Leseecke

Das Orakel der Zahlen – Eine kleine Philosophie der Mathematik

das orakel der zahlenGordon Gillespie

C.H.Beck; 1. Edition (16. Februar 2023); 303 Seiten; 26 €

ISBN-10: ‎3406798837
ISBN-13: ‎978-3406798832

Der Autor – beruflich tätig als freier Unternehmensberater in Fragen der mathematischen Risikomodellierung und Datenanalyse – hat Mathematik und Physik studiert und in Philosophie promoviert. In diesen drei Disziplinen nimmt er uns mit auf eine Reise, die man wohl nur dann so richtig schätzen kann, wenn man in allen drei Fächern (mindestens) solide Schulkenntnisse besitzt.

Der Verfasser will – wie er im Vorwort schreibt – „das Unmögliche [versuchen], nämlich [in die Tiefe] zu bohren und Sie trotzdem nicht verlieren“. Und er möchte den Graben zwischen den „zwei Kulturen“, den Geistes- und Sozialwissenschaften auf der einen und den Natur- und Technikwissenschaften auf der andren Seite überwinden helfen. Er verzichtet weitgehend auf mathematische Formeln und Herleitungen, „die Vermittlung [soll] möglichst leichtfüßig voranschreiten“. Das „Leichtfüßige“ gelingt ihm ganz hervorragend, sein Stil ist gefällig, seine Formulierungen immer wieder einmal salopp, verleiten ab und zu zum Schmunzeln, die zahlreichen Vergleiche und überraschenden Metaphern machen den Text interessant und abwechslungsreich. Seine Lösung des Problems einer „gendergerechten“ Sprache liest sich sehr angenehm: dem „Mathematiker“ (als generisches Maskulinum) stellt er kurz darauf die „Physikerin“ (als generisches Femininum) zur Seite.

Der Buchtitel „Orakel der Zahlen“ trifft den Inhalt nicht so ganz. Nur das erste Kapitel ist diesen gewidmet – allerdings geht der Verfasser auch hier schon auf Aspekte ein, die über das rein Mathematische hinausgehen und den Untertitel „Philosophie der Mathematik“ rechtfertigen. Vor den Zahlen schon gab es das Zählen, wie er in einer fiktiven Zeitreise in die Steinzeit an dem Leben einer „Sippe von Jägern und Sammlern“ demonstriert. Dem Zählen liegt als Schlüssel zum Verständnis die Eins-zu-eins-Beziehung zwischen Mengen zugrunde. So haben Menschen (und nicht der „liebe Gott“, wie Leopold Kronecker meinte) die natürlichen Zahlen als „durch ihre funktionale Rolle im Rahmen des Zählens bestimmte Abstrakta“ geschaffen. Als Quintessenz dieses Abschnitts hält der Autor fest, dass die Anwendbarkeit der Zahlen ihnen „gewissermaßen in die Wiege gelegt“ ist – ihr „Verallgemeinerungspotenzial“ bis hin zur modernen abstrakten Algebra sei erstaunlich, aber kein Wunder.

Als wichtige Erkenntnis im nächsten Kapitel über Geometrie stellt der Autor fest, dass die „alten“ Griechen als Urväter dieser Disziplin diese weitgehend ohne Zahlen betrieben haben (was sicher auch damit zu erklären sei, dass sie kein praktikables Zahlensystem hatten). Das zeigt sich deutlich an den drei klassischen Problemen, von denen das bekannteste die sogenannte „Quadratur des Kreises“ ist. Dabei waren nur Zirkel und Lineal (und dieses ohne Zahlenmarkierungen!) erlaubt, um damit aus einem Kreis ein Quadrat mit gleichem Flächeninhalt zu konstruieren. Dann aber hat gerade die Geometrie zur „Schockgeburt“ der irrationalen Zahlen geführt, die von Hippasos, einem Schüler des Pythagoras, entdeckt worden ist (nämlich die Wurzel aus zwei als Länge der Diagonalen im Quadrat mit Seitenlänge eins). Die Existenz irrationaler Zahlen erschütterte zwar das Weltbild der Pythagoreer, da sich diese Zahlen aber später gut auf dem Zahlenstrahl einfügen ließen und man mit ihnen auch auf gleiche Weise rechnen konnte, wurden sie schließlich akzeptiert. Das von Descartes im 17. Jahrhundert eingeführte Koordinatensystem führte nach Meinung des Verfassers zu einer völlig neuen Geometrie, die er in ihrer Konsequenz als „Vereinigung von Geometrie und Algebra“ als „einen der wichtigsten Meilensteine in der gesamten Wissenschaftsgeschichte“ bewertet.

