Leseecke

Höhenrausch

höhenrausch

Höhenrausch
Die Mathematik des XX. Jahrhunderts in zwanzig Gehirnen

Dietmar Dath
Eichborn Verlag, Die Andere Bibliothek Band 224, 27,50 Euro
ISBN: 382184535X

Taschenbuch: Rowohlt Tb, 2005, 9,90 EURO
ISBN: 3499619466

Hans Magnus Enzensberger ist der Autor des hervorragenden Essays "Zugbrücke außer Betrieb" und damit ein Verfechter der Notwendigkeit eines Einverständnisses zwischen den so genannten Geisteswissenschaften und der Mathematik. Enzensberger ist auch der Herausgeber der Buchreihe "Die Andere Bibliothek", die seit 18 Jahren unentdeckte oder wieder vergessene Perlen der Literatur in schöner Form (wieder-)veröffentlicht. Der August-Band der "Anderen Bibliothek", verfasst von FAZ-Feuilletonredakteur Dieter Dath, hätte vom Konzept her das Zeug, den Graben der Enzensbergerschen Zugbrücke zu überbrücken. Leider muss der Versuch als gescheitert angesehen werden. Dath bietet zwanzig Stücke zu Mathematikern (und Mathematikerinnen) des 20. Jahrhunderts an. Genauer gesagt (und daran fehlt es ihm leider zu oft) 19 Stücke zu realen Personen, dazu eine fiktive Biographie einer Kategorientheoretikerin vom Geburtsjahrgang 1985. Die Form der Stücke wechselt in gewollter Orginalität: Dialoge mit Referenz zu Shakespeare (Cantor), Gespenstergeschichten (Gödel), obskure Fantasy (Mandelbrot) aber auch "coole" Gesprächsstücke wie zum Beispiel in der alten Szenezeitschrift "Tempo" (zu Gregory Chaitin). All' dies ist von wechselnder Qualität, bei den guten Abschnitten ist man häufig an Stanislaw Lem erinnert. Was das Projekt scheitern lässt, ist die vollkommen fehlende mathematische Exaktheit. Viele Verweise auf mathematische Sachverhalte sind grob falsch. Bei den laut Klappentext "den mutigen Leser ergötzenden" formelhaften Einschüben ist kein Einziger wirklich richtig - so kann Mathematik nicht "unters Volk" gebracht werden, denn so schlampig formuliert ist es keine Mathematik mehr!

(Rezension: Ulrich Porsch)

Das Poincaré Abenteuer

poincareabenteuer

Das Poincaré Abenteuer
Eine mathematisches Welträtsel wird gelöst

George S. Szpiro
Piper, 2007, 347 Seiten, 19,90 €

ISBN: 3-492-05130-8

Immer wieder die Poincaré-Vermutung, immer wieder Perelman. Kein anderes Thema der aktuellen mathematischen Forschung hat es in den letzten Jahren auch nur annähernd auf eine ähnlich hohe Anzahl an Publikationen für die breite Öffentlichkeit gebracht wie die Lösung der über hundert Jahre alten Poincaré-Vermutung und der Hauptverantwortliche Grigorij Perelman.
Inzwischen kennt wohl jeder halbwegs Interessierte die Eckdaten: Perelman löste die Vermutung weitestgehend zurückgezogen im Alleingang. Natürlich baute er auf vielen Vorarbeiten auf, insbesondere auf denen Richard Hamiltons. Den entschiedenden letzten Schritt jedoch, an welchem Hamilton sich die Zähne ausgebissen hatte, löste er allein. Er stellte seine Beiträge (drei Aufsätze von insgesamt 68 Seiten) frei verfügbar ins Internet, lehnte die Fields-Medaille, einen der wichtigsten mathematischen Preise, ab und scheint auch kein gesteigertes Interesse an dem Preisgeld von einer Million US-Dollar zu haben.
Dieses Zusammenspiel aus wissenschaftlicher Bedeutung, hohem Preisgeld und dem für die Öffentlichkeit leicht als im besten Fall "verschroben", im radikaleren als "verrückt" darstellbaren Charakter Perelman, sorgten spätestens seit seiner Ablehnung der Fields-Medallie auf dem Internationalen Mathematikerkongress 2006 in Madrid für eine wahre Flut an Medienberichten. Neben einer Vielzahl an Pressemitteilungen lag auf Deutsch bisher das im April 2007 erschienene Buch "Poincarés Vermutung - Die Geschichte eines mathematischen Abenteuers" von Donal O'Shea vor.

