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Wendepunkte in der analogen und digitalen Welt – Von der Tontafel zur Künstlichen Intelligenz

wendepunkte in der analogen und digitalen weltHerbert Bruderer

De Gruyter Oldenbourg; 1. Auflage; 2. März 2026; 432 Seiten, 117,16 €
ISBN-10:‎ 3119146269
ISBN-13: 978-3119146265

Blättert man zunächst flüchtig durch dieses Buch, so fällt sofort die überaus große Zahl von Abbildungen auf – viele Seiten bestehen nur aus ein oder zwei Bildern, insgesamt sind es über 500, die als Untertext die Beschreibung des Bildinhalts, das Entstehungsjahr, den Namen des Urhebers oder Herstellers, den Museumsstandort und teilweise eine kurze Erläuterung enthalten.

Auf dem Buchrücken findet man eine Erklärung dafür: „Dieses Buch ergänzt das über 2000 Seiten starke zweibändige Werk Meilensteine der Rechentechnik vom gleichen Verfasser“. Eine Besprechung dieses Werks findet man auf der Website der DMV.

Nur die ersten beiden Kapitel enthalten neben den Bildern noch etwas mehr Text. Im ersten geht es dem Autor auf 40 Seiten um die Merkmale und Unterschiede analoger und digitaler Techniken und um wichtige historische Etappen dieser Entwicklung. Das zweite beschreibt ebenfalls auf 40 Seiten das Thema „Künstliche Intelligenz“ von seinen Anfängen in den 40iger Jahren des letzten Jahrhunderts, über die ersten Schachcomputer bis hin zu den aktuellen Sprachmodellen wie Chat GPT.

Kapitel 3 (Abakus: vom Rechenbrett zum Kugelrechner, 32 Seiten) zeigt im wesentlichen in 56 Abbildungen die historischen Rechengeräte. Kapitel 4 (20 Seiten) ergänzt das dritte mit 40 Abbildungen von den „Yupanas“, Rechengeräten der Inkas, von denen aber bis heute unbekannt ist, „wie die Inka mit diesen Taschenrechnern gearbeitet haben“.

Kapitel 5 (Bilderuhren aus dem 19. Jahrhundert, 50 Seiten) dokumentiert 78 Bilderuhren, das sind „lauffähige Uhren“, die in ein Gemälde eingebettet sind. In Kapitel 6 (Vermessungsgeräte im 17. Jahrhundert, 22 Seiten) sind Bilder von sogenannten Proportionalwinkeln, Halbkreiswinkelmessern und Triangulationsinstrumenten abgedruckt. Wie man mit diesen Geräten arbeiten konnte, wird allerdings nicht beschrieben. Kapitel 7 (Musikautomaten: von der Drehorgel zur selbstspielenden Violine, 40 Seiten) besteht aus 71 Bildern.

Das Kapitel 8 (Taschenrechner von der Antike bis zur Gegenwart, 18 Seiten) beginnt mit dem römischen, japanischen und chinesischen Abakus, zeigt Rechenschieber (die ich als junger Lehrer noch im Mathematik-Unterricht eingeführt habe), mechanische und schließlich elektronische Taschenrechner und endet bei den in Mobiltelefonen implementierten Rechner-Apps.

Das letzte Kapitel (125 Seiten) stellt Geräte zusammen, die der Verfasser nicht in die obigen Kategorien einsortieren wollte. Von Kerbknochen und Kerbhölzern geht es über Astrolabien, Erd- und Himmelsgloben, mechanische Webstühle, Enigma und Colossus und Integrieranlagen bis hin zum World Wide Web. Auch hier ist der Text äußerst knapp gehalten, 164 Abbildungen zeigen diese Entwicklung.

Jedes Kapitel enthält ein ausführlichen Literaturverzeichnis. Das Buch endet mit einer ausführlichen Bibliogafie (zusätzlich zu den kapitelweise gegebenen Hinweisen) und einem umfangreichen Namens- und Sachverzeichnis.