Der nächste Abschnitt stellt das Thema Unendlichkeit in den Mittelpunkt. Ausgehend von Zenons berühmtem Paradoxon von Achill und der Schildkröte werden ausführlich die Argumente für das potentiell und das aktual Unendliche diskutiert. Der Verfasser begründet, warum sich Aristoteles’ Argumentation gegen das Aktual-Unendliche durchgesetzt hat und über fast zwei Jahrtausende dank dessen Autorität die vorherrschende Lehrmeinung war. Trotzdem konnten Leibniz und Newton die Differentialrechnung entwickeln, in der sie doch undefinierte unendlich kleine Größen verwendeten. Erst im 19. Jahrhundert schufen Cauchy und Bolzano mit der exakten Definition des Grenzwerts exakte Grundlagen dafür, wie man das Problem des Aktual-Unendlichen umgehen konnte. Überraschend kommt dann die anfangs vom Autor schon als so wichtig erachtete Eins-zu-eins-Beziehung wieder mit voller Macht zu Wort: Cantor erschafft mit seinen Untersuchungen das aktual Unendliche und so „ein komplexes Reich unendlich vieler Formen des Unendlichen“. Die mit dem Begriff „Menge“ bald darauf auftretende „Grundlagenkrise der Mathematik“, ausgelöst durch Bertrand Russells berühmte Antinomie, wird zum Schluss der ersten Hälfte des Buches beschrieben und analysiert.

Nachdem sich Gillespie so den „Fundamenten der Mathematik“ gewidmet hat, betrachtet er in der zweiten Buchhälfte das Verhältnis der Mathematik zu der Physik und zu den Geisteswissenschaften.

Ausführlich behandelt er die Geometrie der speziellen Relativitätstheorie. Er beginnt mit dem „Zwillingsparadoxon“ und nutzt in seiner Argumentation durchweg das von Albert Einstein selbst mehrfach verwendete Beispiel des geradeaus verlaufenden Bahndamms und des vorüber rasenden Zuges. Dadurch kann er die Raumzeit auf eine Raumdimension beschränken und die „Weltlinien“ in einem zweidimensionalen Länge-Zeit-Kordinatensystem anschaulich darstellen. Anhand vieler dieser sogenannten Minkowski-Diagramme erklärt Gillespie den Begriff eines Inertialsystems und daraus folgernd die Phänomene der Zeitdilatation und Längenkontraktion. Er verlangt seinen Leserinnen in diesem Abschnitt ein hohes Abstraktionsvermögen in der Geometrie und solide Kenntnisse auch in der Physik ab. Auch wenn er der Ansicht ist, dass die spezielle Relativitätstheorie nur eine Frage der Geometrie ist, dürften doch Begriffe wie Inertialsystem, Galilei- und Lorentz-Transformationen oder Eigenzeit vielen Lesern unbekannt sein. Seine im Vorwort geäußerte Aussage „den allermeisten Ausführungen werden Sie auch dann folgen können, wenn ‚Mathe nie Ihr Ding‘ gewesen ist“ halte ich für sehr optimistisch. Da für mich die Physik „nicht so ganz mein Ding“ ist, kann ich nur versuchen, den sehr klaren Erläuterungen und Schlüssen zu folgen. Ich muss aber dann seinen Aussagen vertrauen, wenn er sehr kritisch andere Darstellungen oder Aussagen von Physikern (bis hin zu einer Koryphäe wie Richard Feynman) bewertet und in Frage stellt. Oder wenn er an anderer Stelle die Kopenhagener Deutung der Quantentheorie skeptisch sieht und eher der (mir nicht bekannten) Alternative der „de-Broglie-Bohm’schen Mechanik“ zuneigt.

Ausführlich untersucht Gillespie die Frage, wie die „enorme Nützlichkeit der Mathematik für Naturwissenschaft und Technik zu verstehen ist“. Folgerichtig widerspricht er scharf der Auffassung von der „Mathematik als Spiel“, die sie vor allem als eine Wissenschaft sieht, in der ausgehend von Axiomen nach formalen Regeln (unabhängig von irgendeiner Realität) abstrakte logische Folgerungen gezogen werden. Dabei denkt er an Hilbert, wenn der in seinen „Grundlagen der Geometrie“ den berühmt gewordenen Satz formuliert, nachdem „Punkte“, „Geraden“ und „Ebenen“ auch durch „Tische“, „Stühle“ und „Bierseidel“ ersetzt werden könnten. Auch das immer wieder geäußerte Erstaunen darüber, wie wunderbar die Mathematik die Naturerscheinungen beschreiben kann, ist für ihn nicht nachvollziehbar. „Die Anwendbarkeit der Mathematik […] in unserer Welt ist vielmehr von vornherein in ihr angelegt.“ „Nicht der Zusammenhang zwischen Mathematik und Welt ist erstaunlich. Das eigentlich Erstaunliche verbirgt sich vielmehr weit innerhalb der Grenzen des mathematischen Reichs selbst.“ Das macht er an Beispielen deutlich: beispielsweise an dem Weg der Kugel in einem Galton-Brett, den man als eine 0-1-Folge darstellen und darauf die Binomialverteilung anwenden kann – dass man dann aber überraschenderweise mit der Euler’schen Zahl e zur Normalverteilung kommen kann, sei nicht in der Natur angelegt, sondern eine grandiose innermathematische Entdeckung.

Im Schlusskapitel setzt sich Gillespie mit dem Verhältnis zwischen der Mathematik und den Geistes- und Sozialwissenschaften auseinander. Ausgehend von einigen Beispielen aus der Wahrscheinlichkeitstheorie – „eine Theorie rationaler Entscheidungsfindung unter unvollständigem Wissen“ – diskutiert er Beispiele aus der Medizin, der Volkswirtschaftslehre, der Politik, Jura, Geschichtswissenschaft und Philosophie und stellt fest, dass bei diesen Themen mathematische Kenntnisse sehr hilfreich gewesen wären. Er will „keineswegs einer unkritischen Mathematisierung [...] das Wort reden“, aber „insbesondere die Fähigkeit, sinnvolle von unsinnigen mathematischen Modellbildungen unterscheiden und die Grenzen jener bemessen zu können“ sei wichtig.

