Leseecke

In Pursuit of Zeta-3: The World's Most Mysterious Unsolved Math Problem

In Pursuit of ZetaPaul J. Nahin

Princeton Univers. Press (19. Oktober 2021), 320 Seiten

ISBN-10: ‎0691206074
ISBN-13: ‎978-0691206073 

In den ersten Wochen des Mathematikstudiums lernt man, dass die unendliche Reihe \(1+ \frac14 + \frac19 +\frac1{16} +\cdots\) über die reziproken Quadratzahlen einen endlichen Wert hat (sie „konvergiert“). Der hierbei benutzte Teleskopsummentrick zeigt auch, dass der Wert der Reihe zwischen 1 und 2 liegt. Mit dem Problem, ihn genau zu bestimmen, hatten sich im 17. Jahrhundert bereits die Bernoullis in Basel beschäftigt, weshalb es als das Basler Problem in die Mathematikgeschichte eingegangen ist. Es war Leonhard Euler, der es 1734 gelöst hat:
\[
1+ \frac14 + \frac19 +\frac1{16} +\cdots = \frac{\pi^2}6 .
\]

Wenn Sie solch einen Zusammenhang faszinierend finden (worauf Mathematikstudenten fast zwei Semester warten müssen) und fit in Integralrechnung sind, ist Paul Nahins In Pursuit of Zeta-3 das richtige Buch für Sie.

Die oben beschriebene Reihe ist ein Spezialfall einer ganzen Schar von Reihen, die von einem reellen Parameter \(s>1\) abhängen, nämlich
\[
\zeta(s) = 1+ \frac1{2^s} + \frac1{3^s} +\cdots.
\]
Dies ist die Eulersche Zetafunktion (\(\zeta\) ist der griechische Buchstabe zeta), und die Bedingung \(s>1\) sichert die Konvergenz der Reihe. Euler gelang es nicht nur, \(\zeta(2)\) zu berechnen, sondern auch \(\zeta(4)\), \(\zeta(6)\) etc.; das Ergebnis ist, dass \(\zeta(2n)\) ein rationales Vielfaches von \(\pi^{2n}\) ist.

Was ihm nicht gelang (und auch niemandem sonst in den vergangenen knapp 300 Jahren), ist, einen geschlossenen Ausdruck für \(\zeta(3)\) zu finden; eine numerische Approximation für diese Zahl ist \(1.2020569\dots\). Das ist es, was im Untertitel The World's Most Mysterious Unsolved Math Problem genannt wird (im Text zu most puzzling herabgestuft). Ich würde diese Einordnung nicht unbedingt teilen und es eher mit Professor Pietsch aus Jena halten, der über eine andere Konstante sinngemäß geschrieben hat, keiner brauche ihren Wert, aber jeder möchte ihn wissen.

Nun ist es so, dass \(\zeta(3)\) im Buch nicht ganz die Hauptrolle spielt, denn viel eher steht im Fokus des Autors, grundsätzliche Dinge über die Zetafunktion, die Gammafunktion, Fourier-Reihen und andere Preziosen der klassischen Mathematik des 18. und 19. Jahrhunderts vorzustellen, was in der Riemannschen Funktionalgleichung der Zetafunktion kulminiert.

Dabei werden viele höchst erstaunliche Formeln hergeleitet, darunter einige, in denen \(\zeta(3)\) vorkommt; z.B.
\[
h(1) + \frac{h(2)}{2^2} + \frac{h(3)}{3^2} + \frac{h(4)}{4^2} + \cdots = 2\zeta(3),
\]
wobei \(h(n)= 1+1/2+ \cdots+ 1/n\) die \(n\)-te harmonische Zahl bezeichnet. In den Text eingestreut sind eine Reihe von historischen Bemerkungen, die das Buch über den rechnerischen Aspekt hinaus interessant gestalten.
Was \(\zeta(3)\) angeht, hätte ich mir aber gewünscht, dass wenigstens etwas zum Beweis des Satzes von Apéry (1979) ausgeführt würde, wonach \(\zeta(3)\) garantiert keine rationale Zahl ist.