Der Verfasser nennt als Ziel dieses Buches „auf ausgewählte technische Errungenschaften aus der analogen und digitalen Welt aufmerksam zu machen und vor dem Vergessen zu bewahren“. Ob diese „Bildersammlung“ für Leser des oben genannten Hauptwerks eine gute Ergänzung ist, vermag ich nicht zu beurteilen, da ich dieses nicht kenne. Wer ein ausgesprochener Freund der Technik- und Kulturgeschichte, insbesondere solcher historischer Geräte ist, dürfte an diesem Buch seine Freude haben. Es dürfte wohl in erster Linie Fachleute ansprechen.

Rezension: Hartmut Weber (Kassel)

Mensch. Macht. Maschine. 17 Wege zu ethischer Führung im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz

mensch macht maschine

Hugo Hoffmann, Sebastian Rosengrün

Haufe; 16. Februar 2026; 1. Auflage 2026; 148 Seiten; 29,99 €

ISBN-10: ‎3648196200
ISBN-13: ‎978-3648196205

Der Titel des Buches verleitete mich, die Rezension zu übernehmen, den Untertitel hatte ich für nicht so wichtig erachtet. Das allerdings war ein Fehler, denn in diesem Buch geht es nur um die 17 Wege zu ethischer Führung in Unternehmen ­– die Beziehungen zwischen Mensch, Macht und Maschine werden auch nicht ansatz­weise diskutiert. Ich hatte erwartet, dass die Probleme einer möglicherweise unkontrollierbar werdenden Technik angesprochen werden und auch, dass die gesellschaftlichen Veränderungen thematisiert werden, die im Zusammen­hang mit KI-gesteuerten Entscheidungen einhergehen können. (In den Tagen, in denen ich dies schreibe, berichten gerade viele Medien, dass eine KI sich unkontrolliert selbständig gemacht hat.)

Aber hier geht es fast ausschließlich nur um die betriebswirtschaftliche Sichtweise. Und da frage ich mich, warum Autoren oder Verlag es für wichtig erachten, dass eine Rezension dieses Buches auf der Website der Deutschen Mathematiker Vereinigung veröffentlicht wird.

Die Autoren sind beide Gründer und Leiter von KI-Startups in Zürich (Technopark) bzw. Berlin (AI Impact Lab) und haben Publikationen und Vorträge zu den Themen KI und Ethik erstellt und „praxisnahe Lö­sungen für eine werteorientierte und zukunftssichere KI-Integration in Unternehmen“ erstellt.

In 17 Kapiteln werden Vorschläge gemacht, wie Führungskräfte die KI in ihre Arbeitsbereiche ein­führen und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Arbeit mit KI begleiten und fördern sollen. In der Ein­leitung kündigen die Autoren an: „Viele Kapitel eignen sich übrigens auch als hervorragend als Impuls für Workshops, Team-Retreats oder Führungskräftetrainungs.“

Meiner Ansicht nach – ich war Mathematik-Lehrer, habe auch Lehraufträge an der Universität und etliche Fortbildungsveranstaltungen durchgeführt – sind viele Beispiele hilfreich für wertschätzende Personal­führung in Forschung, Lehre und Unternehmen. So schätze ich beispielsweise auch die „11 Empfehlungen für erfolgreiches Beziehungsmanagement“ als förderlich für eine Unternehmensphilo­sophie. Viele der Vorschläge sind allerdings unabhängig von KI sinnvoll, wie etwa schon Kapitelüberschriften wie „Führe nicht nur mit Fachkompetenz – sondern mit Weltwissen, Charakter und Neugier!“ oder „Lerne aus Fehlern. Verantwortungsvoll und produktiv“ erahnen lassen.

Im Abschnitt „Lass dein Entwicklungspotential nicht beschränken“ werden grundsätzliche Eigenschaften einer KI erörtert, u. a. dass das maschinelle Lernen nur auf vergangenem Wissen aufbaut. Daher sollten bei Managern – so folgern die Autoren – „zumindest Dinge wie Hinterfragen, Einordnen und Abwägen in ihrem Kopf bleiben und statt­finden“. Auch das sind, wie ich meine, Eigenschaften und Fähigkeiten, die nicht nur im Zusammenhang mit KI bei der Führung von Menschen wichtig sind.

