Leseecke

So hab ich's erlebt

so hab ichs erlebt

So hab ich's erlebt

Walter Rudin
Oldenbourg-Verlag, 1998, 181 Seiten

ISBN: 3486245775

Walter Rudin ist einer der bekanntesten Mathematiker des 20. Jahrhunderts; Studenten auf der ganzen Welt kennen seine Bücher. Hier legt er nun seine Autobiographie vor, die aus zwei Teilen, einem eher privaten und einem eher mathematischen, besteht.
Der erste Teil, ursprünglich bloß für seine Familie geschrieben, behandelt Rudins Leben von seiner Kindheit in Wien über seine Auswanderung 1938 bis zu seiner Berufung an die Universität Madison (Wisconsin) im Jahre 1958. Insbesondere die Schilderung der politischen Situation in Österreich in den dreißiger Jahren macht diesen Teil zu einem interessanten zeitgeschichtlichen Dokument; das entsprechende Kapitel schließt mit dem lakonischen Satz "Ich bin nie [nach Österreich] zurückgekehrt.", und man begreift, warum.
Im zweiten Teil seines Buches stellt Rudin einige seiner mathematischen Forschungen und die Umstände ihrer Entstehung vor; dieser Teil dürfte wohl hauptsächlich Mathematiker ansprechen, die auf ähnlichen Gebieten wie er selbst arbeiten.
Leider krankt die deutsche Ausgabe - das Original erschien bei der American Mathematical Society - an diversen Tippfehlern und sprachlichen Schnitzern (von "macht Sinn" bis "konvergiert zu").

(Rezension: Dirk Werner)

The First Six Books of the Elements of Euclid

elements of euclide

The First Six Books of the Elements of Euclid

Oliver Byrne
Köln: Taschen, 2010, XXX + 268 Seiten
Beiheft 96 Seiten mit einem Essay von Werner Oechslin
Leinen-Kassette 39,99 € 

ISBN 978-3-8365-1775-1

„Künste und Wissenschaften sind so umfassend geworden, dass es ebenso wichtig ist, ihre Aneignung zu erleichtern als auch ihre Grenzen zu erweitern. Illustrationen werden, wenn sie nicht die Zeit des Lernens verkürzen, es wenigsten angenehmer machen.“

So beginnt die Einleitung von Oliver Byrne (~1810 – ~1880) zu der von ihm 1847 herausgegebenen und gestalteten Ausgabe von The First Six Books of the Elements of Euclid mit dem bezeichnenden Untertitel in which coloured diagrams and symbols are used instead of letters for the greater ease of learners.

Dem Taschen-Verlag gebührt das Verdienst jetzt mit einem bibliophilen und wirklich preiswerten Faksimile-Nachdruck dieses schöne Werk wieder als Buch zugänglich gemacht zu haben. In der passend gestalteten Kassette findet sich noch dreisprachig ein Essay von Werner Oechslin mit den Abschnitten Euklids Geometrie – (k)ein Königsweg? und To facilitate their acquirement. Oliver Byrne’s The First Six Books of the Elements of Euclid – didaktisch, farbig und exzentrisch.

Die Elemente des Euklid gelten in unserem Kulturkreis als das nach der Bibel meist gedruckte Buch. Vor 110 Jahren wurde der Text noch als Lehrbuch an deutschen Gymnasien benutzt. Das klassische Schema Axiom – Definition – Satz – Beweis wurde mit den Elementen vor über 2300 Jahren geprägt. Es bereitet noch immer Vielen Schwierigkeiten bei der Beschäftigung mit Mathematik. Nicht allein von daher macht der Untertitel bei Byrne Sinn.

Byrne schließt seine Einleitung mit  …for it [geometry, R.S.] would teach the people how to think, and not what to think; it is in this particular the great error of education originates.

Zum Inhalt der Elemente sei der Einfachheit halber auf diese Seite bei Wikipedia verwiesen. Ebenso kann hier nicht auf die enorme kulturelle und wissenschaftliche Bedeutung der Elemente eingegangen werden. Dazu gibt es eine umfangreiche Literatur. Unter didaktischen Aspekten wäre es wert eine aktuelle Analyse der hier besprochenen Ausgabe vorzunehmen.

Seit einigen Jahren gibt es eine Internetfassung auf den Seiten des Mathematics Department der University of British Columbia (UBC). Dort finden Sie Hinweise zu der Entstehungsgeschichte der Byrne’schen Fassung. 1974 kostete das Exemplar der Bibliothek der UBC ca. 300 \(; bei Christie’s ist im Juli 2010 ein Exemplar mit 12.000 \) notiert. Der Gebrauchswert dieses Exemplars ist auch nicht größer als der des Nachdruckes vom Taschen-Verlag für 39,99 €.

euclid pageXXVIIZur besonderen Art und Schönheit der Ausgabe ist jedoch – wenn auch viel zu kurz – einiges zu bemerken.