Das technische Hilfsmittel bei all diesen Untersuchungen ist die Integralrechnung. Um den Darlegungen zu folgen, sollten Sie mit den üblichen Integrationstechniken wie Substitutionsregel, partielle Integration, Partialbruchzerlegung bestens vertraut sein. Allerdings ist der Clou bei fast jeder Rechnung, eine Vertauschung von Grenzprozessen vorzunehmen; zum Beispiel wird oft benutzt, dass das Integral über eine unendliche Summe von Funktionen \(f_1+f_2+f_3+\cdots\) (angeblich) die Summe der Einzelintegrale ist. Der Autor, emeritierter Professor für Elektrotechnik, wird zwar nicht müde, auf dieses Problem hinzuweisen, wendet solche „Regeln“ aber stets ohne viel Federlesens und ohne Begründung an, wie es Physiker und Ingenieurinnen tagtäglich tun (für Mathematiker beginnt hier die Arbeit). Natürlich weiß er sich hier im Einklang mit Euler, Fourier und anderen, die das ebenfalls getan haben, und nachfolgende Generationen haben ihre Schritte rechtfertigen können. Euler, und leider auch Nahin, wenden aber auch ausgemachten Unsinn wie \(1+(-1)+1+(-1)+\cdots = 1/2\) an.

Wer über das notwendige Handwerkszeug aus den Analysis-Vorlesungen der ersten beiden Semester verfügt und tiefer in diese Materie eindringen möchte, kann rigorose Darstellungen der Thematik dieses Buches z.B. bei Peter Duren, Introduction to Classical Analysis, Amer. Math. Soc. 2012, oder Max Koecher, Klassische elementare Analysis, Birkhäuser 1987, nachlesen.

Rezension: Dirk Werner (FU Berlin)

Alles wird Zahl: Wie sich die Mathematik in der Renaissance neu erfand

alles wird zahlThomas de Padova

Carl Hanser Verlag, München 2021, 384 Seiten

ISBN: 978-3-446-26932-3, 25 €
ISBN ebook:978-3-446-27009-1, 18,99 €

„Es lohnt sich, sich mit der überall versteckten Mathematik zu beschäftigen. Und zwar nicht nur, weil sie nützlich ist, sondern weil sie den Geist anregt. Weil sie die Wirklichkeit in komprimierter Form abzubilden imstande ist. Weil sich ungeahnte Chancen daraus ergeben, die Mathematik zu einer Inspirationsquelle des eigenen Denkens zu machen“. Diese Worte stammen aus dem Vorwort des Buches „Alles wird Zahl“, welches Thomas de Padova seinem Werk vorausgestellt hat. Man erahnt daraus, dass hier jemand spricht, der genuin und schon sehr lange „Mathematik-affin“ ist, und gleichzeitig ein gutes Gespür für Sprache besitzt. Betrachtet man die Bücher, die Thomas de Padova bisher geschrieben hat, so ist ihnen eines gemein: sie betten wissenschaftliche Entwicklungen in ihren jeweiligen kulturellen und historischen Kontext ein. So war der Sprung von seinen bisherigen Werken, der Physik, von Einstein, Leibniz und Newton hin zu den Renaissance-Mathematikern Regiomontanus, Stifel, Fibonacci und Cardano gar nicht weit. Herr de Padova schildert kenntnisreich, kurzweilig und doch instruktiv, wie die Gelehrten des 15. Jahrhunderts in einer Zeit des Umbruchs binnen weniger Generationen in der Mathematik einen Fortschritt erzielten, der seinesgleichen in der Fachgeschichte sucht. Die Begeisterung für die Antike, der sich sprunghaft entwickelnde Fernhandel, die Erfindung des Buchdrucks und nicht zuletzt auch die Dynamik, die auf die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453 folgte, sie alle bereiteten den Boden, auf dem die Mathematik vortrefflich gedeihen konnte. Nicht immer linear, wie man aus dem langen Nebeneinander von römischen und arabisch-indischen Ziffern lernt; aber doch wirkgewaltig. Die Erfindung der Variablen x, der Zeichen + und –, die erste mathematische Formelsprache – dies sind Dinge, die uns von klein auf vertraut sind, deren Ursprung sich aber im Nebel der Zeiten verliert und über den wir nur wenig wissen – ein klares Versäumnis.