Nach den 17 Kapiteln auf 120 Seiten werden die „Tools und Empfehlungen für KI-Leader“ in einem 10-seitigen Tabellen-Anhang rezeptartig wie in einem Kochbuch zusammengestellt. Auch hier stellen z. B. die fünf vorgeschlagenen „Empfehlungen zur Vertrauensbildung“ gegenüber Mitarbeitern völlig unabhängig von KI sicher sinnvolle Anregungen dar.

Summa summarum sind viele der 17 Wege zu ethischer Führung nicht nur im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz von Wichtigkeit, sondern überhaupt im Rahmen moderner Unternehmenskultur.

Ein Literatur- und ein Stichwortverzeichnis beenden das Taschenbuch.

Rezension: Hartmut Weber (Kassel)

Mathematik und Epidemien

mathematik und epedemienNicolas Bacaër

Selbstverlag 2022

Um es vorweg zu sagen: Dieser Band richtet sich nicht an eine allgemein mathematikinteressierte Öffentlichkeit wie die meisten der anderen hier besprochenen Bücher, sondern verlangt von seiner Leserschaft eine gewisse mathematische Reife, wie man sie in den ersten Semestern des Studiums erwirbt. Das Buch hat eher den Charakter einer Monografie und präsentiert als solche in den meisten Kapiteln mathematische Definitionen und Sätze sowie deren Beweise.

Der Autor hat sich seit Jahren mit mathematischer Epidemiologie beschäftigt, und der vorliegende Band (im Original auf Französisch im Springer-Verlag erschienen) fasst einige seiner Arbeiten zusammen. Natürlich ist das Interesse am Thema seit der Covid-Pandemie massiv gewachsen, und der Begriff der Reproduktionszahl (hier Reproduktivität genannt) hat es bis in die Tagespresse gebracht.

Ziel des Buches ist es, eine Einführung in die mathematische Modellierung von Epidemien zu geben. Das einfachste Modell steht am Anfang; es handelt sich um ein System von (nichtlinearen) Differentialgleichungen, die die Anzahl der infizierbaren („susceptible”), infizierten und geheilten („recovered” bzw. „removed”) Personen zu einem Zeitpunkt t in Beziehung setzen – das ist das sogenannte SIR-Modell von Kermack und McKendrick aus dem Jahr 1927. Im Laufe des Textes werden noch andere Modelle, stochastische und periodische, besprochen, Letzteres insbesondere im Hinblick auf die Saisonalität von Epidemien. In jedem Fall ist der Begriff der Reproduktivität zentral, der definitionsgemäß als Spektralradius einer gewissen Matrix bzw. eines gewissen Integraloperators auf einem Funktionenraum eingeführt wird.

Außer diesen sehr mathematischen Kapiteln gibt es noch andere, in denen Datensätze real existierender Epidemien, z.B. der Pestepidemie in Bombay 1906, analysiert und die zugehörigen Parameter geschätzt werden.

Der Text ist, wie gesagt, eine Übersetzung aus dem Französischen, die der Autor zusammen mit zwei Kolleginnen auf der Basis einer Rohübersetzung durch die Software DeepL angefertigt hat. Interessenten können ein Exemplar des Buchs direkt beim Autor unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. bestellen.

Rezension: Dirk Werner (FU Berlin)

Murdle Vol. 1: 100 mörderische gute Rätsel – Werde mit Köpfchen, Logik und klugem Kombinieren zum Meisterdetektiv

murdle vol1G.T. Karber

Verlag: hanserblau; 22. Juli 2024; 8. Auflage; 384 Seiten, Paperback; 16 €

ISBN-10: ‎344628155X
ISBN-13: 978-3446281554

Bei diesen Rätseln handelt es sich um sogenannte Logicals, die mit Hilfe logischer Schlüsse gelöst werden sollen. Bei allen Aufgaben muss ein Mordfall aufgeklärt werden.