Der Autor hat ein sehr anspruchsvolles Werk geschrieben. Wer sich darauf einlassen will, braucht Zeit und intensives Mitdenken, wird sicher auch manche Passagen zwei oder dreimal lesen müssen – aber es lohnt sich: „die Auseinandersetzung führt“, um noch einmal aus dem Vorwort zu zitieren, “zur produktiven Hinterfragung und Bereicherung der eigenen Sicht- und Denkweise“. 

Rezension: Hartmut Weber (Kassel)

Gesichter der Mathematik – 111 Porträts und biographische Miniaturen

gesichter dermathematikEdmund Weitz, Heike Stephan

Springer; 1. Aufl. 2022 Edition (28. November 2022); 296 Seiten; 22,99 €

ISBN-10: 3662663481
ISBN-13: ‎978-3662663486

Wer das Buch „Pi und und die Primzahlen“ gelesen hat, wird den unterhaltsamen und prägnanten Stil seines Autors Edmund Weitz genossen haben. Noch leichtfüßiger kommt seine Schreibweise in diesem Buch daher, wo es in erster Linie nicht um Mathematik, sondern um Menschen geht.

Jedem und jeder der 111 Personen werden genau zwei Buchseiten gewidmet, davon enthält die erste Seite auf mehr als der Hälfte eine Porträt-Zeichnung, die von der Illustratorin und Künstlerin Heike Stephan erstellt worden ist. Die biografischen Miniaturen hat Edmund Weitz verfasst, er ist Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Er will „Menschen hinter der Mathematik“ zeigen. Mathematik selbst kommt nicht vor – das lässt der geringe Umfang nicht zu. Er hat „im Zweifelsfall einer hübschen Anekdote den Vorzug vor tiefschürfenden Gedanken“ gegeben – auch das macht dieses Buch überaus lesenswert.

Die Beiträge sind nach dem Geburtsdatum sortiert, sie beginnen mit Thales von Milet aus dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert. Sie umfassen Mathematiker, deren Namen auch Menschen bekannt sein dürften, die nicht mit dem Fach vertraut sind: wie etwa Archimedes, Fermat, Leibniz und Newton, Euler und Gauß – womit wir allerdings erst im 19. Jahrhundert angekommen sind. Aus dem 20. Jahrhundert dürften viele der Namen nur noch Eingeweihten bekannt sein.

Ich habe das Buch nicht konsequent von vorn bis hinten gelesen, vielmehr mal da und mal dort zufällig aufgeblättert, teilweise gezielt weitergelesen und manchmal mir Bekanntes, häufig auch Überraschendes gefunden. Ich will einige Kostproben davon vorstellen.

Evariste Galois ist der mit der kürzesten Lebenszeit, er starb mit 21 Jahren, und es dauerte noch Jahrzehnte, bis sich seine bahnbrechenden Ideen durchgesetzt hatten. Harold Coxeter trug (ein Jahr vor seinem Tod) mit 95 noch auf einer internationalen Fachkonferenz einen neuen Beweis vortrug. Gar 97 Jahre alt wurde Bertrand Russell, der Co-Autor der „Principia Mathematica“, ein äußerst vielseitiger Geist, der sogar den Nobelpreis für Literatur erhielt. Über einen besonders eigenartigen und bemerkenswerten Lebenslauf liest man etwa bei Srinivasa Ramanujan, dem jungen Inder, dessen „Leben dramatisch“ und dessen Begabung „einzigartig und rätselhaft zugleich“ war. Oder auch bei Alexander Grotendieck, der „gleich mehrere Teilgebiete der Mathematik revolutionierte“ und Grigori Perelman, der mit der Lösung der „seit etwa 100 Jahren unbewiesenen Poincaré-Vermutung“ (eines der sieben sogenannten Milleniumsprobleme) überraschte – beide zogen sich völlig von der wissenschaftlichen Welt weg in die Einsamkeit zurück. Aber auch weniger extreme Lebensläufe bieten häufig noch bemerkenswerte Episoden. Ich bin sicher, dass solche besonders auffälligen Lebensdaten für den Verfasser auch ein Kriterium bei der Auswahl der Porträtierten waren.

Welche Namen habe ich vermisst? Da fiel mir zunächst der fehlende Pythagoras auf – vielleicht der wegen des nach ihm benannten Satzes bekannteste Name eines Mathematikers überhaupt. Zu seinem Leben ist aber, wie Weitz schreibt, so gut wie nichts bekannt. Dann Adam Ries(e). Der ist sicher kein großer Mathematiker gewesen, sondern nur ein „Rechenmeister“. Aber auch Martin Gardner war sicher keiner, aber der ist, wie ich meine, zurecht hier aufgenommen. Beide haben auf unterschiedliche Weise zur Popularisierung der Mathematik viel beigetragen. Und schließlich noch Benoit Mandelbrot, der mit der nach ihm benannten Menge, dem sogenannten „Apfelmännchen“, große Bekanntheit erreichte.

