatte ich ein sehr ambivalentes Verhältnis zum Fach Mathematik. Bis ich Kai kennenlernte, gehörte Mathematik natürlich zu meinem Leben dazu, aber eher auf pragmatische Art und Weise. Wer aber mit Kai zusammenlebt, der kommt an Mathematik nicht vorbei. Für ihn ist Mathematik nicht nur ein Job, oder ein Mittel zum Zweck. Er lebt Mathematik mit einer solchen Begeisterung und Liebe, dass es unmöglich ist, sich nicht davon anstecken zu lassen.

Wie kamen Sie auf die Idee, ein Mathemuseum zu eröffnen?

Stella Zerbe: In der Tat sind wir gar nicht selbst auf diese Idee gekommen. Kai hatte sich nach ein paar Jahren Schuldienst in den Kopf gesetzt, ein eigenes Matheinstitut zu gründen. Bei der Suche nach geeigneten Räumen ohne schulische Neonlicht-Atmosphäre fanden wir am Ende ein altes Yogastudio, das aber eigentlich viel zu groß für Kais Vorhaben war. Und als unser jüngster Sohn (damals 6 Jahre alt) die Räume zum ersten Mal sah, erklärte er uns ganz pragmatisch, dass wir dann ja jetzt ausreichend Platz hätten, um ihm ein eigenes Mathemuseum zu „bauen“. Es hat dann noch eine Weile gedauert, aber da Kai und ich sehr empfänglich sind für ausgefallene Ideen und der Platz in der Tat vorhanden war, haben wir angefangen zu „basteln“.

Was gibt es im Mitmachmuseum „Ich mach Mathe!“ alles zu entdecken, und für welche Altersgruppen eignet sich die Ausstellung?

Kai Zerbe: Aktuell haben wir mehr als 130 Exponate zu den verschiedensten mathematischen Themen. Bis auf wenige rein informative Exponate steht bei allen das aktive, auch haptische Auseinandersetzen im Vordergrund. Die Spannweite reicht dabei von diversen Knobeleien (wie z. B. Puzzle und Logicals) über veranschaulichte Schulmathematik (wie z. B. den Satz des Pythagoras, die Bruchrechnung und das Pascal‘sche Dreieck) bis zu fraktalen Strukturen und visualisierten Problemen aus Graphentheorie, Stochastik oder Geometrie. Die Ausstellung richtet sich grundsätzlich an Besucher*innen ab ca. 8 Jahren, nach oben sind dem Alter keine Grenzen gesetzt. Da Stella eigentlich nicht aus dem mathematischen, sondern aus dem elementarpädagogischen Bereich kommt, hat sie seit jeher auch die kleineren Kinder im Fokus, und so entwickelte sich nebenbei ein immer größer werdender Ausstellungsteil für unsere „Mini-Mathemacher“ ab ca. 3 Jahren, z. B. der Zahlenraum (der mittlerweile mehr als 25 Exponate für die Kleinen bereitstellt).

 

sie uns zum Staunen bringt!

 
Sie entwerfen und bauen bis heute die meisten Ihrer Exponate selbst, mittlerweile sind es über 130 Stück. Was steckt hinter dieser Do-it-yourself-Philosophie?

Kai Zerbe: Ich würde es eher nicht als Philosophie bezeichnen. Als wir anfingen die erste Version von „Ich mach Mathe!“ gemeinsam zu planen, stellten wir schnell fest, dass nichts unseren (oder genauer: Stellas) Vorstellungen entsprach, was man einfach so kaufen konnte, und die finanziellen Mittel zu begrenzt waren, um alles extern nach unseren Vorgaben produzieren zu lassen. Da wir beide handwerklich nicht ganz unbegabt sind und wir keinen Zeitdruck hatten, blieb nur „Do-it-yourself“ übrig – wobei ich fairerweise sagen muss, dass ein Großteil des Museums Stellas Werk ist.

Von einem Hobbyprojekt zu 500 m² Ausstellungsfläche – welche Herausforderungen mussten Sie in den Anfangsjahren meistern, und welche Meilensteine waren auf diesem Weg besonders wichtig?

Stella & Kai Zerbe: Das Ausmaß, das „Ich mach Mathe!“ heute angenommen hat, war so ursprünglich nie geplant. Wir hatten nie vor, ein Museum zu eröffnen. Zu Beginn war durchaus denkbar, dass es bei einem Hobbyprojekt für unseren Sohn bleibt – vielleicht sogar ganz ohne weitere Besucher*innen. Nach rund 18 Monaten Planung und Umsetzung starteten wir im Oktober 2018 zunächst mit einem einzigen Öffnungstag pro Monat. Entsprechend gab es am Anfang, abgesehen davon, dass wir unsere Exponate autodidaktisch entwickeln und bauen mussten, keine großen Herausforderungen.