 Byrne hat sich nicht nur eine eigene höchst intuitive Bildsprache geschaffen, er benutzt auch einige praktische Notationen:

 für therefore und für because,

wie heute im html-Code. So notiert er etwa auch die Aussage

A verhält sich zu B wie C zu D

als „Formel“:

A : B :: C : D.

Die hier angeführten und ähnliche Zeichen werden auf Seite XXVII des Vorwortes erklärt.

Die Bildsprache und ihre Vorzüge werden am Beispiel des fünften Satzes des ersten Buches auf den Seiten XV ff. erläutert:

Im gleichschenkligen Dreieck sind die Winkel an der Grundlinie einander gleich; auch müssen die bei Verlängerung der gleichen Strecken unter der Grundlinie entstehenden Winkel einander gleich sein (Text nach dt. Ausgabe von Thaer).

Das Bild zeigt die zugehörige Seite 5.

euclid page5

Als Farben benutzt Byrne fast schon r g b k, also red green blue black; doch statt grün wird gelb verwandt.

So erscheinen die XXX + 268 Seiten als Drucke wunderbar lebendig und reizen zur gründlichen Befassung.

Die geometrischen Inhalte „springen direkt ins Auge“, wie Sie beim Blättern auf diesen Seiten des Verlages erleben können. Damit stellt der Taschen-Verlag einen Teil des Werkes auch in einer Form ins Netz, die sich auf Geräten mit dem i als ersten Buchstaben im Namen oder "in" E-Books mittlerweile weit verbreitet hat. Das erfreut, doch ist bei der gedruckten, gebundenen Ausgabe das oft erwähnte Haptische wirklich fassbar: Fadenbindung, Umschlag aus festem Karton mit schwarzer weicher textiler Oberfläche, leicht getöntes festes Papier (ca. 110 g/qm) für den durchgehend vierfarbigen Druck.

Das 96-seitige, dreisprachige Begleitheft bringt in dem schon oben erwähnten Essay u.a. Informationen über die Illustration von wissenschaftlichen Büchern des 19. Jahrhunderts und ermöglicht dadurch die Einschätzung des hohen Ranges des Byrne’schen Werkes.

Als Kasseler erfährt man auf Seite 48 auch etwas über einen Wettlauf der Schildkröte mit unserem Herkules. Ach…, lassen wir das!

Die vorliegende Ausgabe reizt zum Betrachten und Lesen eines Klassikers der mathematischen Literatur und eignet sich damit als ein wunderschönes Geschenk sowohl zum Ansehen als auch zum Nachdenken.

(Rezension: Ralf Schaper)

Eine weitere Rezension der Mathematical Association of America.

Peter Lax, Mathematician

peter lax mathematician an illustrated memoir

Peter Lax, Mathematician
An Illustrated Memoir

Reuben Hersh
American Mathematical Society (2015), xxi+253 Seiten, 33,85 €
Sprache: Englisch

ISBN-10: 1470417081
ISBN-13: 978-1470417086

Peter Lax wurde zu einem der bekanntesten und größten Mathematiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine Arbeiten zu Systemen hyperbolischer Erhaltungsgleichungen, zu numerischen Verfahren (Stichworte: Lax-Richtmyer, Lax-Friedrichs, Lax-Wendroff) und zur Funktionalanalysis (Stichworte: Lax-Milgram, Lax-Phillips) markieren jeweils großartige Leistungen eines Mathematikers, für den die schädliche Trennung in reine und angewandte Mathematik immer bedeutungslos war. Nun hat – noch zu Lax’s Lebzeiten – Reuben Hersh diesem Mann und seinen wissenschaftlichen Leistungen ein Denkmal gesetzt.

Lax wurde im Jahr 1926 in Budapest geboren, aber die Familie musste 1941 Ungarn verlassen, um dem Holocaust zu entgehen. Damit dürfte Peter Lax heute der letzte überlebende Mathematiker der großen Emigrationswelle sein, die mathematische Talente wie Richard Courant, Kurt-Otto Friedrichs und eben Peter Lax aus Europa nach den USA schwemmte.

