Ganea04Mathemacherin Milena GaneaUnsere Mathemacherin der Monate Juni und Juli 2020 ist Milena Ganea. Als Kind war sie bereits ein Mathe-Ass und hat viele Preise eingeheimst. Der Kritik am schweren Matheabitur zum Trotze: die Hälfte von Ganeas Schüler_innen erreichen die Note 1 bei der diesjährigen Mathe-Abiturprüfung. Ganeas Ansatz ist es Mathematik als produktives Denken und Entdecken zu vermitteln. Im Interview spricht sie über das Glücksgefühl, aus eigener Kraft die verborgenen Zusammenhänge eines mathematischen Sachverhalts zu entdecken.

Mathematik schön ist.

Sie sind Absolventin des Lyzeums für Mathematik und Physik in Hermannstadt in Rumänien und haben nach Ihrer Schulzeit das Studium der Mathematik an der Universität „Babes Bolyai“ an der Fakultät für Mathematik in Klausenburg absolviert. Sie waren Lehrerin für Mathematik an deutschen Gymnasien und am deutschen Lehrerseminar in Hermannstadt (1985–2002). Seit 2007 sind Sie Lehrerin für Mathematik und Informatik am Fürst-Johann-Moritz-Gymnasium in Siegen. Sie leiten die Mathematik AGs und Informatik AGs und bereiten mathematisch begabte und interessierte Schüler_innen auf die Mathematikwettbewerbe vor. Sie waren Dozentin bei den Mathematikakademien in NRW und haben an Mathematikwochenenden in Siegen und Bonn mit Schülern Ihres Gymnasiums teilgenommen. Was war Ihr erstes „mathematisches Erlebnis“?

Ich erinnere mich, dass ich im Kindergarten Bauklötze sortieren sollte, und ich war sehr froh und stolz zu entdecken, dass manche Bauklötze Ecken und Kanten hatten und manche `rund´ waren. Dass Mathematik faszinierend ist und einfache, schöne Lösungen für komplizierte Probleme haben kann, habe ich in der 2. Klasse entdeckt, als unser Mathe-Lehrer uns die Geschichte der Gaußschen Summenformel erzählt hat.

Wodurch ist Ihre Begeisterung für das Fach geweckt worden? 

Mathematik war für mich bis zur 6. Klasse eher wie ein Spiel, das ich fast immer gewinnen konnte. Ich fand es schön und spannend, dass Mathematik viele Zugänge hat. Von der 4. bis zur 12. Klasse habe ich an den Mathematikolympiaden teilgenommen und hatte dabei viel Spaß und war stolz auf die Preise, die ich gewann. Mit der Einführung des Fachs Geometrie in der 6. Klasse kamen die ersten Herausforderungen und die ersten Schwierigkeiten – wir mussten geometrische Beweise führen, „sauber und wasserdicht“. Eine Nachbarin, die Mathematiklehrerin war, hat mir unter die Arme gegriffen. Danach hatte ich ein echtes „Feeling“ dafür. Ich hatte endlich die Mathematik nicht nur im Gefühl, sondern mir wurden auch das `Warum´ und das `Wie´ bewusst. 
Seit der 5. Klasse haben die Mathe-Lehrer mich gefördert: sie haben mich mit Aufgaben aus der Zeitschrift Gazeta Matematica begeistert. Ich durfte diese Aufgaben dann im Unterricht und anstatt regulärer Hausaufgaben lösen. Die Begeisterung und Leidenschaft der Lehrer für das Fach sind auf mich abgefärbt. Ich fand – und finde auch heute noch – Mathematik spannend und interessant, ich musste nie pauken!
Später, als Lehrerin, hatte ich wunderbare, mathematisch begabte Kollegen. Wir haben uns jeden Monat getroffen, immer montag abends. Jeder hat interessante Aufgaben und Themen aus der „Gazeta Matematica“ vorgestellt. In den Mathe-Camps haben wir bis spät in der Nacht Mathe-Aufgaben gelöst. 

Wird die Schulmathematik in Rumänien anders als in Deutschland unterrichtet, ist Mathematik in Rumänien ein typischen „Jungen- oder Mädchenfach“? 

Als ich noch in Rumänien unterrichtete, war die Schulmathematik ab der 5. Klasse anspruchsvoller als in Deutschland. Es gab weniger „Päckchenaufgaben“ sondern mehr Aufgaben, bei denen im Vordergrund das mathematische Argumentieren und das Denken in Zusammenhängen standen. Die Mathematikwettbewerbe, die wöchentlich organisierte Vorbereitung zur Förderung mathematisch begabter und interessierter Schüler_innen und die Mathe-Camps waren Tradition. Mathematik macht auch in Rumänien keinen Unterschied zwischen Mädchen und Jungen – die Begeisterung dafür zählt.