Jetzt kommt also mit "Das Poincaré-Abenteuer" von George Szpiro ein weiteres hinzu.
Um es gleich vorwegzunehmen, es ist keineswegs eine überflüssige Publikation, ist der Ansatz doch ein deutlich anderer als der O'Sheas. O'Shea konzentriert sich stark auf die genaue Entwicklung der mathematischen Konzepte, welche überhaupt zur Formulierung der Poincaré-Vermutung führten und für diese von Nöten waren. Er beschreibt ausführlich die Geschichte der menschlichen Wahrnehmung des Raumes, beginnend mit der Antike. Poincaré selbst und seine explizite Vermutung kommen bei ihm erst etwa in der Mitte des Buches vor.
Auch Szpiro gibt zu Beginn einige Erklärungen ab, und auch er schildert durchweg die mathematischen Konzepte und Details, doch ist seine Darstellung ganz klar an den Lösungsversuchen der Vermutung orientiert. Das bedeutet insbesondere, dass sein Hauptaugenmerk auf der Zeit seit der Formulierung durch Poincaré im Jahr 1904 liegt.
So gelangen wir bei der Lektüre von einem Lösungsansatz zum nächsten, einer mehr, ein anderer weniger vielversprechend, und erfahren dabei jeweils auch einiges über die beteiligten Personen. Letztendlich handelt es sich damit auch um ein "Who is Who" der Topologie, weshalb das Fehlen eines Personenregisters doch deutlich negativ auffällt.

Das Buch fesselt den Leser von Beginn an, und durch die gewählte chronologische Darstellungsform der Lösungsversuche bekommt man ein wenig das Gefühl, direkt den langen hundertjährigen Lösungsweg mitzuerleben.
Etwas unglücklich ist, dass die mathematischen Erläuterungen etwas unverhältnismäßig ausfallen. So werden simple Dinge, welche auch Nichtmathematikern leicht verständlich sein sollten, in großer Ausführlichkeit erklärt, wohingegen kompliziertere mathematische Konzepte kaum oder durch teilweise eher verwirrende Vergleiche erläutert werden.
Szpiro ist insgesamt jedoch ein äußerst ergiebiges Buch für Mathematiker und Nichtmathematiker gelungen, und in den Abschlusskapiteln erfährt der Leser auch, dass es selbst unter den oft so weltfremd geschilderten Mathematikern die gleichen Rangeleien und Eitelkeiten um Annerkennung gibt wie wohl überall. Man beginnt, einen Aussteiger und Außenseiter wie Grigorij Perelman zu verstehen und auch ein wenig, unabhängig von seiner mathematischen Genialität, zu bewundern, dafür, dass er es geschafft hat, sich aus dieser wenig idealistischen Maschinerie Öffentlichkeit zurückzuziehen.

(Rezension: Joerg Beyer)

Der Mann, der die Zahlen liebte

der mann der die zahlen liebte

Der Mann, der die Zahlen liebte
Die erstaunliche Geschichte des Paul Erdös und die Suche nach der Schönheit in der Mathematik

Paul Hoffmann
Econ Taschenbuch Verlag, 2000, 8,45 €

ISBN: 3548750583

Dieses unterhaltsame, leicht zu lesende Buch beschreibt Leben und Werk von Paul Erdös. Manche könnte es in dem Vorurteil bestätigen, dass Mathematiker keine ,,normalen'' Menschen sind, denn Paul Erdös hatte in der größten Zeit seines Lebens weder Zuhause, noch Frau oder Kind, noch Besitztum. Erdös reiste durch die Welt mit zwei Koffern, von Tagung zu Tagung, von einem gastlichen Mathematiker zum nächsten. Aber das Buch macht auch sehr deutlich, dass heute viele Mathematiker im Team arbeiten, diskutieren und sich gegenseitig anregen. Es werden auch die Lebenswege anderer Mathematiker gestreift, von historischen Berühmtheiten wie Pythagoras bis zu lebenden Mathematikern wie R. L. Graham. Es werden viele Anekdoten erzählt, und natürlich auch einige mathematische Ideen beschrieben. Paul Hoffmann ist kein Mathematiker (und der Übersetzer wohl auch nicht), aber die meisten mathematischen Sachverhalte sind leicht verständlich und richtig beschrieben.
Wer noch mehr über Erdös erfahren will, kann sich auch das Video "N is a number" anschauen (Springer Verlag 2000).