Der Autor arbeitet in seinem Buch deutlich heraus, dass der mathematische Abstraktionsschub dieser Zeit plötzlich eine Myriade von Anwendungen erlaubte, deren Nützlichkeit jedem sofort einleuchtete: Mathematik war nicht universell anwendbar OBWOHL, sondern gerade WEIL sie abstrakt war. Es ist eben egal, ob man den Dreisatz auf Getreidesäcke, Gestirne oder geometrische Figuren anwendet. Gleichzeitig erkennt man bei den Renaissance-Gelehrten eine fast kindliche Begeisterung für alles, was mit Mathematik zu tun hatte – Kalender und Sternentafeln, die noch Kolumbus benutzen sollte; Rechenwerke, die Rechenschulen in ganz Europa wie Pilze aus dem Boden sprießen ließen (man denke nur an Adam Ries!), die ersten gedruckten Auflagen der griechischen Klassiker, einige von ihnen gerade wiederentdeckt (Diophant) oder kaum bekannt (Apollonius von Perga). Die Zeit brachte Mathematik-Pioniere im Dutzend heraus, und die Kleinstaaterei in Italien und Deutschland erwies sich als günstig, gab es doch durch die Vielfalt der Zahlungsmittel, Kalender und Maßeinheiten immer etwas umzurechnen und obendrein eine erstaunliche Freiheit, sich da niederzulassen und zu wirken, wo man durch die Obrigkeit nicht zu sehr gestört wurde. Es war insgesamt eine wissenschaftsfreundliche Zeit, die leider mit den Glaubensstreitigkeiten, die bald ganz Europa von innen zerreissen würden, ihr Ende fand. So kam auch die Renaissance der Mathematik zu einem ersten Ende, und da endet auch dieses Buch. Doch das Wissen war in der Welt und nicht mehr aufzuhalten. Ein solch wissenschaftsfreundliches Klima würde man sich auch heute für uns wünschen! Dieses Buch zeigt uns, was dann alles möglich ist.

Es ist zu bedauern, dass in Schulen und Hochschulen nur wenig Zeit mit Mathematikgeschichte verbracht wird. Der in diesem Buch beschriebene Teil ist eher unbekannt, und so füllt das Buch von Thomas de Padova eine Lücke. Der Gegenstand ist breiten Leserschichten zugänglich, da hier noch keine „höheren Mathematikkenntnisse“ nötig sind, und trotzdem lernt man viel über abstraktes mathematisches Denken und Beweisen, den Innovationsschub, der von der Mathematik ausging, und die zu Unrecht vergessenen Akteure dieser stillen Revolution. So verwundert es nicht, dass das Buch im Herbst 2021 mit dem Medienpreis der DMV ausgezeichnet wurde.

 

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Quelle: Springer Verlag, Mathematische Semesterberichte, 2022, Band 69, Seiten 155-157
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Rezension: Ilka Agricola (Uni Marburg)

Common Sense Mathematics, Second Edition

common sense mathematicsEthan D. Bolker, Maura B. Mast

AMS/MAA Press 2021, XX + 342 Seiten

ISBN: 978-1-4704-6134-8, 73,11 €
e-Book ISBN: 978-1-4704-6289-5

Bei vielen der gegenwärtig in unserer Gesellschaft diskutierten Themen ist man ohne ein Mindestmaß an mathematischem Verständnis bei der Meinungsbildung vollständig darauf angewiesen, Einschätzungen von vertrauenswürdigen Quellen zu übernehmen. Diese zu identifizieren ist nicht leicht, und auch vertrauenswürdige Quellen unterscheiden sich in ihren Einschätzungen. Das hier zu besprechende Buch soll und kann einen kleinen Beitrag zur Stärkung der intellektuellen Autonomie von Nicht-Experten leisten. Thema ist der Umgang mit Zahlen, die zur Beschreibung und Beurteilung realer Vorgänge eingesetzt werden.

