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Das Chaos im Karpfenteich

chaos im karpfenteich

Das Chaos im Karpfenteich
oder Wie Mathematik unsere Welt regiert

Richard Elwes
Verlag: Springer Spektrum; Auflage: 2014 (7. August 2014),16,99 €

ISBN-10: 3642417922
ISBN-13: 978-3642417924


Es folgen die Rezensionen von: Hartmut Weber
und Harald Löwe

In 35 kurzen Kapiteln beschreibt der Verfasser – englischer Universitätslehrer – Anwendungen der Mathematik. Sein Ziel ist es, Lesern, die Mathematik nicht besonders mögen, zu zeigen, wie wichtig diese ist und dass sie – wenn auch meist dem Laien nicht offensichtlich – in vielem enthalten ist.

Wer weiß denn, dass die Suchmaschine von Google ihren Erfolg der Mathematik verdankt, dass Raumfahrt und Mondlandung, Medikamentenentwicklung und Testverfahren, Forschungen über die Ausbreitung von Epidemien und jedes Navigationsgerät ohne Mathematik gar nicht existieren könnten?

Elwes will erklären, wo und wie mathematische Verfahren dabei verwendet werden. Es gibt andere Bücher, die dasselbe Ziel haben – ihm gelingt es meistens, die Dinge ohne viele Formeln und Gleichungen auf den Punkt zu bringen. Oft helfen Analogien und anschauliche Vergleiche eher, die zugrunde liegende komplexe Mathematik ansatzweise zu vermitteln.

Die Anwendungsbeispiele, die der Verfasser nutzt, stammen teils aus früheren Jahrhunderten, viele aber sind jüngsten Datums. Die Gesetze von Kepler und Newton, entstanden im 17. Jahrhundert,  erklären z. B. die Planetenbewegung. Um die Mondlandung von Menschen – erstmals 1969 – zu ermöglichen, waren darüber hinaus Antworten auf Fragen eines speziellen Drei-Körper-Problems zu finden, was erst während der Apollo-Projektentwicklung in den 1960iger Jahren gelang.

Die sogenannte Fourier-Analyse, entstanden im frühen 19. Jahrhundert, ist Voraussetzung für elektronische Musik, die erst durch die Digitalisierung möglich wurde. Letztere hat viele neue Entwicklungen in der Mathematik initiiert: beim Übertragen von digitalen Daten, die ja nur aus Nullen und Einsen bestehen, können leicht Fehler entstehen, wenn etwa eine 1 fälschlicherweise als eine 0 erkannt wird; die automatische Erkennung und Korrektur solcher Fehler hat zu neuen Methoden in der Codierungstheorie geführt.

Der Algorithmus, der bei Google für das erfolgreiche Suchen zuständig ist, beruht auf Elementen der Netzwerktheorie und benötigt Matrizenrechnung – in diesem Kapitel wird etwas mehr an Gleichungen und Rechnungen benötigt. Um solche kommt Elwes auch in einigen anderen Kapiteln nicht herum, beispielsweise, wenn er die Warteschlangentheorie am Beispiel der allseits bekannten Callcenter beschreibt, wo es darum geht, die optimale Anzahl von Leitungen und Beratern zu ermitteln. Verblüffend ist es sicher auch für viele zu erfahren und mit Hilfe einiger kleiner Rechnungen auch zu verstehen, dass ohne die Relativitätstheorie (beide, sowohl die spezielle wie die allgemeine) das GPS (Global Positioning System) nur viel zu ungenaue Daten liefern würde – damit steckt also in jedem „Navi“ indirekt ein Stück von Einsteins Genie!

Die Breite der im Buch beschriebenen Anwendungen ist noch weit größer als die von mir skizzierten Beispiele andeuten können – Finanzmathematik (Black-Scholes-Modell), Bildkomprimierung in der Digital-Fotografie, Gruppen-Screening bei medizinischen Tests, Chaostheorie und Fraktale sind nur einige weitere Stichworte, die andere Kapitel kennzeichnen. Bei den meisten von ihnen gelingt dem Verfasser in der Tat eine anregende Darstellung und eine Entdeckungsreise in die Mathematik. 