Wer sich nicht nur für die Mathematik selbst oder auch gar nicht für sie interessiert, sondern für die Männer, die sie gemacht haben, findet hier kurze aber sehr lebendige Geschichten. Aber halt: nur Männer!? In der Tat treten hier nur sieben Frauen auf, an deren Karrieren man deutlich sieht, dass bis weit in das 20. Jahrhundert „Frauen der Zugang zur Wissenschaft verwehrt oder systematisch erschwert“ wurde. Zwei der sieben, Sophie Germain und Sofja Kowalewskaja, lebten im 19. Jahrhundert. Emmy Noether ist die bekannteste aus dem 20. Jahrhundert , Grace Young, Julia Robinson und Ruth Moufang dürften auch vielen Fachleuten kaum bekannt sein. Letztere fand ich zu meiner großen Überraschung in dieser Sammlung vor: Hätte ich beim Schreiben meiner Examensarbeit zu einem Thema über projektive Ebenen mit dem Titel „Moufang-Ebenen“ schon mehr von ihrem Leben gewusst, hätte ich sie bestimmt als Professorin in Frankfurt besucht.

Das letzte Porträt ist Maryam Mirzakhani gewidmet, sie erhielt 2014 als erste Frau überhaupt die Fields-Medaille und verstarb leider mit 40 Jahren sehr früh schon im Jahr 2017.

Jeder Biographie sind Literaturangaben beigefügt, die zum weiteren Lesen anregen sollen, die Liste im Anhang umfasst insgesamt über 300 Buchtitel. Schließlich hilft ein Namens- und Stichwortverzeichnis (mehr als 20 Seiten) Querverbindungen zu finden.

Rezension: Hartmut Weber (Kassel)

 

Geniale Frauen in der Wissenschaft – Versteckte Beiträge, die die Welt verändert haben

geniale frauen in der wissenschaftLars Jaeger

Springer; 1. Aufl. 2023 Edition (16. März 2023); 259 Seiten; 27,99 €

ISBN-10: ‎3662665271
ISBN-13: 978-3662665275

Eine aktuelle Untersuchung aus dem Jahr 2020 stellt fest1: „Noch immer ist der Frauenanteil unter den MINT-Studierenden in Deutschland mit etwa einem Drittel im internationalen Vergleich recht niedrig “ und weiter „Wir brauchen hier auf jeden Fall mehr weibliche Vorbilder und positive Rollenmodelle!“.

Solche Beispiele präsentiert Lars Jaeger in beeindruckender Weise: er beschreibt in diesem Buch das Leben, Kämpfen und Wirken von 18 großen Wissenschaftlerinnen. Neben sieben Mathematikerinnen porträtiert er elf Wissenschaftlerinnen, die in den Bereichen Philosophie, Physik, Medizin, Astronomie, Informatik, Chemie und Biologie gearbeitet haben.

Unter diesen ist Marie Curie sicher die am weitesten bekannte, durch die Auszeichnung mit zwei Nobelpreisen (Physik, 1903, und Chemie 1911) die „wohl berühmteste Wissenschaftlerin der Geschichte“ und „Ikone in der gesamten wissenschaftlichen Welt“. Bei ihr hat sich das Nobelkomitee schon früh über die noch lange danach weithin verbreitete Benachteiligung weiblicher Forscher hinweggesetzt. Diese Wertschätzung wurde zwei bedeutenden Frauen, der Physikerin Lise Meitner und der Chemikerin Rosalind Franklin, nicht entgegen gebracht – ihre Namen sind auch viel weniger bekannt, obwohl sie mit ihrer Forschungsarbeit überragende Leistungen erbracht haben. Meitner hat zusammen mit Otto Hahn die Atomkernspaltung entdeckt und obwohl die Erklärung dafür von ihr stammt, wurde der Nobelpreis dafür nur an Hahn verliehen. Franklin muss heute als Entdeckerin der Struktur der DNA gelten – während aber Francis Crick und James Watson dafür den Nobelpreis erhielten, ging sie leer aus, obwohl die beiden berühmten Männer sich heimlich experimentelle Daten aus Franklins Labor beschafft hatten.

Auch die anderen im Buch vorgestellten Naturwissenschaftlerinnen haben ähnliche Benachteiligungen und mangelhafte Aufmerksamkeit erfahren.

Für die Mathematikerinnen war es ebenfalls bis weit in das 20. Jahrhundert schwer, die akademische Laufbahn in der Weise zu gestalten, wie es für die männlichen Kollegen in aller Regel selbstverständlich war. Ihre Namen sind weithin unbekannt. Das gilt wohl auch für eine so bedeutende Frau wie Emmy Noether, die der Autor mit den Worten kennzeichnet: „[sie] fährt als hervorragende, innovative Mathematikerin auf internationalem Parkett bedeutende Erfolge ein – und gleichzeitig ist es selbstverständlich, dass sie ohne Stellung und ohne Gehalt an der Erlangener Universität ein akademisches Schattendasein führt“.