Common Sense Mathematics ist ein Lehrbuch, das an amerikanischen Colleges verwendet wird und sich nicht an zukünftige MINT-Profis richtet, sondern an alle, die irgendeine Form von Hochschulabschluss anstreben. Es setzt auch ganz profan bei Alltagsfragen an, wie dem Verständnis der eigenen Stromrechnung, der Rückzahlung von Immobiliendarlehen, der Steuerprogression oder der Bestimmung der Inflationsrate. Die Mathematik, die in solchen Kontexten erklärt wird, geht eigentlich nicht über den Stoff der Sekundarstufe an deutschen allgemeinbildenden Schulen hinaus: Bruchrechnen, Rechnen mit Einheiten, Prozentrechnen, Zins und Zinseszins. Dazu kommen einfachste funktionale Zusammenhänge, ein wenig kombinatorische Wahrscheinlichkeitsrechnung, graphische Darstellungen und der Einsatz von Spreadsheets wie Microsoft Excel. Damit gelingt es den Autoren dennoch, auch etwas über Klimamodelle, exponentielles Wachstum, die Qualitätsbeurteilung von Tests oder das Framing von Einkommensverteilungen zu sagen, Themen also, die deutlich über elementare Finanzmathematik hinaus reichen.

Die Autoren gehen bei allen ihren Erklärungen von konkreten Beispielen aus und streben keinerlei Theoriebildung an. Sie nennen aber zu Beginn jeden Kapitels etliche Lernziele. Großen Wert legen sie insbesondere auf aktives Einüben des Stoffs. Zu jedem der 13 Kapitel gibt es eine umfangreiche Sammlung von Übungsaufgaben, auf der Verlags-Homepage findet man unter http://www.ams.org/publications/authors/books/postpub/text-63-extra-exercises.pdf weitere 100 Seiten mit Übungsaufgaben. Viele der Aufgaben enthalten einen expliziten Hinweis darauf, welche Lernziele mit der jeweiligen Aufgabe angesprochen werden sollen. Nicht selten geht es bei den Aufgaben darum, einen kurzen Abschnitt aus einem Zeitungsartikel zu analysieren, die Fakten zu checken und die den angegebenen Zahlen zugrundeliegenden Rechnungen durchzuführen. Wer die Aufgaben dieses Buches durchgearbeitet hat, wird sich von Inzidenzzahlen, Impfquoten, Nominal- und effektiven Zinssätzen nicht mehr so schnell einschüchtern lassen und auch von großen Zahlen nicht übermässig beeindruckt sein.

Es geht in diesem Buch um konkretes Rechnen, wobei nicht einfach auswendig gelernte Algorithmen abgespult werden, sondern der Weg von den verfügbaren Informationen zu einem vernünftigen Ergebnis am Beispiel vorgeführt und in den Übung eigenständig erforscht wird. Zunächst geht es um grobe Überschlagsrechnungen, die dazu da sind, die Sinnhaftigkeit von behaupteten numerischen Fakten zu hinterfragen. Auch die Frage nach den Einheiten, die zusammenpassen müssen, wenn die Rechnung sinnvoll sein soll, spielt eine Rolle. Die so geübten Prinzipien bleiben den ganzen Text über in Gebrauch, auch wenn es später um das Auf- und Abzinsen oder um unterschiedliche Durchschnittsbildungen geht. Digitale Hilfsmittel werden propagiert, wo sie einen nachvollziehbaren Mehrwert liefern (der dann auch thematisiert wird), und ihr Einsatz anhand von Aufgaben geübt. Begrifflich sind elementare Konzepte der kombinatorischen Wahrscheinlichkeitsrechnung der Höhepunkt des Buches.