Alle Rätsel sind nach demselben Schema konstriert, die in vier Schwierigkeitsstufen aufgebaut sind. In der einfachsten Kategorie erfährt man einige Tatsachen über die drei Verdächtigen, die drei möglichen Tatorte und die drei möglichen Tatwaffen des Verbrechens. Mit Hilfe dieser Informationen muss man herausfinden, wer, wo und auf welche Weise den Mord begangen hat. Da erinnern die Rätsel inhaltlich an das beliebte Gesellschaftsspiel Cluedo, bei dem ebenfalls diese drei Merkmale zu erschließen sind. Methodisch gleichen sie solchen „Logeleien“ (bekannt aus der Zeitschrift „Die Zeit“), bei denen aus einer Reihe von wahren Aussagen mit Hilfe logischer Schlüsse die gesuchte Antwort gefunden werden muss.

Das Buch beginnt mit einem Fall, an dem beispielhaft die Lösung vorgeführt wird. Dazu wird ein – einer Tabelle ähnelndes – Gitter benutzt, bei dem in den Zeilen und Spalten die gegebenen Hinweise und Indizien als wahr oder falsch markiert werden können. Sind alle Aussagen richtig verwendet worden, sollte man aus dem Gitter die richtigen Antworten entnehmen und damit den Mörder samt Tatort und Tatwaffe überführen. Man muss allerdings schon sehr genau lesen und die teils versteckten Informationen richtig deuten. Auch „um die Ecke denken“ ist hier häufig gefragt – einen kreativen, nicht naheliegenden Denkweg zu finden, ist also angesagt.

Bei den fünfzig schwereren Rätseln kommt noch als weiteres Suchkriterium das Tatmotiv hinzu, entsprechend größer muss dazu das Gitter angelegt werden: Motiv, Verdächtiger, Ort und Waffe treten hier vierfach auf.

Die fünfzig leichteren Probleme nehmen jeweils zwei nebeneinanderliegende Buchseiten ein, diese enthalten die Beschreibung der drei Verdächtigen und der drei möglichen Tatorte und Tatwaffen und die Indizien und Hinweise. Außerdem ist ein leeres Gitter abgedruckt, in das die Ergebnisse eingetragen werden können – man braucht also neben dem Buch nur einen Stift als Hilfsmittel. Die fünfzig schwereren Aufgaben beanspruchen jeweils vier Buchseiten einschließlich des größeren Lösungsgitters.

Am Ende des Buches gibt es zu jeder Aufgabe noch eine zusätzliche Information, die – wenn man noch kein Ergebnis gefunden hat – zur Lösung hinführen soll. Das Buch schließt mit den Lösungen aller Rätsel.

Es gibt inzwischen eine ganze Bücherserie unter dem Titel MURDLE. Im Internet finden die Bücher eine große Resonanz: offensichtlich reizen diese Logicals viele. Es gibt auch auf YouTube Anleitungen (meist in englischer Sprache), wie man solche Aufgaben lösen kann. Der mir vorliegende Band 1 ist als „Spiegel-Bestseller“ gekennzeichnet.

Ich habe nur wenige der Aufgaben bearbeitet, da ich kein Freund solcher Rätsel bin. Nicht bei jeder gelang mir eine eindeutige Lösung. Logik allein hilft nicht beim Lösen.

Bei Recherchen im Internet fand ich den Hinweis, dass manche der Aufgaben aus Band 1 wegen schlechter Übersetzung nicht lösbar sind (auf der Internet-Seite des Verlags stehen einige Korrekturen).

Wer gerne seinen Verstand und seine Kombinationsgabe an solchen Logicals trainieren will, findet sie in diesem Buch reichlich. Man muss nur noch zu einem Stift greifen, dann kann man loslegen.

Rezension: Hartmut Weber (Kassel)

MANIAC

maniacBenjamín Labatut

Suhrkamp Verlag; 3. Edition (24. September 2023); 395 Seiten; 26 €

ISBN-10: 351843117X
ISBN-13: 978-3518431177

MANIAC ist der Name eines nach dem zweiten Weltkrieg gebauten Universalrechners (Mathematical and Numerical Integrator and Computer). Er war einer der ersten Computer, der nach den Ideen des John von Neumann für das Institute for Advanced Study in Princeton konstruiert wurde und der u. a. zu Berechnungen für den Bau der ersten Wasserstoffbombe diente. Bis heute basieren die meisten Computer auf dieser nach ihm benannten Von-Neumann-Architektur.