(Rezension: Silke Göbel)

Der Rechenmeister

der rechenmeister

Der Rechenmeister

Dieter Jörgensen
Aufbau-Verlag Berlin, 2004, 400 Seiten, 6 EURO

ISBN: 3746620147

Es geht um ein facettenreiches Buch. Einerseits ist es ein historischer Roman, in dem mit Erfolg versucht wird, das Venedig des 16. Jahrhunderts lebendig werden zu lassen. Völlig zu Recht finden sich im Klappentext Worte wie "farbenprächtig", "opulent erzählt" usw. Dieser Anteil rechtfertigt eine Empfehlung als Urlaubslektüre. (Es geht allerdings bei der Schilderung zwischenmenschlicher Aktivitäten manchmal recht detailliert zu, empfindsame Leserinnen und Leser seien hiermit vorgewarnt.)
Wichtiger ist hier jedoch - und deswegen gibt es auch eine Rezension in www.mathematik.de - der mathematische Anteil. Die Hauptperson ist nämlich Niccolo Tartaglia, Rechenmeister in Venedig. Und so ganz nebenbei werden wir als Leser erstens in die Mathematik des 16. Jahrhunderts eingeführt (wie weit war man mit dem Gleichungslösen? wo stand die Physik? welche Rolle spielte Euklid? wie verdiente man damals sein Brot als Mathematiker?), und zweitens hören wir einiges von der berühmten Tartaglia-Cardano-Kontroverse, wer von beiden denn nun als erster die Gleichung dritten Grades lösen konnte.
Der Rezensent gesteht, dass er nicht nachgeprüft hat, ob die historischen Details stimmen, und er gibt auch zu, dass er nicht alle Einzelheiten der geometrischen Erläuterungen Tartaglias verstanden hat. Trotzdem empfiehlt er dieses Buch allen, die sich einige Urlaubstage lang in eine andere Welt versetzen lassen wollen und dabei noch so ganz nebenbei eine aufregende Epoche europäischer Mathematikgeschichte kennen lernen möchten.

(Rezension: Ehrhard Behrends)

Der das Unendliche kannte

der das unendliche

Der das Unendliche kannte
Das Leben des genialen Mathematikers Srinivasa Ramanujan

Robert Kanigel
Vieweg Verlag, 1995, 358 Seiten, 32 €

ISBN: 352816509X

In der Mathematikgeschichte finden sich immer wieder Lebensläufe, die eine besondere Dramatik aufweisen, der von Ramanujan gehört ganz sicher dazu.
Die Fakten: Er wurde 1887 im armen Süden Indiens geboren, als Teenager brachte er sich selbständig Mathemaik bei (indem er eine Formelsammlung durcharbeitete, die er durch Zufall in die Hände bekam). Er entdeckte unglaublich schwierige Ergebnisse, später nahm er brieflich Kontakt mit europäischen Mathematikern auf. Er ging dann für einige Jahre nach Cambridge, wo es eine sehr produktive Zusammenarbeit mit den Mathematikern Hardy und Littlewood gab.
Nach dem ersten Weltkrieg kehrte er schwerkrank nach Indien zurück, wo er schon 1918 hochgeehrt starb.

Viele Aspekte dieses Lebens sind bemerkenswert. So etwa seine Fähigkeit, einen ,,direkten Weg'' zu den mathematischen Wahrheiten zu finden, die ihm oft blitzartig aufgingen, oder das komplizierte Aufeinandertreffen westlicher und östlicher Lebensauffassungen. Darüberhinaus ist Raum für Spekulationen: Was hätte aus ihm werden können, wenn er von Anfang an eine seinen Fähigkeiten angemessene mathematische Ausbildung bekommen hätte? Oder wenn man seine Krankheit - wahrscheinlich Tuberkolose - damals schon hätte heilen können?

Das vorliegende Buch erzählt Ramanujans Geschichte liebevoll und detailgetreu. Man lernt nebenbei eine Menge über indische Kultur, Mathematiker des frühen 20. Jahrhunderts, die Zeit vor und während des ersten Weltkriegs, das europäische Universitätssystem und vieles mehr.
Die Übersetzung ins Deutsche ist sprachlich und mathematisch einwandfrei. Das ist für Bücher dieser Art nicht selbstverständlich, der Verlag ist zu beglückwünschen, dass er den Mathematiker Beutelspacher für diese Aufgabe gewinnen konnte.

Kurz: Es liegt eine rundum empfehlenswerte Biografie der vielschichtigen Mathematiker-Persönlichkeit Ramanujan vor, die allen Fachleuten und anderen an Mathematik Interessierten nachdrücklich empfohlen werden kann.

(Rezension: Ehrhard Behrends)