Hersh beschreibt das Leben in Ungarn bevor der faschistische Mob tobte und weist auf das „ungarische Wunder“ hin: In den 1920er und 1930er Jahren gab es eine ungewöhnliche Häufung von exzellenten Mathematikern in Ungarn. Zu nennen sind Janosz (John) von Neumann, die Brüder Riesz, Georg Pólya, Gabor Szegö, Leopold Fejér, Cornelius Lanczos, Arthur Erdelyi, Paul Erdös, Dénes König, Rózsa Péter, Michael Fekete und Paul Turan, und alle genannten waren jüdischen Glaubens. Auch Peter Lax gehört in diese illustre Reihe. Seine Eltern waren beide Ärzte, der Vater Internist und die Mutter eine studierte Kinderärztin, die auf Klinische Pathologie umsattelte und das Labor des Vaters betrieb. Peter hatte einen älteren Bruder und die Familie lebte im Wohlstand mit einer Köchin und einem Kindermädchen. Schon früh fiel das mathematische Talent Peters auf und die Eltern beschäftigten daher eine mathematische Tutorin für ihren begabten Sohn, die später für ihre Arbeiten zu rekursiven Funktionen und für das populärwissenschaftliche Buch „Das Spiel mit dem Unendlichen. Unterhaltsame Mathematik“ berühmt gewordene Rózsa Péter. Péter konnte in den 1930er Jahren als Jüdin keine Professur bekommen; das gelang erst nach dem Ende des Krieges.

Nachdem die Familie Lax 1941 in die USA nach New York gekommen war, riet Gabor Szegö der Familie, mit Richard Courant an der New York University (NYU) Kontakt aufzunehmen, da dieser besonders gut mit jungen Talenten umgehen konnte. Nach dem Besuch der Highschool kam Peter Lax so an die NYU und damit unter den Einfluss von Richard Courant, während der Vater in Manhatten eine schnell florierende Praxis eröffnen konnte. Im Jahr 1944 wurde Lax 18 Jahre alt und wurde zum Militär eingezogen. Nach seiner Grundausbildung kam er allerdings nicht an einen Frontabschnitt, sondern schließlich nach Los Alamos – vermutlich hatte Richard Courant hinter den Kulissen die Fäden gezogen. Peter Lax war nun ein Mitglied im „Manhatten project“.

Nach dem Krieg verbrachte Lax den Sommer 1946 in Stanford bei den Szegös und hörte Vorlesungen bei Pólya. Die im Jahr 1949 abgeschlossene Doktorarbeit „Nonlinear system of hyperbolic partial differential equations in two independent variables“ wurde von Kurt-Otto Friedrichs an der NYU betreut und danach kehrte Lax für ein Jahr wieder nach Los Alamos zurück. Er lernte durch von Neumann die Bedeutung numerischer Verfahren und der Computern kennen, und zwar im Zusammenhang mit kompressiblen Strömungen. Dieses Gebiet hat die gesamte wissenschaftliche Karriere Peter Lax’ stark geprägt. Unter den Lax’schen Kommilitonen befanden sich weitere mathematische Talente ersten Ranges: Cathleen Morawetz, Harold Grad, Joe Keller, Louis Nirenberg – der zu Lax’ lebenslangem besten Freund wurde – und Anneli Cahn, die als Anneli Lax bald Peter Lax’ Ehefrau wurde. Anneli Cahn stammte aus dem damals deutschen Kattowitz (heute Katowice) und floh mit ihren Eltern vor den Nazis schon 1935 nach New York. Im Jahr 1948 heirateten Peter Lax und Annelie Cahn, die bereits vorher schon geheiratet hatte, um ihr Elernhaus verlassen zu können. Das Paar bekam zwei Söhne, John und James, die 1950, bzw. 1954 geboren wurden. James wurde ein Internist wie sein Großvater, John hatte einen schweren Start; bei ihm wurde eine Form von ADHS diagnostiziert und er wurde unter Ritalin gesetzt. Allerdings veränderte sich seine Persönlichkeit so stark unter dem Medikament, dass Peter Lax die Medikation absetzte. Später studierte John Amerikanische Geschichte, wurde ein anerkannter Jazz-Experte, und arbeitete an einer Dissertation, als er 1978 auf demWeg zur Bibliothek in Iowa durch Chicago fuhr und durch einen betrunkenen Autofahrer zu Tode gebracht wurde. Hersh gibt auf Seite 43 das Jahr des Unfalls mit 1982 an, aber Anhang 7 ab Seite 209 enthält den Nachdruck eines Essays von Abbott Gleason, einem engen Freund von John Lax, der das Jahr mit 1978 beziffert.

Als im Jahr 1999 Annelie Lax an Bauchspeicheldrüsenkrebs starb, kamen sich die Witwe Jerry Berkowitz’, Lori Berkowitz, eine Tochter Richard Courants, und Peter Lax näher und heirateten im Jahr 2006.

Damit habe ich eine kurze Zusammenfassung der ersten drei Kapitel des Buches gegeben und um den Spaß am eigenen Lesen nicht zu verderben, beschränke ich mich jetzt auf nur wenige Bemerkungen. Im vierten Kapitel beschreibt Berkowitz die frühe Karriere des Peter Lax und wie er selbst und etliche weitere erstklassige Mathematiker Studenten von Lax wurde. Auch politische Ereignisse bleiben nicht unerwähnt, so das Abenteuer um die CDC 6600 des Courant-Instituts im fünften Kapitel. Im Jahr 1968 wurde Richard Nixon zum Präsidenten der USA gewählt und versprach das Ende des Vietnam-Krieges, hielt dieses Versprechen bekanntermaßen jedoch nicht, so dass sich studentischer Widerstand im ganzen Land rührte, als Nixon 1970 die Ausweitung des Krieges nach Kombadscha ankündigte. Verwaltung und Dozenten der NYU standen auf der Seite der Studenten in ihrem Antikriegsprotest, aber als in Ohio bei einer Demonstration von Studenten der Kent State University vier Studenten getötet und neun verletzt wurden, als die Nationalgarde wild in die Demonstration schoss, geriet die Situation auch an der NYU außer Kontrolle. Studentische Aktivisten besetzten die Warren Weaver Hall, in der sich auch der Rechner CDC 6600 befand. Der Computerraum konnte besetzt werden und die Aktivisten forderten von der NYU 100000 Dollar, um einen inhaftierten Black Panther aus dem Gefängnis in NewYork zu holen. Sollte sich die NYU weigern die Summe zur Verfügung zu stellen, sollte die CDC 6600 in Flammen aufgehen. Das Photo der Molotow-Cocktails ist auf Seite 73 zu sehen.Welche Rolle Peter Lax in dieser Auseinandersetzung spielte und ob die CDC 6600 ihr elektronisches Leben hingeben musste oder nicht – das alles ist hier mit Augenzeugenberichten zu lesen.

Im sechsten Kapitel wird die spätere Karriere Peter Lax’ beschrieben bis hin zur Verleihung des Abel-Preises in Norwegen im Jahr 2005, dem Kapitel sieben gewidmet ist. Da Peter Lax als großer Anekdotenerzähler bekannt ist, wird das Buch nach Kapitel sieben durch einige von Lax’ besten Anekdoten unterbrochen, bevor es mit dem achten Kapitel weitergeht, in dem die Bücher behandelt werden, die aus Peter Lax’ Hand stammen. Kapitel neun trägt die Überschrift „Pure AND applied, not VERSUS applied“ und bringt damit die professionelle Einstellung von Peter Lax auf den Punkt. Kapitel zehn ist den numerischen Arbeiten zu Differenzenverfahren gewidmet, den Arbeiten zu Solitonen, zur Streuung, dem Satz von Lax-Milgram und weiteren Lax’schen Ergebnissen. Ein kurzer Epilog beschließt die Biographie.

Dem Buch sind acht Anhänge mitgegeben worden, zu Anneli Lax, John von Neumann (von Peter Lax), Richard Courant (von Peter Lax), ein wissenschaftlicher Lebenslauf von Lax mit einer Publikationsliste, ein eleganter Beweis des Satzes vom abgeschlossenen Graphen aus Peter Lax’ Buch „Functional Analysis“, eine Liste der Doktoranden, ein Essay über John Lax und ein Artikel von John Lax über Jazzmusiker aus Chicago.

Reuben Hershs Biographie ist ein Kleinod in der Geschichte der modernen Mathematik. Es ist reich bebildert, hervorragend lesbar und enthält zahlreiche Interviews mit Augenzeugen.

Quelle: Springer Verlag, Mathematische Semesterberichte, Oktober 2015, Band 62, Heft 2
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Rezension: Thomas Sonar (Braunschweig)

Liebe und Mathematik

frenkel liebe und mathe

Liebe und Mathematik
Im Herzen einer verborgenen Wirklichkeit

Edward Frenkel, übersetzt von Thomas Filk
Verlag: Springer Spektrum; Auflage: 2014 (5. Dezember 2014), 24,99 €

ISBN-10: 3662434202
ISBN-13: 978-3662434208

Es folgen die Rezensionen von: Dirk Werner und Reinhard Winkler

Am 27. März 1987 reicht ein 18-jähriger Student im 3. Studienjahr einer zweitrangigen Moskauer Hochschule einen Artikel bei einer der renommiertesten mathematischen Zeitschriften der Sowjetunion ein. Das Thema des Aufsatzes ist „Kohomologie der Kommutatorgruppe der Zopfgruppe“; er enthält neue Resultate, die der Student ein Jahr zuvor erzielt hatte. Bei dem Studenten handelt es sich um Edward Frenkel, den Autor des faszinierenden Buches Liebe und Mathematik, heute ein weltbekannter Mathematiker. Es verflicht zwei Erzählstränge: Einerseits berichtet es über die ereignisreiche Biografie des Autors, andererseits setzt es sich zum Ziel, einige Facetten der sehr anspruchsvollen Mathematik, mit der er sich beschäftigt, einem allgemeinen Publikum zugänglich zu machen.

Was Ersteres angeht, beschreibt Frenkel zunächst das antisemitische Klima in der Sowjetunion, weswegen ihm trotz hervorragender Leistungen in den Aufnahmeprüfungen die Zulassung zur Moskauer Lomonossow-Universität verweigert wurde. Es gab jedoch auch Schlupflöcher wie das Institut für Gas und Petroleum, wo er immatrikuliert wurde; es gab ferner das Netz der Moskauer Mathematiker, die höchsttalentierte Youngster unter ihre Fittiche nahmen (in Frenkels Fall war es Dimitri Fuchs, der ihn in die Forschung einführte); und es gab das Gelfand-Seminar, jene unter Mathematikern legendäre Veranstaltung, die wöchentlich an der Lomonossow-Universität stattfand. Die Beschreibung dieser Szenerie gehört zu den eindringlichsten Stellen des Buchs.

Auch die weiteren Stationen Frenkels Biografie sind nicht ganz kanonisch. Noch vor Abschluss seines Diploms am Gas-und-Petroleum-Institut erhält er eine Einladung zu einem mehrmonatigen Aufenthalt an der Harvard- Universität, obwohl er sich nie um ein solches Stipendium beworben hatte. In den USA angekommen, entscheidet er sich, dort zu bleiben und zu promovieren; später erhält er Professorenstellen in Harvard und Berkeley, wo er noch heute arbeitet. Auch in den USA trifft er auf führende Mathematiker: Fieldsmedaillenträger und andere Berühmtheiten geben sich gewissermaßen die Klinke in die Hand: Drinfeld (sein de-facto-Doktorvater), Witten, Manin, Deligne, Chau etc. Von Gelfand und seinem Seminar war bereits die Rede; Frenkel ist einer der wenigen Autoren, die erfreulicherweise dessen „diktatorisches Verhalten“ und „Machtgehabe“ (Seite 60) explizit kritisieren.

Der zweite Strang des Buchs ist natürlich die Mathematik. Ausgehend von der Idee der Symmetrie erläutert Frenkel den Gruppenbegriff und erklärt, worum es 1987 bei den Zopfgruppen ging. Generell liegt sein Interesse an mathematischen Konstruktionen, die in die (zum Teil sehr) theoretische Physik hineinwirken; für Fachleute: Er ist einer der Hauptprotagonisten des Langlands-Programms, das überraschende Verbindungen zwischen scheinbar sehr disparaten mathematischen Teildisziplinen herstellt. Genauso faszinierend wie die biografischen Teile sind die mathematischen; die Fähigkeit des Autors, sehr komplizierte Sachverhalte zu veranschaulichen, ist auf jeder Seite spürbar. (Übrigens kann man sich auf YouTube ein Bild von seiner Vorlesungstätigkeit für Studienanfänger machen, die das gleichfalls belegt.) Zum Beispiel ist es ein Genuss nachzulesen, wie Frenkel Galois-Gruppen erklärt. Trotzdem ist es wohl richtig zu betonen, dass bei den Lesern eine relativ hohe mathematische Belastbarkeit vorauszusetzen ist, obwohl technisch aufwändigere Punkte, angefangen beim Assoziativgesetz bei Gruppen, in den Anhang delegiert sind.

Warum heißt das Buch nun Liebe und Mathematik? Das kommt im letzten der 18 Kapitel zur Sprache. Frenkel ist nicht nur Mathematiker, sondern auch Filmemacher, und Kapitel 18 berichtet von seinem leicht skandalträchtigen Kurzfilm Rites of Love and Math, über den Thomas Vogt eine Rezension in den DMV-Mitteilungen geschrieben hat.

Auch mich hat dieser Teil nicht überzeugt. Den ersten 17 Kapiteln wünsche ich jedoch die Aufmerksamkeit vieler mathematisch interessierter Leserinnen und Leser.

Rezension: Dirk Werner (FU Berlin)



An Buchneuerscheinungen mit der an Laien gerichteten Kernbotschaft „Mathematik ist gar nicht so langweilig, wie du glaubst“ gibt es seit einigen Jahren keinen Mangel mehr. Trotzdem verdient Edward Frenkels Buch besondere Beachtung.

Denn hier geht ein Weltklassemathematiker mit dem Anliegen der Popularisierung seiner Wissenschaft aufs Ganze. Ohne höhere mathematische Vorbildung vorauszusetzen, nimmt er seine Leserinnen und Leser dennoch intellektuell für voll und fordert sie entsprechend. Trotz Vermeidung technischer Details begnügt er sich weder mit Gemeinplätzen von der praktischen Bedeutung der Mathematik für den Alltag in unserer modernen hochtechnisierten Welt, noch versucht er, gelangweilte Freizeitdenksportler mit kurzweiligen geistigen Turnübungen zu unterhalten. Frenkels Hauptanliegen besteht in nichts Geringerem als in der Erläuterung des nach dem aus Kanada stammenden Mathematiker Robert Langlands benannten Langlands-Programms, einem der großen kollektiven Projekte der zeitgenössischen Mathematik, im Rahmen dessen sich auch der berühmte Beweis von Fermats letztem Satz durch Andrew Wiles und Richard Taylor vor etwa 20 Jahren einordnen lässt.

Frenkel verwendet das Langlands-Programm exemplarisch, um einen Einblick in die moderne Mathematik zu geben und den Leser davon zu überzeugen, dass es tatsächlich um Originalität, Vorstellungskraft, Phantasie und wegweisende Einsichten geht. Frenkel betont das Anliegen der Mathematik, Übersetzungen zwischen verschiedenen Teilgebieten und ihren jeweiligen Terminologien und Intuitionen zu finden und daraus neue Einsichten zu gewinnen. Er zieht den Vergleich mit dem Stein von Rosette, der bei der Entzifferung der altägyptischen Hieroglyphen vor etwa 200 Jahren eine wesentliche Rolle spielte. Nur werden im Fall des Langlands-Programms die Übersetzungen nicht zwischen alten Schriften und Sprachen hergestellt, sondern zwischen Gebieten wie Zahlentheorie, Algebra, Harmonischer Analysis, Geometrie, Topologie und neuerdings auch Quantenphysik.

Der Titel des Buches ist zunächst im Sinn von „Liebe ZUR Mathematik“ zu verstehen, erscheint im letzten Kapitel aber auch in zusätzlichem Licht. Darin macht Frenkel nicht nur seinen mathematischen Platonismus deutlich, sondern kommt auch auf den Film „Rites of Love and Math“ zu sprechen, in dem er auch als männlicher Hauptdarsteller auftritt.

Frenkel verrät auch einiges über seine eigene Biographie, die aus zumindest zwei Gründen von allgemeinem Interesse ist. Anders als viele andere bedeutende Mathematiker, bei denen sich Begabung und Interesse sehr früh zeigten, bedurfte es bei Frenkel eines Mathematikers aus dem Bekanntenkreis seiner Eltern, um das Interesse des 15-Jährigen von der Quantenphysik auf die von Frenkel zunächst abgelehnte Mathematik auszuweiten. Durch schlechten Schulunterricht kann also sogar Hochbegabten der Blick auf die Schönheit der Mathematik verstellt werden. Zum zweiten wird es kaum einen Leser unberührt lassen, wenn Frenkel – selbst areligiös wie auch seine Familie – die institutionalisierten antisemitischen Schikanen schildert, denen seine Laufbahn als Mathematiker in der Sowjetunion knapp vor der Wende beinahe zum Opfer gefallen wäre. (Man fragt sich, ob das in Russland unter Jelzin und Putin besser geworden ist.)

Quelle: Springer Verlag, Mathematische Semesterberichte, April 2015, Band 62, Heft 1
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Rezension: Reinhard Winkler (Wien)

Leonhard Euler and the Bernoullis

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Leonhard Euler and the Bernoullis

Margaret B.W. Tent
Taylor & Francis Ltd. (August 2009), 276 Seiten, 20,99 €

ISBN: 978-1-56881-464-3

Ähnlich wie die Bach-Familie in der Musik nimmt die Basler Familie Bernoulli in der Mathematikgeschichte einen herausragenden Platz ein: sie (d. h. insbesondere die Brüder Jakob und Johann Bernoulli sowie Johanns Sohn Daniel) bestimmt im späten 17. Jahrhundert und über das gesamte 18. Jahrhundert wesentlich die Geschichte der Mathematik. Von der Mathematik des 18. Jahrhunderts zu sprechen bedeutet aber auch, von Leonhard Euler, dem Schüler Johann Bernoullis, zu sprechen. Damit weist der Titel des Buches ,,Leonhard Euler and the Bernoullis“ auf ein außerordentlich interessantes Thema hin, das mehr als nur Mathematik umfassen kann. Sieht man von den entsprechenden gesammelten Werken ab, so gibt es zwar hinreichende biographische Literatur zu Euler (auch in Englisch), aber weniger zu der Bernoulli-Familie.

