Ines Petzschler ist eine sehr engagierte Mathematiklehrerin aus Leipzig. Nach der Wende entdeckte sie die MUED. Das ist ein sehr aktiver Mathematiklehrer-Verein mit Mitgliedern aus dem gesamten Bundesgebiet. Sie sammeln gemeinsam Material für den Mathematikunterricht und treffen sich regelmäßig auf Tagungen. Frau Petzschler stieg dort mit Volldampf ein und entwickelte daraus selbst verschiedenste Projekte, hielt viele Fortbildungen u.a. bei MathematikAndersMachen, bildet als Fachleiterin Referendare aus und gründete im Jahr der Mathematik die Mitmach-Ausstellung INSPIRATA in Leipzig. Stephanie Schiemann vom DMV-Netzwerkbüro Schule - Hochschule sprach mit ihr.


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(Foto: privat)

Als Mathematiklehrerin in Leipzig hat die politische Wende auch bei Ihnen für den Mathematikunterricht eine Wende bedeutet. Warum?
Zu Beginn meiner Lehrertätigkeit gab es Momente, bei denen ich oft sprach - und ratlos war. Nämlich dann, wenn meine Schüler fragten: „ Wozu brauchen wir das?" Deshalb war ich sehr froh als nach der Wende ein Kleinbus mit Lehrerinnen und Lehrern sowie einer Unmenge von Arbeitsmaterialien aus dem Westen anrückte und in den Workshops genau solche Fragen beantwortete.... Seitdem bin ich selbst MUED-Mitglied und wenn ich denke, dass eins meiner Unterrichtsbeispiele auch für andere interessant sein könnten, dann biete ich zu Tagungen auch Workshops an. Jetzt im November auf der Wintertagung ist es das Thema: „Fußball und Schokolade".

Nennen Sie bitte kurz Ihre interessantesten Mathematik-Projekte.
Energiesparen: In einem Faltblatt der Stadtwerke Leipzig stand: „Die Hälfte der Leipziger Bevölkerung kann sich schon jetzt über geringere Stromkosten freuen, besonders diejenigen, die weniger als 1281 Kilowattstunden pro Jahr verbrauchen." Mit einer 9. Klasse führte ich ein kleines Projekt zum Thema durch. Unter anderem ergab sich ein reger Briefwechsel mit den Stadtwerken. Am Ende stand in der Leipziger Volkszeitung (LVZ) ein Artikel: „Findige Rechner: „Stadtwerke haben gemogelt"."

Wie lügt man mit Statistik: Ausgehend von einem Kurzvortrag eines Schülers untersuchte in der Klasse jeder ein Diagramm bzw. einen kleinen Artikel aus der Leipziger Volkszeitung.13 von 16 Artikel waren nicht stimmig bzw. wurden im Diagramm nicht richtig gezeichnet. Die Schüler schrieben Leserbriefe mit den "richtigen" Diagrammen. Diese Sammlung und einen Brief der Klasse, in dem diese ihr Unverständnis über die vielen „falschen" Diagramme zum Ausdruck brachte, schickte ich an den Chefredakteur der Zeitung. In einem Antwortbrief bedankte sich dieser bei der Klasse für ihre Arbeit und den Hinweis und lud sie zur Besichtigung und zum kleinen Imbiss in die Druckerei der LVZ ein.

Solarkocher für Gambia: Beim Thema Funktionen kauften die Schüler eines Wahlgrundkurses Klasse 11 von extra eingesammelten Spendengeldern einen Solarkocherbausatz. Im Unterricht bauten wir diesen zusammen, führten Experimente und Berechnungen damit durch und am Ende spendeten wir ihn für eine Schule in Gambia. Zwei Schüler reisten zur Übergabe mit nach Gambia.

Ihr Langzeitprojekt „Inspirata" haben Sie noch nicht genannt. Wie ist es entstanden? Welche Idee steckt dahinter? Wie hat es sich entwickelt?
Immer wenn mein Matheunterricht ausfiel, weil die Schüler in die Zooschule, in den Botanischen Garten, das Schülerkonzert oder Theater unterwegs waren, habe ich mir gewünscht, auch einmal mit meinen Schülern auf Mathe-Exkursion gehen zu können. Im ganzen Land gibt es ungefähr 40 mathematisch-naturwissenschaftliche Museen, Phänomenta, Explora, Spektrum, Exploratorium, Mathematikum und wie sie alle heißen. Aber nichts in der Nähe von Leipzig.

Und so träumten mein Mann ( Physiklehrer) und ich schon bald von einem Museum in der Stadt Leipzig, er von einem, wo die Schüler sich mit physikalischen Phänomen beschäftigen, meine Schüler sollten eher mathematische Erkundungen anstellen. 2007 schrieben wir erste Anträge und fanden in Frau Gregor vom Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften eine hilfreiche Unterstützung.

Im Februar  2008 schließen wir uns mit Professor Wolfgang König dem von  der Deutschen Telekom Stiftung geförderten DMV-MNU-Projekt „Regionale  Aktivitäten und Vernetzung mit Schulen" an. Der „Probelauf" fand zum Wissenschaftssommer im Juli 2008 statt. In einem Pavillon im Zentrum der Stadt,  gemeinsam mit dem Mathematikum, hatten wir unsere Exponate (u.a. Kaffeehauswand, Spiegelkaleidoskop, Bouchetstuhl, Umkehrbrille) aufgebaut. Ein Spieltisch mit Knobel- und Geometriespielen ergänzte unsere Ausstellung. Referendare betreuten in der Woche rund um die Uhr den Ausstellungsstand, begeisterten die Anwesenden mit ihren Ausführungen und hatten selbst viel Freude an deren Betreuung. Viele Schulklassen aus Leipzig und Umgebung besuchten die Ausstellung. Ihre Begeisterung, ihr Interesse und ihr Drang zum erforschenden Lernen überzeugten uns, das Konzept fortzuführen und in größerem Rahmen weiterzuentwickeln. Weitere Mitstreiter wurden gefunden.

Heute, zwei Jahre später, ist die INSPIRATA eine feste und stabile Größe als außerschulischer Lernort in Leipzig. Auf ca. 700 qm verfügen wir über Ausstellungsräume mit über 70 Exponaten. Über 11 000 Besucher, darunter besonders Schülerinnen und Schüler der Klassen 1-12, aber auch Kindergartenkinder und Erwachsene, haben seitdem die Ausstellung besucht bzw. an Workshops teilgenommen.

Seit  2007 gibt es die Initiative „MathematikAndersMachen" (MAM) der Deutschen Telekom Stiftung. Prof. Wilfried Herget war mit Ihnen von Anfang an dabei. Erläutern Sie uns bitte kurz, um was es sich dabei handelt und was Sie dort speziell anbieten?
Es handelt sich um eine Initiative zur Verbesserung der Lehrerfortbildung in Mathematik. Dabei bietet ein Referententeam, bestehend aus einem Hochschulprofessor bzw. -professorin (verantwortlich für die Theorie) und ein Lehrer/ eine Lehrerin (als „Mann oder Frau der Praxis") gemeinsam ein Thema an. Ich bin mit Prof. Wilfried Herget unterwegs. Zusammen bieten wir vier verschiedene Themen an: (1) Funktionen haben viele Gesichter, (2) Neues im Mathematikunterricht, (3) Etwas andere Aufgaben, (4) Geometrie zum Anfassen

...sie im täglichen Leben praktisch überall vorkommt und sie das Handwerkszeug für die Naturwissenschaftler ist. Ines Petzschler


Ihr Duo-Angebot wurde schon sehr häufig angefragt. Welche Ihrer Fortbildungskurse waren am beliebtesten und wissen Sie warum?

Ich habe sie nicht gezählt, 42 sollen es gewesen sein, Favorit waren die „Funktionen", gefolgt von „Etwas andere Aufgaben". Ich denke, dass vor allem der Name Herget hier sehr zugkräftig ist.

Meinen Sie, wir bräuchten noch ein viel breiteres Mathematik-Lehrerfortbildungsangebot? Wie sind Ihre Erfahrungen?
Schön wäre, wenn die bestehenden Angebote, auch die von MAM, besser genutzt würden. Bei uns zum Beispiel werden hin und wieder Fortbildungen aufgrund mangelnder Teilnehmerzahlen abgesagt. Ursachen könnten unter anderem die hohe Arbeitsbelastung der Lehrerinnen und Lehrer sein: 26 Unterrichtsstunden, Klassenleitung und andere schulinterne Aufgaben lassen keinen großen Spielraum.

