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Es war einer dieser Momente, wenn alle Anwesenden spüren, dass Geschichte geschrieben wird. Mittwoch, 13. August 2014, gegen 10 Uhr am Vormittag Ortszeit: In der großen Halle des Kongresszentrums in Seoul erhält die Iranerin Maryam Mirzakhani, 37 Jahre alt, eine Fieldsmedaille aus den Händen der Koreanischen Präsidentin Park Geun-hye.

Seit 1936 werden alle vier Jahre, während der Eröffnungszeremonie des Internationalen Mathematikerkongresses ICM, höchstens vier dieser Medaillen verliehen, nach den strengen Regeln der Jury immer nur an Preisträger von höchstens vierzig Jahren. Maryam Mirzakhani ist die erste Frau, die diese größte Auszeichnung der Mathematik erhält. Gleichzeitig geht mit Mirzakhani erstmals eine Medaille an den Iran. Die fast fünftausend Mathematiker und Mathematikerinnen im Saal reagieren auf die Verkündigung der Medaille mit tosendem Applaus.

Maryam Mirzakhani im Videoportrait der IMU:

In meiner Erinnerung mischt sich das mit einer anderen Szene derselben Veranstaltung: Große Trommeln begleiten traditionellen koreanischen Tanz in bunten Kostümen - und erschrecken ein kleines Mädchen in der achten Reihe. Anahita, die dreijährige Tochter von Maryam Mirzakhani, weint auf dem Schoß des Vaters. Die Mutter eilt nach hinten, um die Tochter zu trösten. Das macht wiederum die Sicherheitsleute der Präsidentin nervös, die nichts Unvorhergesehenes dulden dürfen. Kleine Kinder vorne im Saal sind doch gar nicht erlaubt!

Maryam Mirzakhani, am 3. Mai 1977 in Teheran geboren, zeigte schon als Schülerin ihr herausragendes Talent, gewann 1994 und 1995 Goldmedaillen auf der Internationalen Mathematikolympiade, 1994 mit 41 Punkten, 1995 dann mit voller Punktzahl von 42 Punkten. 1995 erschien ihr erster Forschungsaufsatz, zu einem Problem der Graphentheorie, 1996 der zweite - und der ist ein kleines Juwel aus dem Umfeld des Vierfarbenproblems, elegant, trickreich, und mit Schulwissen zugänglich: Michael Joswig hat ihn in den Mitteilungen (1)23 (2015), S.43-45 präsentiert und erklärt. Das ist Ihre Chance, in die Mathematik der Maryam Mirzakhani einzutauchen!

Mirzakhani studierte an der renommierten Sharif-Universität in Teheran, wechselte nach dem Bachelorstudium an die Harvard-University, promovierte dort 2004 bei Curt McMullen, der selbst sechs Jahre zuvor eine Fieldsmedaille erhalten hatte, auf dem ICM 1998 in Berlin. Die Doktorarbeit war eine Sensation, mit ihr war Mirzakhani in der Weltklasse der Mathematik angekommen. Sie geht als Postdoktorandin nach Princeton, wird dann 2008, mit 31 Jahren, als Professorin nach Stanford berufen - alles "erste Adressen" der Mathematik.

Mirzakhani hat in der Mathematik mit bemerkenswerter Unabhängigkeit, Kreativität, Breite und Kraft geforscht, immer wieder bereit zum Perspektivwechsel. Ihr Doktorvater war beeindruckt von ihrer "Furchtlosigkeit" gegenüber größten technischen Problemen. Sie beginnt mit Kritzeleien auf Papier (was ihre Tochter "Malen" nennt) und erzielt schließlich Resultate, die die Experten teilweise gar nicht für denkbar gehalten hätten. Dabei verbindet ihre Arbeit Methoden und Strukturen aus vielen Teilgebieten der Mathematik, und löst damit zentrale Probleme. Die Fieldsmedaille erhielt sie "für ihre außergewöhnlichen Beiträge zur Dynamik und Geometrie von Riemann'schen Flächen und ihren Modulräumen" - das sind komplizierte Strukturen, die aber absolut zentral sind für die moderne Mathematik. Wer da etwas grundlegend Neues sagen kann, erregt Aufsehen in der Fachwelt, und Maryam Mirzakhani hat das getan. Ihre Publikationsliste ist nicht außergewöhnlich umfangreich, aber was sie uns hinterlassen hat ist unglaublich kompliziert, fundamental, massiv - ihre längste vielleicht wichtigste Arbeit, “Invariant and stationary measures for the SL(2,R) action on moduli space” mit Alex Eskin (Chicago), ist ein Monstrum: Schon die erste Version vom Februar 2013 hatte 162 Seiten, die letzte Version Februar 2016, mit Ergänzungen und zusätzlichen Erklärungen auf Wunsch der Gutachter, über 200 Seiten. Die Arbeit ist noch nicht publiziert - Mirzakhani wollte die letzten Korrekturen selbst machen und auch nicht ihrem Koautor überlassen. Ich weiß nicht, ob sie das noch abgeschlossen hat.

Die Welt der Mathematik trauert jetzt: Maryam Mirzakhani ist am 14. Juli an Krebs gestorben. 2014 hatte sie stolz und gefasst die Medaille entgegengenommen. Dass sie damals schon am Kämpfen war, sollte aber die Öffentlichkeit nicht wissen. Die Kraft, den einstündigen Vortrag zu halten, der eigentlich von allen Preisträgern erwartet wurde, hatte sie damals nicht. Sie wird das auf dem nächsten ICM, 2018 in Rio de Janeiro, nicht mehr nachholen können. Aber wir Mathematikerinnen und Mathematiker werden an sie denken.

Günter M. Ziegler, FU Berlin, Mitglied des DMV-Präsidiums und Mitglied der Jury für die Fieldsmedaille 2014.

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