Zugegebenermaßen fühlte ich mich beim Lesen immer wieder an meine Schulzeit, speziell den Mathematik- und Physikunterricht in der Mittelstufe, erinnert. Dort sind mir die meisten Methoden, Tipps und Tricks, die Bolker und Mast erläutern, auch schon begegnet. Noch vor zwanzig Jahren hätte ich in einer Besprechung wahrscheinlich gefragt, ob man das Thema in Deutschland nicht eher für Schulen anstatt für Hochschulen aufbereiten sollte. Aber die gerade im Kontext der Covid-19 Pandemie offenbar gewordenen Verständnisschwierigkeiten für Zahlenzusammenhänge auch in gebildeten Schichten zeigt, dass ein solches Buch auch bei uns, trotz (oder vielleicht auch wegen) der Vielzahl „progressiver“ Reformen der letzten Dekaden im Unterrichtswesen, nicht überflüssig ist. Als wirklich erfrischend empfand ich den Mut der Autoren, sich mit allereinfachster Mathematik zu begnügen, dafür aber fast ausschließlich mit Originaldaten zu arbeiten und komplett auf artifizielle Beispiele „anwendungsnaher“ Mathematik zu verzichten. Welch ein Kontrast zu den omnipräsenten kubischen Polynomen, die in deutschen Abituraufgaben die krudesten Dinge modellieren und dann doch nur Anlass für eine immer gleiche Kurvendiskussion ohne jeden Erkenntniswert sind!

Die Beispiele und Übungsaufgaben speisen sich aus der Erfahrungswelt amerikanischer Collegestudenten. Für den Gebrauch an deutschen Schulen oder Hochschulen (auch Volkshochschulen) muss man die Auswahl der Beispiele und die dabei verwendeten Originalzitate und Datensätze anpassen. Das erfordert erhebliches Engagement. Wenn man aber gleichzeitig den Mut hat, aktives Üben in wirklich nennenswertem Umfang einzufordern, bietet der Ansatz und die Themenauswahl von Common Sense Mathematics die Chance, Leuten die Angst vor Zahlen zu nehmen und ihnen zu helfen, präsentierte Zahlen kritisch zu hinterfragen.

 

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Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de.

Quelle: Springer Verlag, Mathematische Semesterberichte, 2022, Band 69, Seiten 151-153
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Rezension: Joachim Hilgert (Uni Paderborn)

Matherätsel (nicht nur) für Begabte der Klassen 4 bis 6

matheraetsel nicht nur fuer begabteTatiana Samrowski

Springer 2021, XII + 230 Seiten,

ISBN: 978-3-662-64014-2, 24,99 €
e-Book ISBN 978-3-662-64015-9, 19,99 €

Das vorliegende Buch ist eine Sammlung von Aufgaben für Mathematik-interessierte Schüler der 4.–6. Klasse. Hierbei liegt das Ziel weniger auf einer frühen Förderung von mathematischen Begabungen, sondern vielmehr in der Bereitstellung von Aufgaben, die einerseits als (Rätsel-)zeitvertreib dienen können, andererseits aber auch sehr gezielt Methoden und Denkweisen einüben, die schrittweise an die Schulmathematik heranführen. Frau Samrowski möchte hiermit einen Kontrapunkt zu den zum Teil reizlosen mechanischen Rechenaufgaben setzen, die das Interesse an der Mathematik eher erlahmen lassen, als es zu beflügeln. Ich denke, das ist ihr sehr gut gelungen.

Entstanden ist das Buch aus einer Sammlung von Aufgaben, die für den Unterricht der Junior Euler Society für Mathematik der Universität Zürich der Klassenstufen 3/4 und 5/6 in den Jahren 2012–2020 verwendet wurden. Sie richten sich an eine Zielgruppe, die zwar an Mathematik interessiert ist, aber heterogen was Begabung und Wissensstand angeht. Die Aufgaben dienten insbesondere zur Vorbereitung der Teilnahme an mathematischen Wettbewerben. Das Buch richtet sich daher in erster Linie an interessierte Kinder und deren Eltern zur Vorbereitung auf Wettbewerbe und Aufnahmeprüfungen für höhere Schulen. Natürlich bietet der reiche Aufgabenfundus auch Lehrern Material zur Vorbereitung von Wettbewerben und Ergänzungen zu den üblichen Lehrbuchaufgaben.