Als einzige Frau aus der Antike tritt Hypatia auf, über deren Leben erst neuere Forschung zeigte, dass sie „wohl eine der einflussreichsten Mathematikerinnen der Weltgeschichte“ war. Sie lebte in der Zeit des Übergangs vom „antiken zum christlichen Zeitalter [….] – und damit dem Beginn eines Jahrtausends bildungsfeindlichen und antiwissenschaftlichen Denkens“. So ist es nach Ansicht des Verfassers nicht verwunderlich, dass er aus dieser Zeit nur eine Frau in sein Buch aufnehmen kann, nämlich Hildegard von Bingen, „die Brückenbauerin zwischen Mystik und Wissenschaft“, die im 12. Jahrhundert lebte.

Erst wieder im 18. und 19. Jahrhundert findet Jaeger die nächsten in der Reihe der „genialen Frauen“. Aus der Mathematik hat er Sophie Germain, „die größte Mathematikerin Frankreichs“, Ada Lovelace, „die Erfinderin der Computer-Algorithmen“, und Sofja Kowalewskaja ausgewählt. Diese durfte sich trotz der „enthusiastischen Fürsprache“ des einflussreichen deutschen Mathematikers Karl Weierstraß nicht an der Berliner Universität immatrikulieren. Wegen ihrer „herausragenden Leistungen in Analysis, Funktionentheorie, partieller Differentialgleichungen und theoretischer Physik“ erhielt sie durch den Einsatz von Gösta Mittag-Leffler später eine ordentliche Professur in Stockholm, eine der ersten für eine Frau. Und eine Fields-Medaille, die auch wegen ihres hohen Prestiges als gleichrangiger Ersatz für einen nicht existierenden Nobelpreis für Mathematik angesehen wird, empfängt als erste Frau im Jahre 2014 Maryam Mirzakhani, was ihr auch „in ihrem Heimatland [Iran] zu großer Popularität“ verhilft.

Das Buch zeigt in drastischer Weise, dass Frauen in der Wissenschaft benachteiligt waren und ihre Leistungen meist nicht adäquat gewürdigt wurden, geschweige denn, dass sie ihren Lebensunterhalt selbständig bestreiten konnten.

1 Dritter Gleichstellungsbericht (Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V.)

Rezension: Hartmut Weber (Kassel)

Wie der Mensch rechnen lernt(e) – Evolutionäre und psychologische Grundlagen der Mathematik

Frieder Hermann Wie der Mensch rechnen lernteFrieder Hermann

Springer; 1. Aufl. 2021 Edition (24. November 2021); 229 Seiten; 19,99 €

ISBN-10: ‎3662639629
ISBN-13: ‎978-3662639627

Um es vorweg zu sagen: Die Ankündigung, die hinter dem Titel stehende Frage zu beantworten, bleibt insofern unerfüllt, als es in der Forschung konkurrierende Beiträge zu diesem Problemkreis gibt. Einige davon stellt der Autor vor, indem er Studien aus Anthropologie, Ethnologie, Entwicklungspsychologie und anderen Bereichen heranzieht, die sich mit dem Zahlen- und Geometrieverständnis bei Schimpansen und Menschen, in der europäischen Kultur und bei Naturvölkern, die nur die Zahlworter eins, zwei und viele kennen, und bei Kleinkindern verschiedener Altersstufen auseinandersetzen. Zum Beispiel wird die Bedeutung sozialer Intelligenz/Empathie herausgestellt: Alle Menschen in allen Kulturen können einander etwas zeigen, wozu jedoch kein Schimpanse fähig ist. In anderen Studien wird diskutiert, in welchem Alter Kinder in ihrem Zahlenverständnis einen „großen Sprung nach vorn” machen und nicht nur die Bedeutung von „eins”, „zwei” und „drei”, sondern auch von größeren Zahlen verstehen. Insgesamt hat der Autor eine Reihe von Untersuchungen aufbereitet, die für sein Thema relevant sind und deren Resultate oft erstaunlich sind. Bei der Endredaktion scheint die Nummerierung der Literaturhinweise etwas ins Rutschen gekommen zu sein; im Laufe des Texts bezieht sich \([n]\) nicht mehr auf die Literaturstelle \([n]\), sondern auf \([n+j]\) (\(j=1,2,3\)).

Rezension: Dirk Werner (FU Berlin)

Erfolgsformeln – Anwendungen der Mathematik

erfogsformelnMatthias Ehrhardt, Michael Günther, Wil Schilders

Books4You, ’s Hertogenbosch 2021; 212 Seiten

Download https://erfolgsformeln.uni-wuppertal.de/fileadmin/mathe/erfolgsformeln/Erfolgsformeln.pdf

„Mathematik ist wie Sauerstoff. Wenn sie da ist, bemerkt man es nicht. Wenn sie nicht da wäre, könnte man nicht ohne sie leben.“

Dieses von Lex Schrijver stammende Motto steht dem im September 2021 erschienenen Buch Erfolgsformeln – Anwendungen der Mathematik von Matthias Ehrhardt, Michael Günther und Wil Schilders voran, das sowohl als Download als auch als kostenloses gedrucktes Exemplar erhältlich ist. Das Buch richtet sich den Herausgebern zufolge „nicht nur an Mathematikinteressierte, sondern vor allem an erklärte „Nicht-Zahlenmenschen“ und Formeljongleure im Alltag“. Dementsprechend wird es auch hier in den „Mathematischen Semesterberichten“ nicht von Mathematikern rezensiert.

Für den erstgenannten Referenten (L. H.) als Mediziner waren vor allem die ersten Kapitel mit Themen der angewandten Mathematik aus dem medizinischen Bereich von Interesse.