Rezension: Hartmut Weber (Uni Kassel)


 
Das vorliegende Buch des britischen Autors Richard Elwes nimmt den Leser auf einen breit angelegten Streifzug durch die Welt der Anwendungen der Mathematik mit. Immer wieder erkennt man in den 35 Kapiteln die tragende Rolle, die die Mathematik für den wissenschaftlichen Fortschritt spielt. Und immer wieder führt Elwes gekonnt die Faszination dieser Mathematik als eine Sache ganz eigenen Rechts vor, die auch unabhängig von der ursprünglichen Fragestellung zu begeistern weiß. Dadurch unterscheidet sich das Buch von vielen anderen Werken seines Genres, die eher die Anwendungen im Visier haben. Und dies hatte auch zur Folge, dass ich nicht (wie geplant) jeweils ein oder zwei Kapitelchen am Tag las, sondern bereits am ersten Abend das Buch vollständig verschlang – auch wenn die mathematische Seite auf den Laien zielt, auch wenn etliche der geschilderten Anwendungen recht bekannt sind, es war doch alles so hübsch aufbereitet und so nett dargestellt, dass ich mit dem Lesen nicht mehr aufhören konnte. Sie merken bereits: „Das Chaos im Karpfenteich“ erhält von mir eine klare Kaufempfehlung!

Zwei der Kapitel möchte ich hier stellvertretend für alle etwas näher vorstellen, wobei der Abschnitt über Perspektive den Anfang machen möge. Dieser beginnt ganz klassisch mit einem kurzen Blick in die Geschichte der Perspektive und der Erwähnung von Fluchtpunkten. Jetzt wird übergeleitet zum Begriff der Dualität, der am Beispiel des Würfels und des Oktaeders erläutert wird. Für das Axiom der eindeutigen Verbindbarkeit zweier Punkte durch eine Gerade steht allerdings kein duales Axiom zur Verfügung, so dass im Text nun ein kurzer Blick in die projektive Geometrie fast schon zwangsläufig folgt. Hierbei wird der Leser insbesondere mit den Theoremen von Pappos und Desargues bekannt gemacht. Das letztere Theorem trägt sogleich Früchte bei der Entscheidung, ob zwei vorgegebene Dreiecke in Perspektive liegen. Zum Abschluss bietet ein Hinweis auf die Anwendungen der Geometrie auf die Raumwahrnehmung bei Robotern Anlass genug, sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen. Überhaupt ist Elwes sehr geschickt darin, Brücken von den Anwendungen zur Mathematik und zurück zu ähnlichen, aber auch zu anderen Anwendungen zu schlagen. Der treibende Motor hierbei bleibt die Mathematik, die immer wieder im Vordergrund steht, ohne dass dies allzu gewollt aussieht. Dass die mittlerweile – zu Unrecht! – nahezu aus den Curricula verschwundenen Sätze von Pappos und Desargues so vorteilhaft zur Geltung gebracht werden, macht den Abschnitt endgültig zu einem echten Leckerbissen für Feinschmecker.