Um diesen in Ungarn geborenen János Lajos von Neumann geht es im größten der drei voneinander unabhängigen Teile dieses Buches. Bevor sich Benjamín Labatut diesem aber zuwendet, widmet er sich dem Leben des Physikers Paul Ehrenfest, der sich mit seinen Arbeiten über Einsteins Relativitätstheorien einen Namen gemacht hat. Zunehmend jedoch plagten Ehrenfest Zweifel an seinen fachlichen Fähigkeiten gegenüber der jungen Generation der Quantenphysiker. Aber auch die Mathematisierung, die die Physik genommen hatte, ging ihm „gegen den Strich“. Im Buch heißt es: „Paul verabscheute Leute wie John von Neumann, dieses ungarische Wunderkind“. Verschiedene persönliche Erfahrungen und – nach der Machtergreifung der Nazis – die Befürchtungen um das Leben seines schwer behinderten Sohnes (Down-Syndrom) brachten ihn dazu, seinen Sohn zu erschießen und anschließend Suizid zu begehen. Die depressive Stimmung, die Ehrenfest schließlich zu seinem tragischen Ende brachte, führt uns Labatut beeindruckend vor. Offensichtlich haben diese Zusammenhänge den Verfasser veranlasst, diese Episode an den Anfang seines Buches zu stellen.

János (Johann, John, Jancsi) von Neumann war schon in der Schule als hochbegabtes Wunderkind bekannt, arbeitete als Wissenschaftler in den 20iger Jahren an der Begründung der Quantenmechanik mit, in den 30iger Jahren beschäftigte er sich nach Arbeiten von Gödel und Turing mit Grundlagenfragen der Mathematik, entwickelte in den 40iger Jahren die neue mathematische Disziplin der Spieltheorie (gemeinsam mit Oskar Morgenstern), beriet das Wissenschaftsteam in Los Alamos, das die Atom- und später die Wasserstoffbombe baute, und lieferte schließlich wichtige Grundlagen für das Fach Informatik.

Benjamín Labatut wählt für die Darstellung dieser Vita eine raffinierte Methode: Er lässt Personen, die von Neumann im Laufe seines Lebens mehr oder weniger gut kennen gelernt haben, wichtige Stationen dieses vielseitigen Genies erzählen. So berichten seine Schwester, sein Bruder und seine spätere erste Frau Mariette Kövesi aus seinen Kinderjahren, ein Mitschüler (der spätere Nobelpreisträger Eugene Wigner: „Es gibt zwei Arten von Menschen auf der Welt: Jancsi von Neumann und wir anderen.“) und ein Mathematiklehrer vom Budapester Elite-Gymnasium schreiben von seinen phänomenalen Fähigkeiten („Da war also ein Außerirdischer unter uns, ein wahres Wunderkind“). Zu den wissenschaftlichen Forschungen von Neumanns äußern sich George Polya, Richard Feynman, Oskar Morgenstern und Eugene Wigner durchweg in den höchsten Tönen.

Der Verfasser schreibt „Dieses Buch ist ein fiktives Werk, das auf Tatsachen beruht.“ Er nennt pauschal einige seiner wichtigen Quellen. Man kann daher nur vermuten, was er vorgefunden hat und was seiner Phantasie entsprungen ist. Nie schreibt Labatut im Stil eines Sachbuches, sein Stil ist nicht nüchtern, sondern wunderbar poetisch, teils auch pathetisch. Die Charakterisierung des John von Neumann wird stets aus der je eigenen persönlichen Beziehung des Schreibers bzw. der Schreiberin zu ihm formuliert und eröffnet so ganz unterschiedliche Seiten seiner Persönlichkeit.

Die Beschreibungen der beiden Tests der ersten Atom- und der ersten Wasserstoffbombe, die von Neumann miterlebt hat, aus der Perspektive von Feynman verfasst, sind äußerst eindrucksvoll (ich vermute, dass das Bild auf dem Buchdeckel eine solche Explosion darstellen soll). Auch die letzten qualvollen Lebenswochen des von Neumann – er war an Knochenkrebs erkrankt – werden uns dramatisch aber einfühlsam mit den Worten seiner Tochter und eines Pflegers vor Augen geführt.