Die beiden Herausgeber Prof. Matthias Ehrhardt und Prof. Michael Günther wollten Interessierten die Aufgaben und Arbeitsweisen in der angewandten Mathematik nahebringen und konnten dazu auf die Erfahrungen ihres Kollegen Prof. Wil Schilders zugreifen, der als Gastprofessor von der Technischen Universität in Eindhoven, Niederlande bei ihnen an der Bergischen Universität Wuppertal weilte und 2014 ein ähnliches Buch veröffentlicht hatte. Also taten sie sich zusammen, konnten neun etablierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der angewandten Mathematik interviewen und viele andere dazu bewegen, Aufsätze zu mathematischen Lösungswegen in ihrem jeweiligen Arbeitsfeld zu schreiben. Die Themenbereiche sind breit gestreut von der Modellierung in der Epidemiologie, soziologischen Themen bis zur künstlichen Intelligenz und anderen Themengebieten.

Wie das so ist, wenn viele Autoren und Autorinnen mitgearbeitet haben, sind die Kapitel sehr unterschiedlich in ihrer Ausführlichkeit und Verständlichkeit. Auch die Anforderungen an die mathematische Vorbildung sind unterschiedlich hoch. Zum Trost gibt es einen Satz im Interview von Dr. Thomas Hahn (seit 2011 Chief Expert Software bei der Siemens AG): „Und mein letzter Hinweis ist, dass man in der Mathematik auch nicht immer alles verstehen muss.“ Das passt zu diesem Buch: Es ist kein Lehrbuch; es will Interessenten dazu bringen, sich näher mit der Materie zu befassen und das in ihre Berufsplanung einfließen zu lassen. Solche Interessenten können Abiturienten/Abiturientinnen sein oder Naturwissenschaftler als Seiteneinsteiger, Studienanfänger oder Lehrer, die ihre Schülerinnen/Schüler gut beraten wollen.

Natürlich ist dieses Buch kein Lehrbuch für Mediziner und will es auch nicht sein. Beim ersten Kapitel wird nicht klar, wer diesen Aufsatz geschrieben hat. Mal wird Frau Dr. Maria Vittoria Barbarossa zitiert, in welcher persönlichen Situation sie war, als die COVID-Pandemie aufkam und wie sie und andere zusammen erste Modellierungen der Infektionsverbreitung entwickelt haben. Dann scheint sie selber das SIR-Modell einer Pandemie zu erklären: wie sich die Veränderungen der Zahl der Empfänglichen \(S'(t)\) Infizierten \(I'(t)\) , der Genesenen/Verstorbenen \(R'(t)\) und die Basisreproduktionszahl \(R_0\) mathematisch beschreiben lassen und wie sich diese Werte bei verschiedenen Infektionskrankheiten auswirken. Dann folgen Zitate, wie sie selber zur angewandten Mathematik gefunden hat.

Im zweiten Kapitel geht es um die Zuverlässigkeit von Corona-Schnelltests. Die wird zwar vorgerechnet, anschaulicher wäre aber gewesen, zusätzlich eine Wahrheitsmatrix (Konfusionsmatrix) und den Fachbegriff „positiver Vorhersagewert“ (positive predictive value PPV) zu verwenden. Ich vermisse einen Verweis auf die drastisch bessere Spezifität der PCR auch bei niedriger Inzidenz und eine mathematische Begründung dafür (gemeinsame Bestimmung zweier verschiedener Nukleotidsequenzen).

Das dritte Kapitel über Inzidenzzahlen ist zwar sehr interessant und ausführlich, aber eher geeignet für Leser, die schon etwas Mathematik studiert haben. Ausgleichsrechnungen gehörten bei mir 1969 jedenfalls nicht zum Abiturwissen.

Im vierten Kapitel geht es um die Effekte nicht-pharmazeutischer Interventionen bei Pandemien. Es wird gezeigt, wie es damit unter Zuhilfenahme von Modellierungen möglich ist, einen Pandemieverlauf so zu steuern, dass die Zahl der gleichzeitig Infizierten das Gemeinwesen nicht überfordert.

Im fünften Kapitel geht es um die Quantifizierung der Wirksamkeit von Impfstoffen. Zuerst werden die immunologischen Grundlagen erklärt. Es wird der Begriff der „verlorenen Lebensjahre“ genannt. Die folgende Rechnung mit Regressionsmodellen übersteigt wieder mein Abiturwissen von 1969. Dann steht da ein wichtiger Satz: „Die Wirksamkeit von Impfstoffen in klinischen Studien (engl. vaccine efficacy, VE) ist nicht zu verwechseln mit der Impfstoffeffektivität (engl. vaccine effectiveness, VEeff), der Wirksamkeit des Impfstoffes unter klinischen Alltagsbedingungen.“ Das wird ausführlich mathematisch ausgeführt. Es wird am Beispiel u. a. der Masern auch der Begriff der „Herdenimmunität“ mathematisch untersucht. Leider ist der Begriff für den Verlauf der Sars-CoV2-Pandemie ungeeignet, weil diese Viren zu stark mutieren.