Etwas anders gelagert ist das Kapitel „Der Aufstieg des Homo oeconomicus“, das dem Erwartungswert als eine der Grundlagen der Entscheidungstheorie gewidmet ist. Schon bald nach einigen Beispielen, die den Leser in die Thematik einführen, sind es relativ rasch die Paradoxa, die einen in den Bann schlagen und zum tieferen Nachdenken anregen. Einen besonders prominenten Gehirnverwinder möchte ich nicht vorenthalten: Beim Briefumschläge–Paradox von Littewood und Kraitchik geht es um ein Spiel mit zwei verschlossenen Umschlägen. In dem einen ist eine gewisse Summe Geld, im anderen der doppelte Betrag. Als Spieler wählen Sie einen der beiden Umschläge, dessen Inhalt Sie als Gewinn mit nach Hause nehmen können. Als kleine Bosheit dürfen Sie nach Ihrer Wahl noch einmal wechseln, müssen dies aber nicht – und im Gegensatz zu allseits bekannten Spiel „Dame und Tiger“ (die Rolle der Niete wird durch Elwes übrigens durch das Buch „Das Chaos im Karpfenteich“ besetzt) erhalten Sie keinerlei Hinweise. Ist in Ihrem Umschlag nun der Betrag A, so haben Sie nach einem Wechsel den Betrag 2A oder A/2 mit einer Wahrscheinlichkeit von jeweils 50%. Der Erwartungswert von 1, 25 A aber legt den Wechsel nahe – und das auch noch beliebig oft! Ich wusste doch schon immer, dass mit der Wahrscheinlichkeitstheorie etwas nicht stimmen kann! Auch im restlichen Kapitel dreht sich alles um das Unbehagen vor den von der Wahrscheinlichkeitstheorie bevorzugten Lösungen; diesmal aber wird eher das instiktive Vermeiden von Risiken des Homo sapiens genauer unter die Lupe genommen.

Nicht immer geht es im Buch um gewichtige Anwendungen wie etwa der effektiven Testmöglichkeit einer großen Gruppe auf eine Krankheit oder der Mathematik der Mondlandung. So dient das Umrühren einer Tasse Kaffee (bei dem wenigstens eine Stelle wieder auf die ursprüngliche Position zurückkehrt) als Ausgangspunkt zu einer Reise, auf der der Leser Topologie, Fixpunktsätze, und den Satz vom Igel kennenlernt, aber auch von den Anwendungen des Brouwerschen Fixpunktsatzes in der Spieltheorie hört. Natürlich kann man in einem für Laien geschriebenen Buch nicht erwarten, dass alles mathematisch streng zugeht, auch wenn das Buch durchaus an anderen Stellen mit Beweisideen (wie etwa der Lösung des Halteproblems von Turing) aufwartet. Aber es liest sich nett und flüssig – einen Eindruck von der Faszination der Mathematik gewinnt man allemal! So wünsche ich zum Abschluss dem Buch den wohlverdienten Erfolg und hoffe, bald wieder ein Werk von Richard Elwes rezensieren zu dürfen. Denn auch mir hat das Buch Lust gemacht: Lust auf mehr, Lust auf die Beschäftigung mit einigen der Anwendungen und vor allem mit der Mathematik, die diese Anwendungen erst dem menschlichen Geist zugänglich macht. Es ist wohl wahr: Mathematik regiert die Welt!

Quelle: Springer Verlag, Mathematische Semesterberichte, April 2015, Band 62, Heft 1
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Rezension: Harald Löwe (Braunschweig)

π

pi algorithmen

π
Algorithmen, Computer, Arithmetik


J. Arndt, C. Haenel
Zweite, überarbeitete und erweiterte Auflage, Springer-Verlag Berlin, 2000, pp. 264, 49 €
Mit CD-ROM

ISBN 3-540-66258-8

Das vorliegende Buch, nach seiner Premiere im Jahr 1998 bereits in zweiter, überarbeiteter Auflage erschienen, vermittelt dem interessierten Leser allerlei Wissenswertes und Kurioses über Geschichte und Berechnung der Zahl π sowie über deren weitläufige Fan-Gemeinde.

Die Autoren, offensichtlich zwei auf diesem Gebiet ausgewiesene Hobbymathematiker (Näheres konnte ich weder dem Buch noch den Webseiten der Autoren entnehmen), haben mit viel Eifer algorithmische Ansätze zusammengetragen, die zu verschiedenen Zeiten zur Berechnung von π verwendet wurden und von denen sie die meisten selbst praktisch erprobt haben. Der Leser kann an diesem Know-how über die mitgelieferte CD, aber auch über die Webseite http://www.jjj.de der Autoren partizipieren.