Strukturiert ist das Buch in zwölf Kapitel, die sich verschiedenen Themen widmen, wie z. B. Ziffern, Wiegen und Gewichte, Rückwärtslösen, Zeit, Abzählen von Möglichkeiten etc. Die einzelnen Kapitel haben alle die gleiche Struktur: Sie beginnen mit einführenden Aufgaben, deren vollständige Lösung vorgestellt wird. Danach gibt es Aufgaben zum selbstständigen Lösen und Wettbewerbsaufgaben sowie einige Aufgaben zur Wiederholung vorher behandelter Themen.

Die Aufgaben variieren in ihrem Schwierigkeitsgrad, was aber nicht heißt, dass die Wettbewerbsaufgaben durchweg die schwierigeren sind. Da die einzelnen Aufgaben eher kurz gehalten sind, haben sie nicht den abschreckenden Effekt vieler überlanger Textaufgaben, wie man sie oft in Schulbüchern findet. Sie haben durchweg einen klaren Fokus und sind mit den eingeübten Methoden, und manchmal etwas zusätzlichem Knobeln und Nachdenken, gut lösbar.

Eltern und Lehrern, die Kinder mit etwas weniger mechanischen Aufgaben an die Mathematik heranführen wollen, bietet diese Aufgabensammlung einen reichen Fundus, in dem für jeden Geschmack etwas zu finden sein sollte.

 

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Quelle: Springer Verlag, Mathematische Semesterberichte, 2022, Band 69, Seiten 149-150
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Rezension: Karl-Hermann Neeb (Uni Erlangen)

Geometry and its Applications – in Arts, Nature and Technology

geometrie and its applicationsGeorg Glaeser

Springer 2020, X + 698 Seiten

ISBN: 978-3-030-61397-6, 58,84 €
e-Book ISBN 978-3-030-61398-3, 46,00 €

„In any case, geometry and mathematics complement each other quite nicely“. Über diesen Satz aus dem Vorwort zu Georg Glaesers Buch bin ich gestolpert. Er steht zwischen der Anmerkung, dass die Geometrie üblicherweise als Teil der Mathematik betrachtet wird und der Behauptung, dass zum Verständnis des vorliegenden Buches kein spezielles mathematisches Vorwissen erforderlich ist. Dazu später mehr.

Die Geometrie, wie sie in diesem Buch verstanden wird, ist eine Mischung von darstellender Geometrie und Visualisierungstechniken. Es besteht aus kurzen Essays, die immer wieder um die folgenden thematischen Schwerpunkte kreisen: Die Objekte der euklidischen Geometrie von Punkten und Geraden zu Polyedern, verschiedene Klassen von gekrümmten Flächen im Raum, Licht und Schatten, Perspektive, geometrische Formen in Architektur, Flora und Fauna sowie geometrische Formen in mechanischen Apparaten.

Die Präsentation des Materials ist mehr deskriptiv als deduktiv. Zwar gibt es immer wieder „Sätze“, das heißt Aussagen, die optisch durch eine Box hervorgehoben sind, und dazu auch Beweise. Aber in den meisten Fällen sind die präzisen Voraussetzungen nicht im Einzelnen ausgeführt und die Argumente eher nur skizziert. Besonders auffällig und für den Leser, der versucht die beschriebenen Sachverhalte genau zu verstehen, auch störend ist das fast vollständige Fehlen klarer Definitionen. Als Beispiel seien hier die abwickelbaren Flächen (developable surfaces) genannt. Sie kommen im Text über zweihundert mal vor, aber eine als solche gekennzeichnete Definition fehlt. Zwar werden immer wieder Eigenschaften genannt wie „If this contour only consists of straight lines for every projection, the surface is developable. It is only such surfaces that can be unfolded (developed) into the plane without distortion.“ Sucht man nach der Definition über den Index, so stellt man fest, dass es dort nur drei Einträge zu „developable surfaces“ gibt, die im Übrigen alle drei um eine Seite daneben liegen. Es handelt sich also eher nicht um eine „Example-driven introduction to the broad field of geometry“, wie die Internetseite des Verlags zu diesem Buch suggeriert. Es geht dem Autor ganz offensichtlich nicht darum, den Leser in die Lage zu versetzen, selbst abgesichert geometrische Einsichten zu entwickeln.