Im sechsten Kapitel geht es die Optimierung von Dosierung und Therapieintervall einer zytostatischen Behandlung. Diese Therapien brauchen zur Antitumorwirkung eine gewisse Mindestdosierung, die aber die Blutneubildung im Knochenmark schädigt. Der Pfad zwischen zu schwacher therapeutischer Wirkung und zu starker toxischer Nebenwirkung ist nur schmal. Es werden Ergebnisse demonstriert, wie man diesen Pfad mathematisch beschreiben und planen kann. Am Schluss des Kapitels steht ein wichtiger Satz: „Wer an der Mathematik mit Anwendung Pharmazie Interesse hat, sollte ein grundständiges Mathematik-Studium wählen, z. B. mit Nebenfach in Richtung Biologie, oder falls möglich Pharmazie. Wichtig ist eine solide Grundausbildung; spezialisieren kann man sich später.“

Das Buch eignet sich gut zur Berufsplanung von Mathematikstudenten oder wissenschaftlichen Seiteneinsteigern, die sich für angewandte Mathematik interessieren. Es eignet sich nicht zur Fortbildung von Medizinern, ist dafür aber auch nicht geschrieben worden. (L. H.)

Der folgende zweite Teil der Besprechung wurde vom zweitgenannten Rezensenten (H. K.) verfasst.

Dieses Buch wendet sich an eine interessierte Leserschaft, um dieser einen Einblick in die vielfältigsten Anwendungsfelder der Mathematik in unserem Alltag zu ermöglichen. Es ist kein Lehrbuch, es erfordert keine Spezialkenntnisse der Mathematik und ist somit sowohl für mathematische Laien als auch Fortgeschrittene geeignet. Auch Spezialisten können dieses Werk durchaus mit Interesse lesen, auch wenn sie keinen unmittelbaren Wissenszuwachs erwarten sollten.

Ziel des Buches ist es, an Hand einer Vielzahl von Beispielen, nicht unmittelbar aus dem täglichen Leben, aber immer unseren Alltag betreffend, die Rolle und Nützlichkeit von mathematischem Wissen aufzuzeigen.

Da dieses Buch von Mathematik handelt, hier zunächst einige mathematische Zahlen und Fakten. Das Buch hat ca. 195 Textseiten, 18 Kapitel und 64 Beiträge sowie 9 Interviews. Die durchschnittliche Länge eines Artikels beträgt also ungefähr 3 Seiten. Daran sieht man schon, dass die Thematik sehr breit gefächert ist. Sie reicht von Medizin, Chemie über Kunst und Musik bis hin zu einem Kapitel über Kriminologie. Angenommen, man veranschlagt für ein bewusstes Lesen ca. 5 Minuten pro Seite, dann benötigt man für ein komplettes Durchlesen ungefähr 16–17 Stunden. Durch die Vielfalt der behandelten Themen kann man dieses Buch aber problemlos auszugsweise und mit Unterbrechungen lesen, so dass bei einer Beschäftigungsdauer von 1–2 Stunden pro Tag ein Urlaub mit diesem Buch sehr gut verbracht werden kann.

Im Folgenden sollen einige der Kapitel und Artikel kurz gestreift werden, um beim potentiellen Leser das Interesse zu wecken, womöglich doch tiefer in die Welt der Mathematik einzutauchen.

Wahrscheinlich geschuldet der aktuellen Covid-19 Situation beginnt das Buch mit einem Kapitel über Epidemiologie. Der erste Artikel beschäftigt sich auf 3 Seiten mit der Erklärung von Infektionsmodellen, also der Frage, wie schnell sich ein Virus in der Bevölkerung ausbreitet. Beschrieben wird das an Hand des inzwischen weit genutzten sogenannten „SIR-Modells“, eines Klassikers schon aus den 60-er Jahren des letzten Jahrhunderts. SIR steht dabei für S wie Susceptible (empfänglich für das Virus), I wie Infected (infiziert mit dem Virus) und R wie Recovered (genesen oder gestorben). Die hierfür benutzten gewöhnlichen Differentialgleichungen werden verständlich erklärt, und ein Rechenbeispiel graphisch anschaulich dargestellt. Die auch in den Medien oft erwähnte Basisreproduktionszahl wird erklärt. Ein extra Absatz widmet sich dann Erweiterungen dieses Grundmodells, um Aussagen über die Virusausbreitung zu verfeinern. Obwohl der Artikel nicht über den Inhalt des Wikipedia-Eintrags hinausgeht, lohnt es sich durchaus beide vergleichend zu lesen, da dadurch das Verständnis der Methodik vertieft werden kann.

Der darauf folgende Artikel „Die Verlässlichkeit von Covid-19 Schnelltests“ gibt einen interessanten und konzentrierten Kurzeinblick in das Gebiet der bedingten Wahrscheinlichkeiten mit der Erläuterung des Bayes-Theorems an Hand der Erläuterung des Zusammenhangs zwischen falschen Testergebnissen und einer tatsächlichen Erkrankung. Es wird vorgerechnet, wie uns die Intuition der Vorstellung von Wahrscheinlichkeiten einen gewaltigen Streich spielen kann. Das ist spätestens seit der Diskussion über HIV-Tests bekannt, ist aber durchaus Wert hier noch einmal an einem aktuellen, graphisch sehr instruktiv illustrierten Beispiel aufgefrischt zu werden.