Die besprochenen Ansätze reichen von verschiedenen rationalen Näherungen und Kettenbruchtechniken über eine Vielzahl von arctan-Reihen bis hin zu modernsten Verfahren mit quadratischer und noch höherer Konvergenzordnung, die erst in den letzten Jahren entdeckt bzw. wieder entdeckt wurden. Jede dieser Ideen wird in ihren historischen Hintergrund eingebettet, wobei manche Geschichte zum Besten gegeben wird, die nur wirklichen Insidern geläufig sein wird. Obwohl das Buch viele Formeln enthält, bleibt der mathematische Hintergrund der meisten Ansätze skizzenhaft, da sich die Autoren stark auf die algorithmischen Aspekte konzentrieren. Eine Ausnahme bilden drei für die π-Berechnung bahnbrechende Ideen: der Tröpfel-Algorithmus (Kap. 6), der Gauß-AGM-Algorithmus (Kap. 7) und das BBP-Verfahren (Kap. 10). Für diese wird der mathematische Hintergrund genauer erläutert, wobei auch hier die Ausführungen dem an Details interessierten Leser nur als Fahrplan durch die Original-Literatur dienen können.

Eine genauere Besprechung erfahren Aspekte der Umsetzung dieser Verfahren in effiziente Algorithmen. Zu Implementierungsfragen, die nicht unmittelbar im Text besprochen werden, aber noch einmal eine gehörige Portion Kreativität erfordern, wird der interessierte Leser auf das Studium der Codequellen auf der beigefügten CD verwiesen (wobei auch bei der Suche der Quellen Kreativität eingefordert wird, denn das mehrfach im Text erwähnte Verzeichnis arith ist dort nicht vorhanden). Dafür werden im Kap. 11 grundlegende Elemente der verwendeten bigfloat-Arithmetik wie binäres Potenzieren, Karatsuba- und FFT-Multiplikation sowie die effiziente Berechnung von Quotienten und Wurzeln im Detail erläutert.

Die bemerkenswerte Viefalt der dargestellten Verfahren bis hin zu sehr modernen Ideen, die erst in den letzten Jahren entdeckt wurden, sind ein guter Leitfaden durch diese einem Hochleistungsrechnen ganz spezieller Art verbundene Thematik. Die Computeralgebra -- Thema unseres Rundbriefs -- scheinen die Autoren, trotz der vielen Formeln, gerade erst für ihre Zwecke entdeckt zu haben. Nach einem ersten Code-Fragment auf S.91, das nach Maple ausschaut, kann man auf S.118 ein etwas eigenartiges Plädoyer für unser Fachgebiet lesen: "...ihr häufigster Einsatz dürfte in der Nachprüfung von Gleichungsableitungen liegen''. Neben der verständlichen Begeisterung zweier konsequenter OpenSource-Anhänger für MuPAD ("a FREE Computer Algebra System (yes, you read right)'' heißt es auf einer der Webseiten) dürfen Mathematica (S. 127) und Maple (S .155) ihre Stärken jeweils einmal im Zusammenhang mit Summentransformationen beweisen, die die Autoren nach entsprechenden Literaturquellen zitieren. Ihre Euphorie ("...damit war dann die obige einfache Formel geboren und gleichzeitig bewiesen! Hätte jeder von uns gekonnt ...'', S. 127) teile ich allerdings nicht, denn auch hier ist eine gehörige Portion Kreativität erforderlich, um Mathematica zu dem im Text zitierten Ergebnis zu "überreden''. Die beiden genannten Anwendungen schöpfen die derzeitige Leistungsfähigkeit von Mathematica (4.0) und Maple (V.5) auf diesem Gebiet voll aus, denn ich konnte keines von ihnen dazu bringen, den Part des jeweils anderen zu übernehmen.

Ein durchgängiger Einsatz der Autorität eines Computeralgebrasystems bei exakten Ableitungen etwas komplizierterer mathematischer Sachverhalte, die im Buch weitgehend vermieden werden, würde auch der mathematischen Strenge der Ausführungen zu Gute kommen, die mich an einigen Stellen wenig überzeugt hat.

Dem interessierten Leser sei als einfache Übungsaufgabe schon heute empfohlen, etwa die Beweise der vielen arctan-Formeln mit einem solchen Werkzeug nachzuvollziehen und selbst neue herzuleiten.

Rezension: Hans-Gert Gräbe (Leipzig) aus Computeralgebra-Rundbrief, Nr. 26 - März 2000

π und Co.

pi und co

π und Co.
Kaleidoskop der Mathematik

E. Behrends, P. Gritzmann, G.M. Ziegler (Hrsg.)
Springer Verlag (2008), 391+ix Seiten, 24,95 €

ISBN: 978-3-540-77888-2

Das Jahr der Mathematik hat einiges hervorgebracht – unter vielem anderen auch dieses Buch. Die Herausgeber wollen, dass das Buch „Schlaglichter“ wirft auf die Mathematik, „nicht als Monographie, nicht als Lehrbuch, sondern als eine ganz bunte Collage.“ Dazu haben die drei Herausgeber 39 Artikel und Buchbeiträge ausgewählt und in Gruppen präsentiert. Unter der Überschrift „Prolog“ finden wir einleitende Aufsätze von Gero von Randow, Albrecht Beutelspacher, Martin Aigner, Günter M. Ziegler und Ian Stewart, bei denen es um die Plätze geht, an denen Mathematik entsteht, um die Frage nach der Eleganz der Mathematik, und schließlich werden die Fragen „Wieviel Mathematik gibt es?“ und, noch viel fundamentaler: „Warum Mathematik?“ gestellt. Dann geht es eigentlich erst richtig los.

In der Rubrik „Dauerbrenner“ finden sich Aufsätze über Primzahlen, Unendlichkeiten, Dimensionen und Wahrscheinlicheiten. Dabei gibt es neben echten Klassikern wie Auszügen aus den Büchern von Richard Courant auch Beiträge moderner Autoren. In der Rubrik „Harte Nüsse“ treffen wir den großen Fermatschen Satz, das „P=NP“-Problem, die Riemannsche Zetafunktion und einen Bericht über die Verleihung der Fields-Medaillen auf dem IMU-Kongress in Madrid. Unter dem Titel „Heiße Themen“ findet sich die Diskrete Optimierung, Google und sein Suchalgorithmus, Finanzmathematik, Kryptographie und Spieltheorie. Unter „Mathematik ohne Grenzen“ lesen wir etwas über das Zaubern, die Mathematik in Kunst, Architektur und Musik, Die Rolle der Mathematik bei Wahlen und schließlich in der Medizin. Die Rubrik „Zugaben: Kurioses aus dem Alltag“ beschließt das Buch mit Auszügen aus Zieglers hervorragender Kolumne „Mathematik im Alltag“ aus den DMV-Mitteilungen.

Die Artikel in diesem Buch sind aus allen möglichen Quellen zusammengetragen worden und waren in den meisten Fällen bereits publiziert. Daraus resultiert ein etwas „buntes“ Erscheinungsbild – verschiedenste Schriftarten und -größen wechseln einander ab und auch stilistisch geht es munter zu. Da werden Passagen aus Büchern wie Was ist Mathematik? von Courant und Robbins, In Mathe war ich immer schlecht ... von Beutelspacher und zahlreichen anderen neben Artikeln aus „Spektrum der Wissenschaft“ oder der Tageszeitung „Die Welt“ oder dem „Computeralgebra Rundbrief“ der Fachgruppe Computeralgebra der GI, DMV und GAMM gestellt. Als Randeffekt dieses Buches lässt sich dabei auch der veränderte Anspruch an graphische Darstellungen erkennen. Kommen Courant und Robbins (4. Auflage 1962) noch mit (wunderschön gestalteten!) Schwarz-Weiß-Bildern aus, so reizen die heutigen, eher populärwissenschaftlich gehaltenen Beiträge schon fast das Auge mit ihrer Unzahl von Photographien oder papageienbunten Computerbildern. Vielleicht geriet der Rezensent wegen dieser großen Breite und Fülle ab und zu in Verwirrung – manchmal vermisst man eine gewisse, etwas strengere Ordnung in diesem Buch.

Das vorliegende Buch lädt förmlich zum Stöbern ein. Es ist bunt, großformatig und abwechslungsreich. Als Geschenk für alle, die sich für die Mathematik und ihre Bedeutung in der Gesellschaft interessieren, eignet sich das Buch ganz hervorragend. Der mathematische Anspruch der Beiträge variiert ebenso wie die behandelten Themen; für offene und lernbegierige Geister ist das Niveau aber nirgendwo zu hoch, so dass sich auch Schülerinnen und Schüler durchaus angesprochen fühlen sollten. Für Lehrerinnen und Lehrer sollte dieses Buch Pflichtlektüre werden!

Rezension: Thomas Sonar, Braunschweig

Quelle: Springer Verlag, Mathematische Semesterberichte, September 2009, Band 56, Heft 1, S. 255
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags

1+1=10: Mathematik für Höhlenmenschen

mathematik für höhlenmenschen

1+1=10: Mathematik für Höhlenmenschen

Jürgen Beetz
Springer Spektrum; Auflage: 2012 (24. Oktober 2012), 19,95 €

ISBN-10: 3827429277
ISBN-13: 978-3827429278

Ein bemerkenswertes Buch hat der Autor verfasst: Ungewöhnlich in der Darstellung der Inhalte (Inszenierung), interessant in der Auswahl der Themen, ärgerlich wegen seiner vielen Fehler im Detail.

Ungewöhnlich in der Darstellung.
Der Untertitel „Mathematik für Höhlenmenschen“ soll die Idee des Autors zusammenfassen, uns in die Steinzeit zu versetzen und „Gedankengänge und Erklärungen unserer Vorfahren“ nachzuvollziehen. So wird die Mathematik immer wieder in Gesprächen der beiden Protagonisten (Eddi Einstein und Rudi Radlos) elementar entwickelt. Das geschieht nicht in wissenschaftlich-elaborierter Sprache, sondern umgangssprachlich, teils witzig, teils „locker-flockig“. Das macht das Buch gut lesbar. Manchmal werden die beiden noch durch zwei weitere Höhlenmenschen ergänzt: einen Seher, der schon alle Mathematik bis heute hin erkennen und daher auch die späteren Erkenntnisse der Mathematik mitteilen kann (bis hin zum Beweis des großen Satzes von Fermat durch A. Wiles), und eine Frau, die noch schlauer ist als die Männer ...

Die Herleitung vieler mathematischer Gedankengänge im Dialog halte ich für eine geschickte methodische Variante, warum diese Dialoge aber in der Steinzeit stattfinden, bleibt mir rätselhaft. So sagt denn auch der Untertitel „Mathematik für Höhlenmenschen“ nichts über den Inhalt aus.

Interessant in der Auswahl der Inhalte.
Der Titel „1 + 1 = 10“ ließ mich ein Buch über Mathematik des Computers erwarten – das allerdings war ein Fehlschluss. Von diesem Thema handelt nur das vorletzte Kapitel mit rund 30 Seiten, in dem vom Dualsystem und Boolescher Algebra ausgehend, über Algo­rithmen und Ablaufstrukturen, Datenbanken bis hin zu Backus-Naur-Formen und Turing-Test viele Aspekte angerissen werden – hier wäre weniger mehr gewesen.

Der Hauptteil des Buches stellt, meist in elementarer Weise, mathematische Themen vor: Zahlen und Gleichungen (Kapitel 1), Elementargeometrie (Kapitel 2), Funktionen und Kurven (Kapitel 3, 4). Die Kapitel 6, 8 und 9 entwickeln die Infinitesimalrechnung, Kapitel 5 und 10 stellen Grundfragen der beschreibenden Statistik und der Wahrscheinlichkeitsrechnung vor. Kapitel 11 führt in das Thema Chaostheorie und Fraktale ein. Relativ anspruchsvoll werden im Kapitel 7 Fragen der mathematischen Beweistechnik und im letzten 13. Kapitel Aspekte der wissenschaftstheoretischen Einordnung der Mathematik behandelt.

Gekonnt sind die Ausflüge (Exkurse) am Rand der Mathematik (in den Kapiteln 10 und 11) zu Finanzkrise und Börsengeschehen. Auf sehr anschauliche, konkrete Weise werden hier die komplexen Zusammenhänge dargestellt.

Der Autor lässt es sich auch nicht nehmen, Rosinen der Mathematik anschaulich zu präsentieren. So finden u. a. das Simpson-Paradoxon, die Collatz-Folge und das Problem des Handlungsreisenden („traveling salesman problem“) gebührende Aufmerksamkeit.

In zwanzig Seiten Anmerkungen werden Quellen und häufig zusätzliche Literaturstellen benannt.

Ärgerlich wegen der vielen Fehler.
Unverständlich, dass offensichtlich heutzutage selbst bei einem so renommierten Verlag (Springer Spektrum) vor einer Veröffentlichung nicht mehr ein Lektor an den Text gesetzt wird, zumindest nicht ein im Fach bewanderter. Die „normalen“ Druckfehler halten sich in den üblichen Grenzen. Aber mehr als zehn dicke fachliche Fehler in Formeln und im Text – gleichmäßig über das Buch verteilt – darf man wohl als Zumutung empfinden.

Wem kann man das Buch empfehlen?
Allen, alt oder jung (ab 15 Jahren), die Kenntnisse auffrischen, neue Aspekte erfahren oder - über den üblichen Schulstoff hinaus – mathematische Ideen kennenlernen wollen.

Wegen seines Unterhaltungswertes dürfte es auch Lesern gefallen, die der Mathematik gegenüber skeptisch oder zurückhaltend eingestellt sind. Damit solche Leser nicht verunsichert oder gar falsch informiert werden, sollten die Fehler möglichst bald korrigiert werden.

Rezension: Hartmut Weber (Uni Kassel)

50 Schlüsselideen Mathematik

50schlüssel

50 Schlüsselideen Mathematik

Tony Crilly
Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag, 2009, 208 Seiten, 24,95 €

ISBN-10: 9783827421180
ISBN-13: 978-3827421180

50 Kapitel zu je 4 Seiten machen dieses Buch im ungewöhnlichen, weil quadratischen Format aus. Jedes Kapitel stellt eine Schlüsselidee aus den unterschiedlichsten Bereichen der Mathematik vor, z.B. imaginäre Zahlen, das Vier-Farben-Problem, die Normalverteilung oder die Riemannsche Vermutung. Selbst der Dreh- und Angelpunkt der Schulmathematik, die Differential- und Integralrechnung, wird auf vier Seiten präsentiert. Da es, wie der Titel des Buches verspricht, um Ideen geht, wird manches mathematisch nicht präzisiert und sogar bewusst vage gehalten, um besser den Kern der Sache herausstellen zu können; zum Beispiel kommt der Autor ohne die Formel für die Dichte der Normalverteilung aus. Anstelle genau formulierter mathematischer Aussagen tritt häufig ein repräsentatives Beispiel.

Wer schon immer wissen wollte, worum es beim Problem des Handlungsreisenden geht, was das Parallelenpostulat besagt oder wer die Null erfunden hat, wird dieses Buch mit Gewinn lesen.

Rezension: Dirk Werner, FU Berlin