Gibt es in Ihre Familie Personen, die Ihre Leidenschaft für die Mathematik teilen? Ja, meine Mutter, die allerdings Biologie und mein Ehemann, der Elektronik studiert hat.

Welchen Ansatz wählen Sie in der Vermittlung von mathematischen Inhalten?

Mathematik Ag im Fürst-Johann-Moritz-Gymnasium in Siegen.

Mein Ansatz ist Mathematik als produktives Denken und Entdecken zu vermitteln. Am wichtigsten ist für mich im Unterricht das Denken und Fragen, Weiterdenken und Weiterfragen aber auch das Hinterfragen zu fordern und zu fördern. Der Umgang mit Fehlern gehört dazu. Ich möchte meinen Schülern und Schülerinnen vermitteln, dass Mathematik kein Werkzeugkasten, kein nerviges Zahlenwerk ist, sondern kreatives, logisches Denken – ein Abenteuer für den Kopf, dass Mathematik leicht, aber auch anstrengend sein kann und Ausdauer und Konzentration verlangt. Aber die positiven Emotionen, das Glücksgefühl, aus eigener Kraft die verborgenen Zusammenhänge eines mathematischen Sachverhalts zu entdecken sind eine satte Belohnung für die Anstrengung. 
Seit 2007 wirke ich aktiv bei der Förderung mathematisch begabter und interessierter Schüler_innen am Fürst-Johann-Moritz-Gymnasium in Siegen und bei der Organisation und Durchführung der Mathematik- und Informatikwettbewerbe (Mathematikolympiaden, Känguru der Mathematik, Pangea-Wettbewerb, Biber-Informatikwettbewerb) auf lokaler und regionaler Ebene mit.  Als Dozentin bei den mathematischen Akademien in NRW und bei Mathematikwochenenden in Siegen und Bonn hatte ich die Gelegenheit den von Mathematik begeisterten Schülern und Schülerinnen das Schöne der Mathematik, insbesondere mit geometrischen Aufgaben zu vermitteln. 

Wie begeistern Sie Kinder für Mathematik?

Ich unterrichte meistens in der Sekundarstufe II. Viele meiner Schüler_innen lerne ich aber schon ab der 5. Klasse im Rahmen der Mathematik-Informatik AG kennen. Mathematische Denkspiele, das spannende, interaktive Lösen vieler Aufgaben am PC, das spielerische Lernen der Algorithmik anhand Scratch und Caliope wecken bzw. fördern ihr Interesse und ihre Begeisterung für Mathematik. Im Unterricht und in der AG erfahren die Schüler_innen, dass hinter Navigationssystemen, Wetterberichten, Schaltungen und Chipdesign, Bauplänen usw. viel Mathematik steckt. Die intensive, spannende und oft anstrengende Beschäftigung meiner fleißigen FJM-Schüler_innen mit der Mathematik wurde immer reichlich belohnt. Auch in diesem Jahr waren sie erfolgreich: von insgesamt 18 Schülern und Schülerinnen des Leistungskurses haben 9 die Note Eins bei der Mathe-Abiturprüfung erreicht.


 Worin genau besteht für Sie heute die Faszination Im Fach Mathematik? 

Mathematik ist eine Herausforderung für den Intellekt und die Fantasie. Alltagsprobleme können mit mathematischen Modellen analysiert und bewertet werden. Mathematik kann gestalten, die Schönheit der Formen und die Schönheit der Formeln sowie die Gesetze der Logik bleiben ewig. Das Denken in Zusammenhängen, ein strukturiertes, logisches Denken und die Fähigkeit Probleme kreativ zu lösen unterstützen sie erfolgreich jeden Tag, ein Leben lang. 

Milena Ganea (Mitte) mit David Schönherr und Sophie VoßSie haben Sophie Voß und David Schönherr mit dem Abiturpreis Mathematik der Deutschen Mathematiker-Vereinigung  ausgezeichnet.  In Ihrem diesjährigen Abiturjahrgang haben neun Schüler_innen die Note 1. Mit welchen Argument können Sie jungen Leuten empfehlen Mathematik zu studieren?

Mathematik ist Denken und Entdecken und liegt jeder Wissenschaft zugrunde. Sie ist ihre gemeinsame Sprache.
Mathematik ist schön.

Das Mathematicum Museum in Gießen hat einen Preis gesponsert.

Das Interview führte Beate Klompmaker.
Fotos: M. Ganea, privat

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