Der nächste Artikel widmet sich dem Thema „Robuste Inzidenzzahlen“, einem Schlagwort, das lange Zeit als 7‑Tage-Inzidenz in aller Munde war. Dieser Beitrag bedarf allerdings von Seiten des Lesers schon etwas erweiterter Kenntnisse der Mathematik sowie deren Notation. Umgang mit Logarithmus und Exponentialfunktion sowie Matrizenrechnung sind zum Verständnis erforderlich. Der Hintergrund bzw. die Motivation der durchgeführten Berechnungen erschließen sich aber ganz gut aus dem erklärenden Text. Es wird nämlich ausgeführt, dass die 7‑Tage-Inzidenz kein sonderlich robuster Parameter ist, da er stark durch äußere Gegebenheiten wie die Zahl der Tests und die Qualität der Kontaktnachverfolgung beeinflusst wird. Der Autor erläutert dann mathematisch etwas anspruchsvoller ein alternatives Verfahren zur Schätzung der Infektionsbelastung an Hand des EPG-Indexes. Allerdings ist auf Grund der stark komprimierten Darstellung sowie einer Vielzahl von verwendeten Abkürzungen bzw. Formelzeichen ein schnelles und komplettes Durchdringen und Nachvollziehen der Methodik nicht ohne weiteres möglich. Aber wenn das Interesse bei dem einen oder anderen fortgeschritten Leser geweckt wurde, kann er durch ein mitgeliefertes Quellenverzeichnis sein Verständnis erweitern.

Schauen wir uns zur Abwechslung zwei Beiträge aus dem Kapitel Sport an. Beginnen wir mit dem Artikel „Der optimale Freiwurf im Basketball“. Hier wird ein – eigentlich physikalisches – Problem erläutert, wie beim Basketball ein Freiwurf auszuführen ist, der einen möglichst großen Spielraum an Abwurfparametern zulässt. Der Sportler visiert den Korb unter bestimmtem Winkel und Abwurfgeschwindigkeit an, um den Korb zu treffen. Dafür könnte er einen flachen oder auch steileren Wurf planen. Da seine Schätzung aber verständlicherweise nicht perfekt ist, geht es darum unter welchem Winkel eine möglichst große Abweichung vom optimalen Wurf noch zum Korb führt. Es wird somit eine Strategie entwickelt, die unter realen Bedingungen die Erfolgsquote deutlich erhöhen kann. Leider wird die Lösung nicht weiter ausgeführt, sondern nur darauf hingewiesen, dass die beste Strategie darin besteht, sowohl den Abwurfwinkel als auch die Abwurfgeschwindigkeit zu optimieren. Da es sich aber im betrachteten vereinfachten Modell um die Analyse reiner Wurfparabeln handelt, kann man dies gerne als Anregung nehmen, diese Aufgabe in einer Arbeitsgemeinschaft unter fachkundiger Anleitung ausführlicher zu untersuchen.

Im folgenden Beitrag „Das Geheimnis hinter einem erfolgreichen Endspurt im Radsport“ erläutert ein bei einem sehr bekannten Radrennstall (Shimano) angestellter Bewegungswissenschaftler, wie er alle ihm übermittelten Messdaten der Rennfahrer, sogenannte SRM-Daten, für eine optimale Zielsprinttaktik auswertet. Leider geht es auch hier nicht ins Detail, aber einige radsportaffine Leser werden das präsentierte Diagramm sicher sehr interessant und vielleicht sogar hinterfragenswert finden.

Da in diesem kurzen Abriss unmöglich alle Beiträge erwähnt werden können, abschließend noch ein Beispiel aus einem Gebiet, in dem man weniger Mathematik vermutet: aus der Musik zum Thema „Wie fair ist die Punktevergabe im Eurovision-Song-Contest“. Hier wird von den Autoren diskutiert, ob man aus dem Abstimmverhalten der einzelnen Länder erkennen kann, ob sich bestimmte Ländergruppen gegenseitig Punkte „zuschieben“, oder ob doch eine halbwegs „objektive“ Bewertung der Songs vorliegt. Dies erfolgt an Hand von Begriffen wie Nachbarschaft, Sprachvorliebe und ähnlichen. Dabei erklären sie, wie bei dieser Untersuchung Elemente der Graphentheorie zur Anwendung kommen können. Das sind Untersuchungen, wie man sie schon bei der Analyse von sozialen Netzwerken wie Facebook durchgeführt hat. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass bei skandinavischen Ländern wahrscheinlich der ähnliche Musikgeschmack die Punktevergabe erklärt und Lena Meyer-Landrut ihren Wettbewerb zurecht und fair gewonnen hat.

Abschließend kann man sagen, dass dieses Buch eine Vielzahl von Themen in verständlicher und kurzer Weise darbringt. Das erforderliche Niveau zum Verständnis ist dabei durchaus unterschiedlich und reicht von rein verbaler Darstellung bis hin zu detailierteren mathematischen Erläuterungen. Insgesamt vermittelt das Buch einen interessanten Einblick in die Vielfalt der mathematischen Anwendungen für die unterschiedlichsten Gebiete der Gesellschaft. (H. K.)

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Quelle: Springer Verlag, Mathematische Semesterberichte, 2023, Band 70, S. 63-68
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Rezension: Ludger Hartmer (Arnsberg), Harald Krawczyk (DLR Berlin)