Das vorliegende Buch ist offenbar weder für Mathematiker noch Mathematikhistoriker geschrieben, denn dazu ist die behandelte Mathematik zu elementar, und die historischen Sachverhalte sind mehr oder weniger allgemein bekannt (wobei die Autorin keine Quellen nennt, selbst Briefe werden undatiert zitiert). Fragen wir also mit dem römischen Schriftsteller Flaccus ,,Quis leget haec“ (Wer wird das lesen?). Der Klappentext nennt jugendliche Leser und ergänzt, daß sicherlich ein allgemeiner Leserkreis (general audience) hieran interessiert sein dürfte. Allerdings bekennt die Autorin selbst, daß Euler den Amerikanern (nur ihnen?) bestenfalls aus Kreuzworträtseln bekannt ist, geschweige denn wohl die Bernoullis. Im Hinblick auf Kehlmanns überraschenden Erfolg mit seinem Gauß-Buch und die Vermarktung Eulers durch einen Comic ist jedoch bei einer Prognose über den Absatz sicherlich Vorsicht geboten.

Die Autorin geht von bekannten Sachverhalten aus und füllt die Lücken durch fiktive Gespräche, die aus meiner Sicht weniger dem Geist des 18. Jahrhunderts entsprechen, sondern das amerikanisches Alltagsenglisch widerspiegeln, denn fast alles ist ,,great“ und bestens oder wenigstens brillant erscheinend. Diese eingefügten Dialoge betreffen vor allem zwei Dinge, die in ihren Wiederholungen ermüden: die Protagonisten erklären sich Probleme oder begeistern sich an mathematischen Techniken (etwa der Potenzschreibweise!), wobei ständig Sätze wie ,,I like it“ fallen, oder die Väter sprechen in einfacher Psychologie mit den Söhnen über die Berufswahl, wobei sich die Bernoullis mit stereotypen Argumenten als höchst autoritär erweisen (wiewohl ein ,,Hrmmmmmpf!“ vom ,,barking“ oder ,,grumbling“ Vater Bernoulli seinen Reiz hat, S. 30). Solche Gespräche werden wohl auch ,,gifted young adults“ nicht inspirieren. Merkwürdig, daß sich Jakob als späterer reformierter Pfarrer (Zwingli, Calvin) gerade auf Martin Luther als Kronzeugen beruft, S. 65. Als Vater wünschte ich mir in den Berufsgesprächen wenigstens einmal einen Hinweis wie diesen, daß der Vater der Brüder Jakob und Johann bis zum zehnten Kind zu warten hatte, ehe er schließlich im jüngsten Sohn einen Nachfolger für sein Geschäft fand. Andererseits ist im Buch das zielstrebige Verlangen der Söhne gegen den Willen der Väter, Mathematiker zu werden, auch ein aus heutiger Sicht aufgemachtes Problem, das außer Acht läßt, daß es weder (modern gesprochen) Studienabschlüsse noch in der Regel eine begründete Aussicht gab, mit dieser Wissenschaft (nicht als Rechenmeister!) seinen Lebensunterhalt zu verdienen (abgesehen davon, daß man damals unter Mathematik etwas anderes als heute verstand). Der schockierende Sachverhalt, daß Johann in dieser Angelegenheit vom Vater schlecht behandelt wurde, es aber in gleicher Weise bei seinem Sohn Daniel praktiziert, bleibt leider undiskutiert.

Wenn man sich der schriftstellerische Freiheit bedient und seine Stimme herausragenden Mathematikern leiht, dann sollte man das bekannte ,,accurate historical szenario“ (so der Umschlagstext) respektieren. Das wird zwar von der Autorin versichert, aber nicht konsequent eingehalten. Leider gibt es immer wieder Passagen, in denen ungewisse Sachverhalte durch die Logik der Autorin als faktisch hingestellt werden. Während solche Glättungen vielleicht in den erzählerischen Passagen zu rechtfertigen sind, läßt sich in historischen Abschnitten das Ignorieren bekannter Tatsachen nicht mehr hinnehmen. Häufig wird nur die Hälfte einer Geschichte erzählt (beispielsweise werden beim Königsberger Brückenproblem zwar die Regeln hingeschrieben, aber die einfachen Argumente, welche die Regeln einsichtig machen, fehlen; zudem wird behauptet, daß Euler das Problem seit 1727 bearbeitet habe, aber es war erst ein Brief des Königsberger Bürgermeisters an die Petersburger Akademie, der 1735 zur Behandlung führte) bzw. alte Vorurteile werden aufgewärmt (bei Euklid sind Geraden keine ,,Mengen“ von Punkten, S. 78, ebenso wie Descartes kein (kartesisches) Koordinatensystemoder eine analytische Geometrie im unserem Sinne benutzte; natürlich hat Descartes negative Zahlen benutzt, aber in der Geometrie sind bekanntlich negative Größen nicht möglich, S. 62).