Was also hat der Autor im Sinn? Seine Darstellung ist mehr impressionistisch, eine Vorstellung vermittelnd, wenn man aus der Distanz schaut, aber nicht mehr greifbar, wenn es ums Detail geht. So gesehen hat der Autor wohl recht, wenn er sagt, es wäre kein spezielles mathematisches Vorwissen für die Lektüre dieses Buches nötig. Die Erklärung für seine Vorgehensweise gibt der Autor mit folgender Aussage auf Seite 261: „However, the issue is very elaborate and does not yield any impressive visuals – it, thus, falls outside the scope of this book.“

Damit sind wir bei der eigentlichen Stärke des Buches. Es ist voller wirklich beeindruckender Visualisierungen und auch schöner Aufnahmen geometrischer Objekte. Diese Bilder können Lehrer an Schulen und Hochschulen für ihren Geometrie-Unterricht inspirieren und viele Leser würden sich sicher dafür interessieren, wie man sie produziert.

Insgesamt fehlt mir in diesem Buch aber der rote Faden. Es wirkt auf mich zusammengestückelt, was sich auch durch mancherlei Wiederholungen bemerkbar macht, wenn Themen erneut aufgegriffen und ergänzt werden (wie zum Beispiel die abwickelbaren Flächen oder Zentralprojektionen). Auch wirkt die Verbindung von Abbildungen zu erklärendem Text bisweilen lieblos, wenn zum Beispiel in Abschn. 9.2 die Konstruktion der perspektivischen Darstellung eines Hauses erklärt werden soll, die zugehörige Abbildung eine Menge Informationen enthält, die in der Erklärung nicht angesprochen wird, umgekehrt aber nicht alle in der Erklärung benannten Objekte in der Abbildung auftauchen.

Die Lektüre am Stück ist tatsächlich ermüdend und manchmal auch frustrierend, wenn man einen Sachverhalt gerne genau verstehen möchte, die dafür erforderlichen Informationen aber nicht bereit gestellt werden. Manche der Unklarheiten im Text sind allerdings der englischen Übersetzung geschuldet. So lautet etwa der mir unverständliche Satz „Even the line at infinity of the plane can be determined in this way: It is equal to the center of the circle“ im Original „Damit lässt sich sogar die Fernebene erfassen: sie entspricht dem Mittelpunkt der Kugel“.

Interessant sind die beschriebenen Querverbindungen und Ähnlichkeiten zu geometrischen Objekten der realen Welt. Leider ist eine zielgerichtete Suche in diesem langen Buch schwierig. Der Index ist ein wenig aleatorisch und hat mir in keinem Fall geholfen, die Begriffserklärungen zu finden, von denen ich angenommen hatte sie nur vergessen zu haben. Überhaupt hat der technische Apparat Luft nach oben. Wiederholt laufen Referenzen ins Leere und erscheinen als [?].

„Geometry and its Applications“ ist eine Materialsammlung, in der ich einzelne Stücke sehr gelungener Miniaturen wiedererkannt habe. Es ist voller beeindruckender Visualisierungen. Wenn es aber mehr sein soll als ein „coffee table book“, sollte man Bilder und Text genauer aufeinander beziehen, es mit einem Glossar und einem zielgerichteten Index ausstatten. Dann hätte der interessierte Leser eine Chance, angedeutete Argumente selbst zu ergänzen.

 

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Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de.

Quelle: Springer Verlag, Mathematische Semesterberichte, 2022, Band 69, Seiten 145-147
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Rezension: Joachim Hilgert (Uni Paderborn)