Und dann kommt, diesen Teil abschließend, noch einmal Eugene Wigner zu Wort: „Jancsi hinterließ sein ambitioniertestes Werk unvollendet. Bevor ihm der Verstand abhandenkam, versuchte er, eine allumfassende Theorie der Selbstreplikation zu entwickeln, die Biologie, Technologie und Computertheorie miteinander vereinte […] Aber Jancsi dachte nicht an biologisches Leben. Er träumte von einer neuen Form der Existenz.“

Und so ist einsichtig, dass Labatut im dritten Teil seines Buches eine KI-Software in den Mittelpunkt stellt, nämlich das Programm AlphaGo, das der englische KI-Forscher Demis Hassabis mit seinem Team entwickelt hat. Im Jahre 2016 besiegt es den weltbesten Go-Spieler, den Südkoreaner Lee Sedol. Die Geschichte dieses sensationellen Ereignisses war mir schon durch die Rezension des sehr lesenswerten Buches „Der Creativity-Code“ von Marcus du Sautoy bekannt. Benjamín Labatut liefert hier eine viel ausführlichere faszinierende Beschreibung dieser Geschichte: der Lebenslauf der beiden menschlichen Protagonisten, Hassabis und Sedol, ist so interessant wie einmalig – beide sind auf ihren Fachgebieten ebenfalls wahre Wunderkinder. Großartig ist es, wie Benjamín Labatut den Wettkampf zwischen der KI AlphaGo und dem Menschen Sedol beschreibt. Man kann nachfühlen, wie Lee Sedol im Laufe der fünf Partien zwar immer wieder Hoffnung schöpft, das Programm zu schlagen, aber letzten Endes an dessen Überlegenheit verzweifelt. Die Go-Fachwelt aber urteilt, dass diese KI offensichtlich unvorhersehbare kreative Spielzüge planen konnte.

Und im Anschluss daran entwickelt Hassabis ein weiteres neuronales Netz. Während AlphaGo noch mit vielen Go-Partien, die Menschen gegeneinander gespielt hatten, trainiert worden war, startet die neue Software als eine tabula rasa. Sie kennt nur die Spielregeln von Go und das Ziel zu gewinnen und lernt allein dadurch, dass sie immer wieder gegen sich selbst spielt. Diese KI heißt AlphaZero und hat AlphaGo in hundert Partien hundert Mal geschlagen. „Die Ergebnisse waren furchteinflößend.“ meint der Verfasser. Übrigens war die Arbeit an diesen KI-Programmen nicht nur „Spielerei“. Was Benjamín Labatut noch nicht wusste: im Jahr 2024 erhält Hassabis für eine andere KI, die Vorhersagen komplexer Proteinstrukturen ermöglicht, den Nobelpreis für Chemie.

Im Internet findet man reichlich Kritiken zu Labatuts Buch, sie befinden sich vornehmlich im Feuilleton und sind vielfältig: teils hochgelobt, teils abwertend. Einige Rezensenten werfen dem Autor eine überzogene Sprache vor, so heißt es z. B. auf einer Website

„Labatuts Text wimmelt vor Machtworten, Übertreibungen, Überspitzungen, [..]. Alles ist „das größte“, „göttlich“, eine „echte Offenbarung“, „unüberhörbar“, „unübersehbar“, [...] „wahre Meisterleistungen“, „wahres Genie“, wahres Wunderkind“, „der einzige Mensch“ etc … Für Zwischentöne besitzt Labatut kein Händchen.“  https://kommunikativeslesen.com/2024/01/09/benjamin-labatut-maniac/

Meiner Ansicht nach kann man die Sprache Labatuts auch anders interpretieren, nämlich als Versuch, den außergewöhnlichen Persönlichkeiten seiner Protagonisten gerecht zu werden. Ich habe das Buch gerne gelesen, es ist spannend und ich werde es gerne verschenken.

Rezension: Hartmut Weber (Kassel)