Ein erster wichtiger Meilenstein war der Moment, in dem wir bemerkten, dass unsere kleine Ausstellung tatsächlich auf echtes Interesse stieß. Die Besucherzahlen wuchsen, das Feedback war durchweg positiv – und wir begannen, unsere damaligen Räume immer wieder neu zu denken. Innerhalb der bestehenden Fläche strukturierten wir um, rückten zusammen und schufen Platz für weitere Exponate. Kurz darauf folgte ein weiterer entscheidender Schritt: Wir öffneten „Ich mach Mathe!“ erstmals für Schulklassen. Damit veränderte sich nicht nur die Nutzung der Ausstellung, sondern auch unser Blick auf das Projekt grundlegend.

Inwiefern?

Stella & Kai Zerbe: Viele kleinere und größere Dinge entwickelten sich danach Schritt für Schritt weiter und passten sich den wachsenden Anforderungen an. Wirklich herausfordernd wurde es jedoch erst mit Beginn der Corona-Pandemie. Gleich zu Anfang des ersten Lockdowns wurden uns unsere damaligen Räume wegen Eigenbedarfs des neuen Hauseigentümers gekündigt. In einer ohnehin sehr unsicheren Zeit mussten wir uns neu orientieren. Da sich in der gesamten Stadt keine geeigneten Räume in vergleichbarer Größe finden ließen, standen wir vor einer grundlegenden Entscheidung: verkleinern – was faktisch das Ende von „Ich mach Mathe!“ bedeutet hätte – oder den Schritt wagen und größer werden.

Wir entschieden uns dafür, das Risiko einzugehen, mieteten unsere heutigen Räume und sanierten sie elf Monate lang in Eigenregie. Neben den besonderen Herausforderungen durch die Corona-Beschränkungen lag eine der größten Aufgaben darin, dass wir diesmal nicht mehr ein Museum in bestehende Räume integrieren mussten. Stattdessen konnten wir den Grundriss durch umfangreiche Umgestaltungen gezielt an die Bedürfnisse der Ausstellung anpassen. In den Monaten danach gab es durchaus Momente, in denen wir uns wünschten, wir hätten diesen Schritt nicht gemacht.

Und wie ging es dann weiter?

Stella & Kai Zerbe: Heute sind wir froh, durchgehalten zu haben. Der Umzug 2020 war ein großer Einschnitt und zugleich ein zentraler Entwicklungsschritt für „Ich mach Mathe!“. Eine weitere große Herausforderung folgte im Sommer 2024 mit der Erweiterung um den Zahlenraum. Dieser Umbau musste parallel zum laufenden Museumsbetrieb umgesetzt werden. Bereits ein Jahr zuvor konnten wir außerdem die angrenzenden Räume dazumieten, ebenfalls sanieren und dort unseren Mini-Mathemacher-Raum eröffnen.

Rückblickend waren es nicht einzelne, klar abgrenzbare Herausforderungen, sondern vielmehr eine Reihe von Meilensteinen, Entscheidungen und Anpassungen, die „Ich mach Mathe!“ Schritt für Schritt wachsen ließen – oft ungeplant, aber immer getragen von Neugier, Ausprobieren und dem Wunsch, Mathematik erlebbar zu machen.

20260106 140334 backKai und Stella Zerbe. Foto: privat.

Welche Rolle spielen Interaktivität und haptisches Erleben in Ihrem Konzept?

Stella Zerbe: Ich würde sagen die beiden sind die zentralen Inhalte bei „Ich mach Mathe!“, immerhin wollen wir ja Mathematik „be-greifbar“ machen. Bis auf wenige Ausnahmen können unsere Besucher*innen bei uns alles anfassen. Es gibt bei fast jedem Exponat irgendetwas, das unsere Besucher*innen in die Hand nehmen können.   

Mit „Z Quadrat“ bieten Sie außerdem ein vielfältiges Workshop- und Kursprogramm an: Was können Teilnehmende bei Ihnen lernen, und an wen richtet sich das Angebot?

Kai Zerbe: Unsere anfänglichen Slogans waren „Jeder kann Mathe!“, „Mathe-Ass oder Mathe-Hass?“ und „Mathe für jede Lebenslage“ – unser Angebot richtet sich also im Prinzip an jede*n. In Form von Coaching unterstützen wir Schüler*innen, die Schwierigkeiten mit der Mathematik haben. In vielen Fällen umfasst das auch den Abbau von Angstszenarien, die Erarbeitung von Lernorganisation und -strategien und den Aufbau von (mathematischer) Selbstsicherheit. Abiturient*innen bekommen bei uns die Möglichkeit, sich durch Kurse auf das bevorstehende Abitur vorzubereiten.

Und dann sind da ja noch diejenigen, denen Mathe Spaß macht oder denen die Schule einfach nicht genügend mathematischen Input geben kann. Für diese bieten wir wöchentliche Kurse und regelmäßige Workshops an, in denen wir mathematische Inhalte altersgerecht erarbeiten. In den Kursen reicht das von Wettbewerbsaufgaben, Knobeleien und passenden Lösungsstrategien über faszinierende mathematische Phänomene bis zu Rechentricks. Die Workshops sind ähnlich, haben aber ein vorher festgelegtes Thema, wie beispielsweise „Zahlensystem“, „Platonische Körper“ oder „Die Fibonacci-Folge“. Die Kurse starten ab der 1. Klasse, die Workshops in der Regel ab 8-10 Jahren. Nach oben sind dem Ganzen bei den Workshops keine Grenzen gesetzt, sodass regelmäßig auch interessierte Erwachsene teilnehmen. Nach dem Motto „Keinem Kind soll sein Alter im Weg stehen“ nehmen regelmäßig auch deutlich jüngere Kinder an den Workshops teil, wenn klar ist, dass sie die mathematischen Voraussetzungen mitbringen.

Mathematik gilt bei vielen als abstrakt und schwierig, nicht selten sogar als „Angstfach“. Wie schaffen Sie es, Berührungsängste abzubauen?

Kai Zerbe: Das hängt stark vom Kontext ab. Besucher*innen im Museum begegnen der Mathematik auf einer grundlegend anderen Ebene als Kinder in der Schule. Das fängt damit an, dass es eine (meist) freiwillige Freizeitaktivität und kein Zwang ist und geht damit weiter, dass durch den spielerischen, meist sehr anschaulichen Zugang, viele Menschen gar nicht merken, dass sie sich mit Mathematik beschäftigen. Wir haben immer wieder Besucher*innen, die uns fragen, wo denn eigentlich die mathematischen Exponate sind, also „die wo man rechnen muss“. Schüler*innen, die Mathematik als „Angst- oder Hassfach“ bezeichnen und durch uns gecoacht werden, gilt es vor allem aufzuzeigen, dass vieles in der (Schul-) Mathematik durch gezieltes Trainieren „erlernt“ werden kann. Ich vergleiche das gerne mit dem Spielen eines Musikinstruments oder dem Ausüben einer Sportart – auch da wird man nur besser, wenn man es regelmäßig, am besten unter Anleitung, macht. Den meisten Schüler*innen fehlen dann oft nur ein paar Erfolgserlebnisse.

Stella Zerbe: Dazu kommt die offene, helle und freundliche Atmosphäre unserer Räume, auf die wir auch immer wieder von unseren Besucher*innen angesprochen werden. Viele Menschen verbinden Mathematik vor allem mit Schule – bei uns erinnert bewusst nichts an den klassischen Schulkontext. Genau das ermöglicht einen neuen, entspannten Blick auf Mathematik.

Kommen auch Schulklassen zu Ihnen? Wie reagieren Lehrkräfte auf Ihr Angebot?

Kai Zerbe: Schulklassen und Kindergartengruppen bieten wir unter der Woche neun verschiedene Termine für Besuche im Museum bzw. im Zahlenraum an. Die Besuche erfolgen dann exklusiv – das heißt es sind keine weiteren Besucher*innen im Museum und die Schüler*innen können ungestört die Exponate erkunden.

Stella Zerbe: Von Lehrkräften erhalten wir durchweg positive Rückmeldungen. Sie freuen sich, dass die Schüler*innen die Möglichkeit haben, die „andere Seite der Mathematik“ bei uns kennenzulernen und sie die Lernenden in einem anderen Kontext beobachten und begleiten zu können. Einige kommen uns seit mehreren Jahren immer wieder mit ihrer jeweils aktuellen Klasse besuchen.

Das Interview mit Stella und Kai Zerbe führte Anna Maria Hengst aus dem Netzwerkbüro Schule–Hochschule der DMV.