Was meinen Sie, warum der Mathematikunterricht bei vielen noch so unbeliebt ist?
Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich nun bei einigen Kolleginnen und Kollegen unbeliebt mache - ein wichtiger Grund ist unser Unterricht. Ein Beispiel: Als Fachberaterin hospitierte ich in einer 5. Klasse. Es war die Einführungsstunde zur Geometrie. Es gab kein Anschauungsmaterial, keine geometrischen Körper, nur Kreide und Buch. Dabei könnten die Schülerinnen und Schüler doch auch falten, schneiden, kleben, bauen, spielen oder experimentieren. Aber nicht in dieser Stunde. Sie mussten zuhören und Fragen beantworten. Ab und zu durfte auch einer an die Tafel gehen und eine Gerade zeichnen oder das Symbol für senkrecht anschreiben.

Schon 1963 sagte Aebli über die Schüler: „Ihr Interesse ist größer, wenn sie die Lösung einer Aufgabe selber finden, als wenn sie nur der Demonstration der Lösung  beiwohnen dürfen, es ist größer, wenn sie selbst mit konkreten Gegebenheiten arbeiten können, als wenn sie sich diese Gegebenheit vorstellen müssen - oder sie nur als Zuschauer betrachten dürfen."

Ich denke, wenn es mir als Lehrerin im Unterricht nicht gelingt, meine Schüler zu begeistern, dann kann ich mich noch so sehr mühen, aber der Erfolg wird ausbleiben.

Sie entwickeln viele Ideen für eine Verbesserung des Mathematikunterrichts?
Am schwierigsten finde ich gute Übungsstunden zu planen und zu halten. Also: Was übt wer, wie und mit wem? Dazu fallen mir dann Aufgaben oder kleine Spiele ein. Oft stelle ich die Aufgaben dann zu einem Übungszirkel zusammen, so dass die Schüler frei ihre Aufgaben, ihr Arbeitstempo und ihre Lernpartner wählen können oder aber wir arbeiten mit Freiarbeitsmaterial. Viele kleine Ideen findet man in der Ideenkiste der Zeitschrift „mathematiklehren".

Die neue Taschenrechnergeneration bietet Chancen und auch Risiken. Wie stehen Sie dazu?
Sachsen war das erste Bundesland, das flächendeckend, quasi über Nacht,  Graphiktaschenrechner einführte. Nach einer zuerst ablehnenden Haltung habe ich einfach meinen Unterricht „rechnertauglich" gemacht, selbst Aufgaben dafür entwickelt und konsequent den Rechner eingesetzt. Klar wussten die Schüler am Anfang manchmal mehr als ich. Auch an die ersten Fortbildungen zum Rechner denke ich mit Grauen: Es gab Kolleginnen und Kollegen, die den Rechner zum ersten Mal in der Hand hatten, andere kannten schon die wichtigsten Tasten und die Fortgeschrittenen wollten Aufgabenmaterial und Tipps zum Unterricht. Inzwischen gehört der Graphikrechner  bei uns selbstverständlich zum Unterricht ab Klasse 8.

Ihr neustes Projekt ist ein Buch. Worum geht es da? Wen wollen Sie damit ansprechen?
Gemeinsam mit einem jungen Kollegen stelle ich eine Sammlung von Übungsspielen für die Klassen 5-10 zusammen. Neben bereits bekannten Spielen wie Domino, Memory oder Quartett versuchen wir auch neue Ideen umzusetzen.

Zu guter Letzt, würde mich interessieren, woher Ihre Vorliebe für die Mathematik stammt? Hatten Sie Vorbilder?
Meine Physiklehrerin in der 8. Klasse hat mir imponiert. Und zu Physik gehörte bei uns die Mathematik. Ein anderes Fach in Kombination mit Physik zu studieren war damals nicht möglich. Das heißt, dass sich meine  Vorliebe zur Mathematik erst im Verlauf meiner Lehrertätigkeit herausgebildet hat.