Natürlich muß man bei einer populären Darstellung der Mathematikgeschichte Kompromisse machen, die sicher jeder anders vornehmen wird. Aber trotzdem gibt es gute und allgemein akzeptierte Darstellungen, wie etwa die von Egmont Colerus (um wenigstens ein Beispiel zu nennen), die, selbst wenn sie älter als ein halbes Jahrhundert sind, mehr bieten als einschlägige Stellen in diesem Buch, in dem vieles mit leichter Hand erzählt wird: die Bezeichnung f(x) ist weder von Leibniz, S. 82, noch von einem Bernoulli, sondern von Euler; Newton benutzte in den Principia keine Fluxionsrechnung, S. 83 (höchstens einmal in einem Lemma versteckt). Offenbar werden Kettenlinien- und Brachistochronenproblem verwechselt, S. 100, wobei die Behauptung, daß Johanns brillante Löung des Brachistochronenproblems keine Folgen für die weitere Entwicklung der Mathematik hätte, ein erschreckendes Unverständnis zeigt: Beginn der mathematischen Physik durch eine übergreifende mathematische Formulierung unterschiedlicher physikalischer Probleme, Entwicklung der Variationsrechnung bis zu hinreichenden Bedingungen für Lösungen, Wurzel des analytischen Funktionsbegriffs und einiges Andere mehr, was allein schon Eckstein in einschlägigen Mathematikgeschichten zu sein hätte! Entschlossen wird das Vorurteil, daß Euler der Mathematik mehr als Experimenten vertraute, wiederholt (S. 162), aber diese Sache ist z.B. bei der Bemastung von Schiffen längst widerlegt. Manches ist nicht konsistent: auf S. 61 ist Hudde ,,the formemost mathematician“ in Holland, zwanzig Seiten später erinnert sich die Autorin an Huygens und bezeichnet diesen nun als ,,the most important mathematician of his time“, und jedesmal bleiben Leibniz oder Newton auf der Strecke.

Englisch ist als Wissenschaftsprache heute dominant. Amerikanische Autoren tun sich daher häufig schwer, fremdsprachige Literatur zur Kenntnis zu nehmen. Auch hier sind die zum in Rede stehenden Thema umfangreich vorliegende französische, russische und deutsche Arbeiten nur ungenügend ausgewertet. Einige Ungereimtheiten: N. Bernoulli sagt über J. Hermann ,,I like him very much“, und D. Bernoulli stimmt zu, S. 153. Tatsache aber ist, daß sich diese Brüder mit Hermann an der St. Petersburger Akademie derart erbittert gestritten haben, daß es hierüber eine Akte im Petersburger Archiv gibt. Von dem Kettenlinienproblem auf hyperbolische Geometrie (vor Lobatschewski oder Bolyai, S. 100) zu kommen, ist problematischer als von Kristiania als Oslo (seit 1924) zu reden oder über den Gebrauch des Zeichen π vor Euler, den er erst durch seine Autorität verbindlich machte. Mich wundert auch, woher die Autorin ihre Kenntnisse über die Sprachfähigkeiten der jeweiligen Personen hat: die Bernoullis hatten keinerlei Schwierigkeiten beim Erlernen der deutschen Sprache, als sie nach Frankfurt auswanderten; Euler sprach ,,schön“ französisch (was er erst im französisch ,,dominierten“ Preußen zu können und zu lernen hatte), er war angeblich der einzige am preußischen Hof, der russisch sprach (bei der ostpreußischen Nähe zum Zarenreich ist die Behauptung etwas verwegen; der vormals in russischen Diensten stehende General Manstein, dann zu Friedrichs Militärs gehörig, ist bereits ein Gegenbeispiel). Grundsätzlich wäre Euler wie viele seiner Kollegen in St. Petersburg ohne Russischkenntnisse ausgekommen, weil bei Hofe und an der Akademie deutsch, französich und lateinisch üblicher als russisch waren, S. 166.

Das Buch ist gut gedruckt und gebunden, aber die Qualität einiger Bilder läßt sehr zu wünschen übrig (z.B. auf S. 114, 136 oder 234), abgesehen davon, daß das Bild auf S. 151 keinesfalls Ch. Goldbach zeigt (was bedauerlich ist, weil hier erstmals ein Goldbachporträt zu sehen wäre).

Die Verbindung romanhafter Elemente mit ungenügend recherchierten bzw. unzureichend dargestellten historischen und mathematischen Sachverhalten überzeugte mich nicht. Die Absicht der Autorin, über ein spannendes und wichtiges Thema der Mathematikgeschichte zu schreiben, bleibt weiterhin eine herausfordernde Aufgabe für Mathematikhistoriker.

Rezension: Rüdiger Thiele, Halle

Quelle: Springer Verlag, Mathematische Semesterberichte, April 2010, Band 57, Heft 1, S. 142
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags.