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A History of Chinese Mathematics

A History of Chinese Mathematics

A History of Chinese Mathematics

Jean-Claude Martzloff
Springer Verlag (2006), 485 Seiten, 37,40 €

ISBN: 3-540-33782-2

Es war einmal, da machte sich eine Gruppe junger französischer Wissenschaftler auf den Weg, Licht in die chinesische Mathematikgeschichte zu bringen – unter ihnen Jean-Claude Martzloff. Im Jahr 1987 erschien dann das vorliegenden Buch in französischer Sprache und wurde in atemberaubender Geschwindigkeit zu der Einführung in das Gebiet und das ist es noch heute, obwohl inzwischen zahlreiche Untersuchungen dazu gekommen sind. Aus diesem Grund ist es sehr zu begrüßen, dass der Springer Verlag nach der ersten englischen Ausgabe 1997 nun eine Neuauflage vorlegt. Das Buch ist zweigeteilt in einen Abschnitt, der sich mit dem Kontext auseinandersetzt, in dem die Entwicklung der Mathematik sich in China vollzog, und in den Teil, der sich mit den eigentlichen Inhalten der chinesischen Mathematik beschäftigt. Martzloff hat dabei die Inhalte ganz bewusst nicht chronologisch geordnet, sondern nach mathematischen Teilgebieten, was das Buch für all jene interessant macht, die sich gezielt über die Entwicklungsgeschichte einzelner Bereiche informieren möchten. Auch Sinologen werden sicher von diesem Buch angezogen werden, denn Martzloff dokumentiert seine Quellen in ausgezeichneter Manier. Der historiographische Kontext wird ebenso diskutiert wie die Struktur chinesischer mathematischer Werke, die innerchinesische Rezeption von mathematischen Ideen und die Einflüsse aus Indien, dem arabischen Islam und Europa. Auch den Wegen der chinesischen Mathematik in andere Kulturen geht der Autor nach und wir lernen wichtige mathematische Texte und ihre Autoren kennen. Bei der inhaltlichen Diskussion geht es um Zahlen und ihre Darstellung. Interpretiere ich jüngste Publikationen chinesischer Historiker richtig, dann scheint doch noch nicht sicher erwiesen, dass die Null tatsächlich eine indische Erfindung ist (so habe ich es schon in der Schule gelernt und später immer wieder gelesen). Auch Martzloff entscheidet diese Frage nicht sondern stellt – das ist hervorragender Stil, den das gesamte Buch auszeichnet – die frühesten bekannten indischen und chinesischen Quellen gegenüber. Geometrie, Approximation, unendliche Reihen und vieles mehr spricht Martzloff an und diskutiert die Quellen in vorbildlicher Weise. Natürlich darf auch der Abacus und seine Rolle bei numerischen Rechnungen nicht fehlen. Dem in Gänze überzeugenden Werk sind mehrere Anhänge mitgegeben, ein Index über spezielle chinesische Bezeichnungen und weitere wichtige Indices von Namen, Büchern, etc.

Der Verlag hat das Buch in Broschur in gewohnt guter Weise ausgestattet. Zu loben ist die Fadenheftung, die ein dauerndes Arbeiten nicht übelnimmt. Die Papierqualität ist hervorragend und zahlreiche Abbildungen tragen dazu bei, dass man das Buch gerne zur Hand nimmt. Der Preis von nur ca. 37 Euro macht dieses wunderbare Standardwerk zu einem echten Geschenk.

Rezension: Thomas Sonar, Braunschweig

Quelle: Springer Verlag, Mathematische Semesterberichte, Oktober 2007, Band 54, Heft 2, S. 254
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Analogrechner

analogrechner

Analogrechner
Wunderwerke der Technik – Grundlagen, Geschichte und Anwendung

Bernd Ulmann
Oldenbourg Verlag, (2010), xvii + 487 Seiten, 59,80 €

ISBN: 978-3-486-59203-0

Ach ja, Analogrechner! Da kommen fast schon nostalgische Gefühle in mir auf: Nicht nur der gute alte Rechenschieber kommt mir in den Sinn, sondern auch das alte Computerpraktikum während meines Studiums, in dem wir auch lernten, mit elektronischen Analogrechnern Differentialgleichungen zu „lösen“ bzw. besser gesagt: Differentialgleichungen elektrisch zu modellieren und die Lösungen von Differentialgleichungen graphisch darzustellen. Nun ist es ja nicht so, als seien Analogrechner völlig aus unserem Leben verschwunden. Es gibt Tankscheiben, auf denen man den Benzinverbrauch des Autos ablesen kann, und erst im letzten Jahr endete ein mehrere Millionen Euro teures europaweites Projekt mit dem Namen FACETS – Fast Analog Computing with Emergent Transient States –, in dem neue Berechnungsparadigma durch Beobachtung biologischer Systeme gewonnen wurden. Aber neben der trivialen Tankscheibe oder zukunftsträchtigen Forschungsprojekten ist der Analogrechner per se ausgestorben. Dort, wo man die Vorteile des Analogrechners nutzen möchte – zum Beispiel in der Regelungstechnik – wird der analoge Rechenknecht auf einem digitalen Kollegen emuliert.

Trotzdem ist die Geschichte der Analogrechner natürlich außerordentlich reich und man wird der Vielzahl der Maschinen sicher nicht gerecht, wenn man alle Analogrechner in 480 Seiten abhandeln wollte. Immerhin ist der Antikythera-Rechner ein frühes Beispiel und die Entwicklung der Analogrechner verläuft bis in unsere Zeit. Dieser Gefahr hat sich Bernd Ulmann nicht ausgesetzt, trotz des umfassend klingenden Titels. Das Buch beginnt zwar mit mechanischen Analogrechnern, aber dieses Kapitel ist eher eine appetitanregende Vorspeise, denn Ulmanns Liebe gehört eindeutig den elektronischen Analogrechnern, denen dann auch fast der Rest des Buches gewidmet ist.

Mit einem kurzen Ausflug in die Rechenschieber und Planimeter beginnt das Buch. Dann lernen wir mechanische Rechenelemente kennen, wie die Barrel Cam, das Differentialgetriebe und verschiedene Integrierer. Der Kelvinsche Gezeitenrechner darf natürlich auch nicht fehlen, ebenso wie die mechanischen Feuerleitrechner und Differentialanalysatoren. Diese Analysatoren benutzt Ulmann dann auch zum Übergang zu seinem eigentlichen Spezialgebiet, den elektronischen Analogrechnern, in dem er elektromechanische Differentialanalysatoren beschreibt.

Im dritten Kapitel geht es um „Die ersten elektronischen Analogrechner“. Feuerleitrechner werden in allen Details vorgestellt und ab und zu ist es hilfreich, wenn man über ein paar Kenntnisse aus der Elektrotechnik verfügt. Helmut Hoelzers Analogrechner, u.a. zur Steuerung der V2 (A4), werden technisch gewürdigt. In Kapitel 4 werden grundlegende Rechenelemente wie Potentiometer und Operationsverstärker und die aus ihnen aufgebauten Summierer und Integrierer vorgestellt. Neben Funktionsgebern und Multiplizierern werden auch Koordinatenwandler, Totzeitglieder, Rauschgeneratoren und Ausgabegeräte diskutiert. Ganz wichtig bei einem elektronischen Analogrechner ist ein wohldurchdachtes Bedienfeld, das in seiner Bedeutung einer digitalen Benutzeroberfläche entspricht.

Kapitel 5 ist der Programmierung gewidmet. Was bei der Digitalmaschine das Flußdiagramm oder Struktogramm, ist beim Analogrechner der Rechenplan. Der Autor behandelt nicht nur die Programmierung gewöhnlicher, sondern auch die partieller Differentialgleichungen. Zahlreiche Beispiele machen dieses Kapitel besonders interessant. Im sechsten Kapitel folgen Systembeispiele, z.B. die Telefunken RA 1 in konventioneller Röhrentechnik aus den 1950er Jahren. Die daraus sich entwickelnde Typreihe bei Telefunken wird vorgestellt und endet in den 1970er Jahren mit einer Kleinstmaschine der Firma Dornier, der DO-80.

Bereits in den 1950er Jahren traten Fragestellungen auf, die nicht allein mit einem reinen Analogrechner zu bewältigen waren. So waren im X-15 Versuchsflugzeugprojekt in den USA schnelle Umschaltungen zwischen verschiedenen Funktionen notwendig und das konnte eine analoge Maschine nicht mehr leisten. Also entstanden sogenannte Hybridrechner, und so lautet auch die Überschrift des siebten Kapitels, in denen die grundlegenden Ideen dieser Maschinen beschrieben werden. Im achten Kapitel geht es um digitale Differentialanalysatoren, also Maschinen, die Differentialgleichungen numerisch lösen.

Wie bereits angemerkt, werden heute Analogrechner in der Regel auf einem Digitalrechner simuliert. Dieser Technik nimmt sich das neunte Kapitel an und es mag überraschen, dass erste digitale Simulationen bereits Mitte der 1950er Jahre in den USA in Betrieb waren. Mit dem neunten Kapitel ist die Reise durch die analogen Rechner abgeschlossen. Das voluminöse Kapitel 10 enthält zahlreiche Anwendungen der analogen Rechentechnik von der Mathematik über die Gebiete Physik, Chemie, Technische Mechanik und Maschinenbau, Kerntechnik, Biologie und Medizin, Geologie und Meereskunde, Wirtschaftswissenschaften, Energietechnik, Elektronik und Nachrichtentechnik, Mess-, Steuer, und Regelungstechnik, Verfahrenstechnik, Verkehrssysteme, Luftfahrttechnik, Raketentechnik, Raumfahrttechnik, militärische Anwendungen, Ausbildung und Lehre, bis hin zu Kunst, Musik und Unterhaltung. Eine kurze Übersicht über die historischen Analogrechenzentren (ja, auch so etwas gab es!) schließt dieses wunderbare Kapitel ab.

Das Buch schließt mit einem kurzen Kapitel über die Zukunft und Chancen analoger Rechner und beginnt erst einmal mit einer Beschreibung des Niedergangs der Analogrechner seit den 1970er Jahren. Zur Zukunft des Analogrechnens gibt es eine Übersicht über einige Ideen, die sich vielleicht als fruchtbare analoge Ergänzung zu den heute so verbreiteten Digitalrechnern erweisen werden.

Das Buch ist ein Füllhorn nicht nur für Liebhaber der analogen elektronischen Rechentechnik, sondern auch für Wissenschaftshistoriker sehr interessant. Ein 609 Titel umfassendes Literaturverzeichnis zeigt, wie viel Material verarbeitet wurde. Um die Bedeutung eines solchen Werkes in unseren geschichtsvergessenen Zeiten herauszuheben, sei hier das berühmte Zitat wiedergegeben, mit dem das wunderbare Buch von Ulmann endet:

The Heritage of the Past is the Seed that Brings Forth the Harvest of the Future.

Rezension: Thomas Sonar, Braunschweig

Quelle: Springer Verlag, Mathematische Semesterberichte, Oktober 2011, Band 58, Heft 2, S. 245
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Analysis in historischer Entwicklung

hairer

Analysis in historischer Entwicklung

Ernst Hairer, Gerhard Wanner
Springer Verlag 2011, xi+405 Seiten, 29,95 €

ISBN-10: 3642137660
ISBN-13: 978-3642137662

Im Jahr 1999 kam ich aus Hamburg an die TU Braunschweig und übernahm erst einmal die Mathematikvorlesung für die Ingenieurstudenten der Elektrotechnik. Im Wintersemester 2002/2003 konnte ich dann erstmals die Analysis für Mathematiker und Physiker lesen und es ergab sich die (natürliche) Frage nach einem begleitenden Lehrbuch. Kurz zuvor war mir das Buch „Analysis by its history“ der Autoren Gerhard Wanner und Ernst Hairer in die Hände gefallen, die ich zuvor nur als Experten in der Numerik gewöhnlicher Differentialgleichungen wahrgenommen hatte. Das Buch gefiel mir auf Anhieb und ich will verkürzt zusammenfassen, wie ich die Inhalte des Buches verstanden und dann auch den Studierenden vermittelt habe: Im ersten und zweiten Kapitel bin ich (als Dozent und Leser) an der Stelle von Leonhard Euler. Beginnend mit dem Binomialtheorem stehen Potenzreihen für exp(x), sin(x), cos(x), ln(1+x)  im Mittelpunkt des Interesses. Man vertauscht munter Grenzwertprozesse, wird aber stets durch Gegenbeispiele gewarnt, dass unter Umständen mißliche Situationen entstehen können. Mit den Exaktheitsansprüchen des 18. Jahrhunderts erarbeitet man sich so die Analysis Eulers.

Im dritten Kapitel wechselt das Personal. Wir sind jetzt Weierstraß und Cauchy und stellen höhere Anforderungen an die mathematische Exaktheit. Der Vorteil dieser genetischen Methode: Die elementaren Funktionen und die Regeln der Differentialrechnung sind schon da, eingeführt als wir noch wie Euler waren, und nun brauchen wir nur noch exakte und rigorose Beweise für schon bekannte Tatsachen. Mit einer knappen Auswahl aus den Kap. I und II (etwa im Umfang der ersten drei Wochen des Semesters; vollständig kann man die Masse an Material, die Hairer und Wanner liefern, im Rahmen einer Analysis I Vorlesung an einer deutschen Universität nicht an die Tafel bringen) konnte ich das erste Semester mit Kap. 3 beenden in dem sicheren Gefühl, nicht weniger erreicht zu haben als in einer Vorlesung, die auf den Büchern von Forster oder Blatter basiert haben würde.

Kapitel IV behandelt die mehrdimensionale Analysis bis zur Transformationsformel. Hairer und Wanner vermeiden konsequent Indexschlachten (wie etwa beim Satz über implizite Funktionen) durch Beschränkung auf zwei Dimensionen. Dies mag manchem Kollegen unbefriedigend erscheinen – nach meiner Erfahrung ist es für die meisten Hörerinnen und Hörer deutlich verständlicher, mit Funktionen f:(xy)2 zu beginnen, und dann (z. B. in der Hörsaalübung) den entsprechenden Satz für f:nn vorzustellen. Kapitel IV trägt bis zu etwas mehr als der Hälfte des Semesters, denn es endet mit mehrdimensionalen (Riemann)- Gebietsintegralen, der Transformationsformel und ein paar Bemerkungen zu Integralen mit unbeschränktem Integrationsbereich. Das heißt, dass man für die für Physiker so wichtigen Kurven- und Oberflächenintegrale und für die Sätze der Vektoranalysis auf andere Lehrbuchliteratur zurückgreifen muss. Weiterhin vermeidet das Buch das Lebesgue-Integral, was etwas schade ist, da der Begriff der Lebesgueschen Nullmenge durchaus thematisiert wird.

Ich kann für dieses Buch nur eine volle Empfehlung aussprechen. Den Analysis-Kurs auf der Basis der englischsprachigen Version dieses Buches habe ich 2006/2007 und 2010/2011 jeweils mit kleinen Modifikationen (ich habe z. B. das Lebesgue-Integral in einer Dimension behandelt) wiederholt und fast ausschließlich gute Erfahrungen gemacht. Die Studierenden fühlten sich beim Stand ihres Wissens „abgeholt“ und die Lernkurve war längst nicht so steil wie in traditionellen Kursen. Die Vorlesungen 2002/2003 und 2006/2007 habe ich mit einem eigenen Fragebogen „evaluiert“ und danach gefragt, wie der genetische Zugang zur Analysis bei den Studierenden angekommen war. Fast 90 % der Hörerinnen und Hörer waren mit diesem Zugang zufrieden oder sogar sehr zufrieden.

Leider muss ich aber noch ein paar Worte zu der Bindung des Buches sagen. Offenbar spart auch der Springer-Verlag an allen Ecken und Enden, aber nun scheint eine untere Qualitätsgrenze unterschritten worden zu sein (vergl. meine Bemerkungen zum Buch von Gilbert Strang). Die Bindung ist eine simple Klebung, die aber so stramm ist, dass sie beim Öffnen des Buches kaum nachgibt. Will man, dass das Buch auf dem Schreibtisch geöffnet liegen bleibt, dann spaltet man den Buchblock sofort!

Das Buch kostet etwas weniger als 30 €. Für dieses Geld können die Leser eines so großartigen Buches meiner Meinung nach eine dauerhaftere Bindung verlangen.

Quelle: Springer Verlag, Mathematische Semesterberichte, März 2012, Band 59, Heft 1
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Rezension: Thomas Sonar (Braunschweig)

Der Kodex des Archimedes

kodex des archimedes

Der Kodex des Archimedes
Das berühmteste Palimpsest der Welt wird entschlüsselt

Reviel Netz, William Noel
C.H. Beck, 2007, 303 Seiten, 19,90 €

ISBN: 3-406-56336-8

Am 29. Oktober 1998 wurde bei dem bekannten Auktionshaus Christie's in New York ein mittelalterliches Gebetsbuch für 2,2 Millionen Dollar versteigert. Dass es sich dabei nicht um irgendein altes Buch handelte, wurde bereits dadurch klar, dass die Versteigerung als unabhängige Mini-Auktion zwischen der Vormittags- und der Nachmittagssitzung der eigentlichen Versteigerung stattfand, bei welcher immerhin so bedeutende Werke, wie ein signiertes Exemplar der Doktorarbeit Marie Curies, eine Erstausgabe von Darwins Über die Entstehung der Arten oder auch eine Erstausgabe von James Clerk Maxwells Abhandlung über die Elektrizität angeboten wurden.
Bei besagtem Gebetsbuch handelte es sich um ein Palimpsest, welches unter den Gebetstexten Abhandlungen des großen antiken Gelehrten und Mathematikers Archimedes enthielt. Es handelt sich dabei, neben der bekannten Abhandlung Über schwimmende Körper, auch um die einzigen vorhandenen Versionen von Teilen der Methodenlehre und des Stomachions. Wie sich später noch herausstellen sollte, befinden sich auch Texte von Hyperides und Teile des bedeutendsten, als verschollen geglaubten, Aristoteles-Kommentar von Alexander von Aphrodisias in dem Palimpsest.
Es muss an dieser Stelle dazu gesagt werden, dass das Palimpsest nicht vollkommen unbekannt war, sondern bereits im Jahr 1906 von dem berühmten Gelehrten Ludwig Heiberg in Konstantinopel untersucht worden war. Hierbei handelt es sich jedoch ausschließlich um Texte, welche Archimedes zuzuschreiben sind, da Heiberg die anderen Texte nicht zuordnen konnte. Erst danach, im Zuge zweier Weltkriege, verschwand das Palimpsest in privaten Händen und wurde im Laufe der Zeit von den Wissenschaftlern bereits als unwiderbringlich verloren eingeschätzt. Da jedoch Heiberg in den Jahren 1910 - 1915 eine Ausgabe der Werke des Archimedes veröffentlichte, in welche er seine Kenntnisse des Palimpsests einfließen ließ, war nicht wirklich zu erwarten, dass nach dem Wiederauftauchen auch neue, bisher unbekannte Texte, zutage gefördert werden könnten.
Auf den ersten Blick erschwerend kam hinzu, dass das Palimpsest auch dieses Mal von einer Privatperson ersteigert wurde, was häufig dazu führt, dass Dokumente in irgendwelchen Privatsammlungen verschwinden, wie es knapp einhundert Jahre zuvor bereits passiert war. In diesem Fall trat glücklicherweise das genaue Gegenteil ein. Der neue Besitzer, der seinen Namen bewusst im Dunkeln lässt, stellte nicht nur das Palimpsest selbst der Forschung zur Verfügung, er finanzierte auch das gesamte Unternehmen und wendete dafür bis zum heutigen Tag einen Betrag auf, welcher dem Kaufpreis wohl in nichts nachsteht.
Durch diese Großzügigkeit kam es schließlich dazu, dass William Noel, Handschriftenkurator des Walters Art Museum in Baltimore, mit der Aufgabe betraut wurde, ein Expertenteam zusammenzustellen, mit welchem dem Palimpsest die letzten Geheimnisse entrissen werden sollten. Dafür benötigte er neben absoluten Experten der Behandlung und Konservierung alter Bücher und für antike Wissenschaften auch solche Experten der Daten- und Informationstechnologie, die mit Hilfe neuester bildgebender Verfahren die nicht lesbaren Texte, die zum Teil nicht nur abgekratzt und neu mit Gebetstexten überschrieben, sondern zusätzlich auch auf manchen Seiten mit religiösen Bildern übermalt waren, wieder lesbar machen sollten. Dabei wurden nicht nur aktuellste Erkenntnisse angewendet, sondern es wurden auch völlig neue Verfahren entwickelt.
Das Buch schildert diesen Prozess, welcher neben sensationellen Funden auch etliche Rückschläge und Frustrationen beinhaltete. Es erklärt, welche Probleme bei der Bearbeitung auftraten und zeigt, mit welcher Hingabe und welchem Einsatz die Beteiligten, die an dem Projekt arbeiteten, jeweils versuchten diese Probleme zu lösen und wie sie schließlich mit phantastischen Ergebnissen belohnt wurden. Parallel dazu führt Reviel Netz, Professor für antike Wissenschaft an der Stanford University und anerkannter Archimedes-Experte, die Leser in das Leben und das Werk von Archimedes ein und erklärt, warum die zum Teil tatsächlich vollkommen neuen Informationen, die zutage gefördert werden konnten, wissenschaftlich von enormer Bedeutung sind. Dabei handelt es sich vornehmlich um die Tatsache, dass Archimedes bereits mit dem aktual Unendlichen gearbeitet hat, was den antiken griechischen Mathematikern bisher abgesprochen wurde, sowie um die Tatsache, dass Archimedes bereits kombinatorische Berechnungen getätigt haben muss. Die Kombinatorik ist ein Zweig der Mathematik, dessen Entstehung bisher ins 16. oder 17. Jahrhundert datiert wurde, als berühmte Gelehrte wie Blaise Pascal diese Methoden für ihre Überlegungen zur Begründung der modernen Wahrscheinlichkeitstheorie verwendet haben.
Es handelt sich also wirklich um bedeutende neue Informationen für die Geschichte der Mathematik. Trotz allem bleibt ein gewisses Unverständnis für die Tatsache, dass ein wirklich faszinierendes Buch durch ein viel zu reißerisches Äußeres und der Ankündigung, es würde unser wissenschaftliches Weltbild revolutionieren, ein wenig den Eindruck der Seriosität verliert. Entscheidet man sich trotzdem zum Kauf, so wird man jedoch mit der spannend erzählten Schilderung eines faszinierenden Projekts belohnt, zu welchem es auch eine sehr gelungene und informationsreiche, jedoch nur auf englisch vorliegende, Website www.archimedespalimpsest.org gibt.

(Rezension: Jörg Beyer)

 

Der Weg der Wissenschaft im Labyrinth der Kulturen

der weg der wissenschaft

Der Weg der Wissenschaft im Labyrinth der Kulturen

Daniela Wuensch
Termessos (2008), 139 Seiten, 19,95 €

ISBN: 978-3-938016-10-7

Dieses kleinformatige Büchlein habe ich an einem regnerischen Nachmittag mit wachsender Begeisterung verschlungen. Worum geht es? Die Wissenschaftshistorikerin Wuensch hat am 26. Oktober 2007 aus Anlass eines Vortrages an der Technischen Universität Berlin ein ungewöhnliches Thema aufgegriffen, nämlich die Beantwortung von sieben für die Wissenschaftsgeschichte essentielle Fragen. Diese Fragen sind: „Warum entwickelten sich erfolgreiche exakte Wissenschaften nur in der abendländischen Kultur?“, „Was ist das Spezifische an der abendländischen Wissenschaft“, „Warum gelang es den antiken griechischen Wissenschaftlern nicht, das Problem der Bewegung zu lösen?“, „Welcher ist der Zusammenhang zwischen Mathematik und Physik in der Entwicklung der exakten Wissenschaften?“, „Gibt es eine Verbindung zwischen der Physik und der Philosophie, die auf der internen, inhaltlichen Ebene der Entwicklung der Physik erkennbar ist?“, „Welche Rolle spielt die Aufstellung einer neuen Theorie der wissenschaftlichen Revolutionen?“ und „Welche ist die Zukunft der abendländischen Wissenschaft?“. Da im Rahmen eines Vortrages die Zeit nicht reicht, um auf alle diese Fragen eingehen zu können, liegt mit diesem Buch eine Ausarbeitung des Vortrags vor.

Frau Wuensch sieht mit großer Sorge, dass die Wissenschaftsgeschichte als universitäres Fach in unserem Land auf dem Rückzug ist und ich teile diese Sorge zunehmend. Professuren für Wissenschaftsgeschichte wurden in der vergangenen Dekade gestrichen und selbst die Universität Hamburg scheut sich zur Zeit nicht, das renommierte Institut für die Geschichte der Naturwissenschaften und Mathematik (IGN) durch gezielte Stellenstreichungen zu zerschlagen. In den USA und in neuerer Zeit auch in Großbritannien geht man einen anderen Weg. Hier wird die Wissenschaftsgeschichte als unverzichtbares Fach an zahlreichen Universitäten gefördert und wissenschaftshistorische Vorlesugen gehören als Pflichtveranstaltungen zu der Ausbildung von Naturwissenschaftlern, Ingenieuren und Mathematikern dazu.Warum sind wir als Kultur- und Wissenschaftsnation ersten Ranges so blind gegen über der Wissenschaftsgeschichte? Dieser Frage detailliert nachzugehen hat sich Wuensch im vorliegenden Buch zur Aufgabe gemacht. Wuensch fordert zu Beginn mit Fug und Recht eine neue Kulturtheorie ein, in der auch die exakten Wissenschaften eine ihnen angemessene Rolle spielen. Die Autorin führt als rühmliche Ausnahmen die Kulturtheoretiker Oswald Spengler und Max Weber an, aber deren Ansätze greifen noch zu kurz, denn eine adäquate Kulturtheorie hat auch die Beziehungen zwischen den Natur- und den Geisteswissenschaften zu klären.

Der Erfolg der Physik in der abendländischen Gesellschaft hängt ganz wesentlich an der Mathematik, aber nicht nur in dem Sinne, dass man Mathematik zur Beschreibung der physikalischen Vorgänge verwendet. Wuensch arbeitet sehr schön heraus, dass es um die Mathematik als erkenntnistheoretisches Werkeug für die Naturwissenschaften geht. Die Beantwortung der für die Physik zentralen Frage: „Was ist Bewegung?“ wurde erst möglich, als Galileo Galilei in einer Verbindung von Platonischem und Aristotelischem Gedankengut die Mathematik als Mittel der physikalischen Erkenntnis erkannte. In diesem Sinne charakterisiert Wuensch die Biologie als eine vor-galileische, ja, sogar vor-archimedische Wissenschaft, denn sie hat ihre sie als mathematisierte Wissenschaft konstituierende Frage „Was ist Leben?“ noch nicht beantwortet und befindet sich auf einer empirischen Stufe. Die Verwendung von Mathematik oder mathematischer Sprache zur Aufstellung von Modellen oder zur Simulation reicht nicht, um von einer mathematisierten Wissenschaft zu sprechen.

Ich will an dieser Stelle nun nicht die Inhalte dieses Büchleins vorwegnehmen, sondern Sie auffordern, selbst zu lesen und sich mit den Thesen der Autorin auseinander zu setzen. Es lohnt sich ungemein. Der Text des Berliner Vortrages ist dem Buch in blauem Druck beigegeben, wie auch eine zusammenfassende Besprechung der wichtigsten Fragen, die nach dem Vortrag im Berliner Auditorium auftraten. Beigegeben ist ebenfalls eine Bibliographie, Kurzbiographien der im Buch erwähnten Personen und ein Register. Ich halte dieses Buch für einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Wissenschaftsgeschichte und ihrer Probleme in unserer Gesellschaft und wünsche ihm eine möglichst große Verbreitung. Der Autorin, die bereits anderweitig gezeigt hat, dass sie eine hervorragende Wissenschaftshistorikerin ist1, ist für dieses erhellende Buch nur zu danken. Der Verlag hat das Buch in gewohnter Weise liebevoll ausgestattet, so dass es sich ganz wunderbar als Geschenk eignet. Gerade die Kreise, die heute Stellen für Wissenschaftsgeschichte blauäugig und rücksichtslos streichen und meinen, eine exakte Wissenschaft habe nichts mit ihrer Geschichte zu tun, wären mit diesem Buch hervorragend bedient. Aber werden sie es lesen?

Rezension: Thomas Sonar, Braunschweig

1Man lese die Rezensionen zu anderen Büchern der Autorin, z.B. in: Mathematische Semesterberichte 54 (2007), in: Physik in unserer Zeit 38 (5/2007), in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 28 Nr .4 (2005).

Quelle: Springer Verlag, Mathematische Semesterberichte, September 2008, Band 55, Heft 2, S. 253
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags