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Die Macht der Symmetrie

symmetrie

Die Macht der Symmetrie
Warum Schönheit Wahrheit ist

Ian Stewart
Spektrum Akademischer Verlag, 2008, 304 Seiten, 29,95 €

ISBN: 3-827-42019-9

Es folgen die Rezensionen von: Joerg Beyer und Kornelia Fischer


Das Konzept der Symmetrie ist ein fundamentaler Baustein heutiger Naturwissenschaften. Sowohl die Relativitätstheorie als auch die Quantenmechanik, das heißt das ganz Große sowie das ganz Kleine in der Welt, beruhen auf Symmetrieprinzipien.
Mathematisch beschreibt Symmetrie eine Transformation eines Objekts, welches nach der Transformation genauso aussieht wie vorher. Stellt man sich beispielsweise einen Kreis vor, so ist jede beliebige Drehung eine Symmetrie. Hat man jedoch ein regelmäßiges Fünfeck, so handelt es sich bei einer Drehung nur dann um eine Symmetrie, wenn diese eine Drehung um ein Vielfaches von 72° ist.
Die historische Entwicklung der Beschreibung von Symmetrien stellt Ian Stewart in diesem Buch dar, beginnend im zehnten vorchristlichen Jahrhundert, bis in die Gegenwart. Dass dabei die Geometrie, wie es in den obigen Beispielen des Kreises und des regelmäßigen Fünfecks der Fall ist, nicht im Mittelpunkt der Darstellungen steht, hat den Grund, dass sich das Konzept der Symmetrie mathematisch eher aus algebraischen Untersuchungen denn aus geometrischen Beobachtungen entwickelte. Der Hauptgesichtspunkt war hier die Frage, ob man Gleichungen beliebigen Grades durch algebraische Ausdrücke lösen kann, wie uns dies für quadratische Gleichungen aus der Schule durch die p-q-Formel allgemein bekannt ist.
Der norwegische Mathematiker Nils Henrik Abel zeigt im 19. Jahrhundert dann, dass sich solche Gleichungen fünften und höheren Grades nicht allgemein durch algebraische Ausdrücke lösen lassen. Sein Beweis war jedoch sehr indirekt und kompliziert, so dass ein entscheidender Schritt zur Weiterentwicklung der Theorie von Evariste Galois vollbracht wurde. Sein Beweis fußte dabei auf bestimmten Symmetrien, die für eine Gleichung gelten müssen, um eine algebraische Lösung zu besitzen, welche im Allgemeinen jedoch für diese Gleichungen ab dem Grad fünf nicht erfüllt sind. Dieses Ergebnis, welches die gesamte Mathematik von da an maßgeblich beeinflusste, stellt somit einen gewissen Höhepunkt der Entwicklung des Symmetriekonzepts in der Mathematik dar, und auf dieses Ergebnis läuft auch der erste Teil von Stewarts Buch hinaus. Galois selbst ist auch deswegen so bekannt, da er bereits mit 20 Jahren bei einem Duell um eine Frau sein Leben ließ.
Auf dem Weg zu Galois' Ergebnissen erfährt man vieles über geschichtliche Entwicklungen in der Mathematik. So wird das 60-er System, welches im antiken Babylon verwendet wurde erklärt, ebenso wie Euklids herausragende Ergebnisse. Bereits im 3. Jahrhundert v. Chr. gelang es ihm, einen beliebigen Winkel nur unter Zuhilfenahme von Zirkel und Lineal zu teilen oder nachzuweisen, dass es genau fünf platonische Körper (LINK) gibt: Tetraeder, Hexaeder (Würfel), Oktaeder, Dodekaeder und Ikosaeder. Auch dass der Begriff Algebra sich aus dem Buchtitel eines arabischen Mathematikbuches des Astronomen Muhammad ibn Musa al-Khwarizmi ableitet (aus dessen Namen sich im übrigen auch der Begriff Algorithmus gebildet hat) und die Methode des Mathematikers Omar Khayyam (dieser wiederum ist eigentlich noch weitaus berühmter für seine Lyrik), Kegelschnitte zur Lösung kubischer Gleichungen zu verwenden, wird ausführlich geschildert. Im Anschluss wird die Entwicklung der Algebra und des Symmetriekonzepts weiterverfolgt, über die Einführung des Wurzelbegriffs und die Betrachtung von Permutationen, bis eben zu den bahnbrechenden Erkenntnissen von Evariste Galois.
Neben den Darstellungen der mathematischen Verfahren und Verbesserungen gelingt es Ian Stewart auch, durch die Schilderung der Personen und deren Biographien, ein lebendiges und spannendes Bild der jeweiligen Zeit zu zeichnen. So entsteht an keiner Stelle der Lektüre Langeweile, beispielsweise durch trockene Aufzählungen von Fakten, was dieses Buch auch dem Leser, der über wenig mathematische Kenntnisse verfügt, zu einem Genuss macht.
Nachdem im 19. Jahrhundert mittels der Theorien, welche auf den Arbeiten Galois' basieren, unter anderem gezeigt werden konnte, dass die Quadratur des Kreises und andere bekannte Probleme, wie die Dreiteilung des Winkels, mittels Zirkel und Lineal nicht möglich ist (diese Beweise waren dem oben angesprochenen Euklid durch seinen damaligen Kenntnisstand noch nicht möglich), widmet sich Stewart in den abschließenden Kapiteln auch der Bedeutung der Symmetrie in der modernen Physik, wo sie, wie bereits angedeutet, ein unverzichtbares Konzepts für das heutige Verständnis des Aufbaus des Universums darstellt. Weder Einsteins Relativitätstheorie noch die moderne Quantenmechanik wären ohne diese Konzepte zu formulieren gewesen.

(Rezension: Joerg Beyer)



Ian Stewart hat sich in „Die Macht der Symmetrie“ nicht etwa eines kleinen Teilgebietes der Mathematik angenommen. Letzlich zeigt sich, dass Mathematik, wenn sie Bestand haben soll, von Symmetrie durchwoben sein muss. Symmetrie ist also immer der Schlüssel gewesen, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen.

Dieses unterhaltsam und außerordentlich anschaulich geschriebene Buch ist nicht nur eines über Symmetrie, es ist gleichermaßen eine Reise durch die Geschichte der Mathematik. Und so beginnt die Geschichte der Symmetrie für Stewart im alten Babylon, als die Menschen sich geometrisch dem Phänomen der Quadratwurzeln näherten, und führt später ins alte Griechenland und nach Persien.

Das Problem der Quadratwurzeln führt auf natürliche Weise auf das Lösen Gleichungen höherer Ordnung und so versuchten sich über die Jahrhunderte viele Mathematiker – mögen sie arm, reich, glücklich, unglücklich, scheu oder prahlend gewesen sei – an des Rätsels Lösung.

Zur Zeit der Renaissance geschah ein großer Durchbruch, was die allgemeine Lösung von kubischen und quartischen Gleichungen anbelangt. Und doch: gerne wurden auch damals schon Lösungen geraubt und für die eigenen ausgegeben, was zeigt, dass das Gebiet der Autoren- und Urheberrechte schon immer im Fokus gestanden hat.

So langsam kristallisierte sich heraus, dass man sich der ganzen Angelegenheit abstrakter nähern sollte. Ruffini war der erste, der sich mit Permutationen beschäftigte und darin ein Schlüsselprinzip erkannte. Abel ging Ruffinis Weg weiter und schloss verbliebene Lücken. Galois war es endlich, der das Problem des Gleichunglösens auf eine neue Ebene hob. Er arbeitete mit Permutationsgruppen. So bewertet Stewart seine Leistung wie folgt: „Die Mathematik begann Strukturen zu untersuchen. Aus der Beschäftigung mit Dingen wurde eine Beschäftigung mit Prozessen.“

Im fortgeschrittenen Teil des Buches begegnet der Leser dann Hamilton, der erkannte, dass in unterschiedlichen physikalischen Kontexten doch dieselbe Mathematik zu Werke ist. Er hob die Mathematik von der anschaulichen auf eine abstrakte Ebene und entwarf geeignete Darstellungsmechanismen. Zudem fand er die Quaternionen, deren Bedeutung erst viel später erschlossen wurde und womöglich noch aussteht, wer weiß. Der Leser macht Bekanntschaft mit Lie und Killing, die den mächtigen Begriff der Lie-Algebra prägten. Natürlich darf auch Einstein nicht vergessen werden wie noch viele weitere namhafte Größen der modernen Physik. Und schließlich öffnet sich die Welt der Quanten. Alles wird unscharf und folgt doch Gesetzmäßigkeiten.

Einen Satz aus dem Buch kann man den Forschern der Zukunft mit auf den Weg geben: „Der Schlüssel zur Struktur der Materie auf sehr kleinen Skalen ist die Symmetrie.“

Stewart spannt den Bogen weit in seinem Buch: zum einen liefert er eine fundiert recherchierte Geschichte der Mathematik, die zu Ende mit den historischen Größen der theoretischen Physik in eine Geschichte der mathematischen Physik übergeht. Zum anderen erreicht er gerade den nichtstudierten Leser durch die einfachen und doch treffenden Abbildungen, welche Symmetrie, dieses abstrakte Unfassbare, wieder greifbar machen. Manchmal rudert er etwas weit hinaus, wenn der Leser den Eindruck gewinnt, die Biografien von mehreren Dutzend Mathematikern gleichzeitig vorzufinden und auch noch einen Kurs in alter Geschichte gebucht zu haben.

Zum Schluss ist es aber eine runde Sache und der Leser muss zugeben, dass Schönheit Wahrheit ist, so nämlich der Untertitel dieses vielfältigen Buches.

Rezension: Kornelia Fischer (Kassel)

Die Poesie der Primzahlen

die poesie der primzahlen

Die Poesie der Primzahlen

Daniel Tammet
Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (24. Februar 2014), 19,90 €

ISBN-10: 3446438777
ISBN-13: 978-3446438774

Daniel Tammet, der Autor dieses Buchs, gilt als „Inselbegabter“: Während er nach eigenen Angaben mit elementaren Dingen wie dem Einprägen von Gesichtern Schwierigkeiten hat, vollbringt er in anderen, speziellen Bereichen erstaunliche Leistungen. Innerhalb von nur einer Woche lernte er zum Beispiel so gut isländisch, dass er in dieser als recht kompliziert geltenden Sprache ein Fernsehinterview geben konnte. Auch Rechnungen mit großen Zahlen oder vielen Nachkommastellen kann er verblüffend schnell im Kopf lösen.

Bekannt geworden ist er durch seine bisherigen Bücher (z.B. „Elf ist freundlich und Fünf ist laut“), Fernsehinterviews und nicht zuletzt durch seinen bis heute ungebrochenen Rekord im Auswendiglernen von Nachkommstellen der Zahl π.

Mit diesen Fähigkeiten weckt Tammet sowohl das Interesse von Wissenschaftlern als auch das der Öffentlichkeit. Was geht im Kopf eines Menschen vor, der solche Leistungen vollbringt?

Im Gegensatz zu anderen Inselbegabten kann Tammet sich sehr gut über die Vorgänge in seinem Kopf ausdrücken und so auch der Öffentlichkeit Einblicke in seine Gedankenwelt gewähren. Die Aussicht auf diese Einblicke ist, neben dem schieren Erstaunen über seine Fähigkeiten, sicherlich der Grund für das große öffentliche Interesse an seiner Person und an seinen Büchern.

Wer in dem Buch „Die Poesie der Primzahlen“ nach Erkenntnissen über die besondere Gedankenwelt Tammets sucht, wird jedoch leer ausgehen. In diesem Buch zeigt sich der Autor schlicht als mathematisch, historisch und literarisch interessierter Laie. Das Buch besteht aus 25 Kapiteln zu jeweils etwa 10 bis 15 Seiten. Die einzelnen Kapitel behandeln sehr unterschiedliche Themen: Einige sind autobiographisch, wie z.B. ein Kapitel über Tammets Mutter. Andere behandeln Schriften großer Denker, z.B. Platons nie verwirklichte Planung einer idealen Stadt.

Die Kapitelüberschriften klingen fast durchweg verheißungsvoll – „Einsteins Gleichungen“ oder „Die bewundernswerte Zahl π“ etwa lassen Tiefsinniges erwarten. Leider enttäuscht das Buch in dieser Hinsicht. Unter „Einsteins Gleichungen“ etwa wird eine einzige Gleichung (nämlich die fast schon Redensart gewordene Formel „e=mc2“) kurz erwähnt. Im Übrigen handelt das Kapitel eher von der Ästhetik der Mathematik und der Freude an mathematischer Erkenntnis, die anhand kurzer, zum Teil autobiographischer Anekdoten beschrieben wird.

Auch die meisten übrigen Kapitel haben eher den Charakter einer netten Plauderei als den einer wirklich interessanten und tiefgründigen Darstellung. Auffällig ist jedoch eine große Sorgfalt, und zwar in zweierlei Hinsicht: Zum einen sind viele Themen offenbar sehr genau recherchiert worden, beispielsweise das Kapitel „Unsichtbare Städte“. Zum anderen lässt Tammet auch eher banal anmutenden Beobachtungen große Aufmerksamkeit zukommen. Letzteres wirkt zum Teil allerdings irritierend: So endet das Kapitel „Eingebungen im Klassenzimmer“ mit einem Zitat einer Nachhilfeschülerin Tammets: „Dann kam sie zu einer wunderschönen Erkenntnis über das Bruchrechnen, die ich nie vergessen werde: Sie sagte, 'Es gibt nichts, dessen Hälfte nichts wäre'“. Sieht man einmal davon ab, dass die Hälfte von Null durchaus Null ist, wirkt diese sehr einfache sogenannte Erkenntnis an ihrer exponierten Position am Kapitelende ein wenig bizarr. Den meisten Lesern wird diese „Eingebung“ grundvertraut sein. Derartige Phrasen im Laufe des Buchs immer wieder anzutreffen, kann den Lesegenuss durchaus schmälern.

Tammets Darstellung der autobiographischen Themen wirkt an einigen Stellen etwas unbescheiden oder zumindest unbeholfen. Beispielsweise berichtet er in dem Kapitel „Die bewundernswerte Zahl π“ über einen Rekord, bei dem er an der Universität in Oxford in gut fünf Stunden über 20.000 Nachkommastellen von π auswendig aufsagte. Tammet beschließt dieses Kapitel mit den Worten „Fünf Stunden und neun Minuten lang war die Ewigkeit zu Besuch in Oxford“. Da man in Oxford durchaus auch Mathematik studieren kann und die Zahl π in Mathematik-Vorlesungen kein seltener Gast ist, wirkt diese Äußerung, wie viele ähnliche Äußerungen auch, etwas befremdlich und fehl am Platz.

Solche Äußerungen passen übrigens nicht zu dem eher schüchternen und bescheidenen Eindruck, den Tammet bei seinen Auftritten im Fernsehen hinterlässt. Auch Tammets Beschreibungen historischer Persönlichkeiten wirken untypisch für ihn. Während er in seinen Ausführungen für gewöhnlich die Aufmerksamkeit auf Dinge oder Muster richtet und nicht auf Menschen, wird er in diesem Buch etwa bei der Beschreibung des persischen Gelehrten Khayyám sehr konkret: „Wenn das Sonnenlicht durch die Lattengitter seines Arbeitszimmers schien, bildete es geometrische Formen an den Wänden. Aus Khayyáms Feder floss [...]“. Ähnlich kurze Ausschmückungen tauchen in dem Buch immer wieder auf, bleiben jedoch sowohl inhaltlich als auch stilistisch isoliert und ohne erkennbaren Bezug zu Tammets weiteren Ausführungen.

Der Titel „Die Poesie der Primzahlen“ weckt womöglich falsche Erwartungen, da dies tatsächlich nur eine Kapitelüberschrift ist, unter der das Thema Primzahlen, wie die meisten anderen Themen auch, in mathematischer Hinsicht nur sehr oberflächlich behandelt wird. Wer sich von diesem Buch gute Unterhaltung erhofft, muss an einigen Stellen über die irritierende und womöglich überheblich wirkende Unbeholfenheit des Autors, insbesondere bei der Darstellung seiner eigenen Person, hinwegsehen. Im Vergleich zu anderen populärwissenschaftlichen Büchern ist das Buch zum größten Teil inhaltlich flach, einige Kapitel jedoch behandeln Ungewöhnliches und gut Recherchiertes. Über das spezielle Denken eines Inselbegabten gibt das Buch meiner Meinung nach keinen Aufschluss – Tammets Gedankengänge sind ganz gewöhnlich für einen mathematisch interessierten Menschen. Lesenswert ist das Buch meines Erachtens am ehesten für literarisch und historisch Interessierte, da es in dieser Hinsicht den größten Neuigkeitswert besitzt.

Rezension: Annika Meyer (FH Südwestfalen)

Digitale Werkzeuge für den Mathematikunterricht

digitale werkzeuge fuer den mathematikunterricht

Digitale Werkzeuge für den Mathematikunterricht
Festschrift für Hans-Jürgen Elschenbroich

Heintz, Pinkernell, Schacht (Herausgeber)
Verlag: Seeberger, Klaus; Auflage: 1 (20. März 2016), 368 Seiten, 25 €

ISBN-10: 3940516201
ISBN-13: 978-3940516206

Einen guten aktuellen Überblick über die Verwendung digitaler Werkzeuge im Mathematikunterricht gibt dieses Buch. Es ist zum 65. Geburtstag von Hans-Jürgen Elschenbroich erschienen und enthält auf 350 Seiten rund 30 Beiträge namhafter Lehrer, Professoren und Mathematikdidaktiker.

Von vier Teilen befassen sich  der erste („Aus der Schule, für die Schule“, acht Aufsätze, ca. 130 Seiten) und der letzte („Praxisbeiträge“, sieben an der Zahl, ca. 40 Seiten) mit Inhalten, die Stoff des Schulunterrichts sind. Ein Aufsatz betrifft die Primarstufe, die anderen die Sekundarstufen, insbesondere die Sekundarstufe II mit den drei typischen Gebieten Analysis, Stochastik und Analytische Geometrie. Als digitale Werkzeuge werden vor allem Tabellenkalkulation, dynamische Geometrie-Software, Computer-Algebra-Systeme verwendet; dabei werden speziell Geogebra, Fathom, TI-Nspire und andere Software von grafikfähigen Taschenrechnern benutzt. Diskutiert wird mehrfach auch der Einsatz von Tablets.

Die Praxisbeispiele aus dem letzten Teil beschreiben detailliert kleine Unterrichtseinheiten aus der Geometrie, Analysis und Stochastik – einschließlich methodischer Tipps für den konkreten Unterricht.

Der zweite Teil bringt acht Arbeiten zu fachdidaktischen Fragen (u. a. von den Autoren B. Barzel, R. Bruder, G. Greefrath, H.-G. Weigand, ca. 120 Seiten). Die Artikel bieten Einblick in die aktuelle Forschungsarbeit zum Einsatz digitaler Medien.

In mehreren Beiträgen wird das noch immer nicht befriedigend geklärte Problem behandelt, wie die Dokumentation der Lösung von Aufgaben mit Hilfe digitaler Werkzeuge, insbesondere von CA-Systemen, aussehen soll. Hier kann man hilfreiche Anregungen erhalten, wie Fach- und Werkzeugsprache in Übungs- und Prüfungsaufgaben sinnvoll verwendet und auseinandergehalten werden kann.

In einem weiteren Beitrag wird das ebenfalls sehr aktuelle Thema hilfsmittelfreier Prüfungsteile in Abiturprüfungen angesprochen und mit einigen Beispielen illustriert.

In einem dritten kürzeren Teil werden fachmathematische Fragen diskutiert (Autoren sind hier u. a. H.-W. Henn, W. Koepf).

Das Buch schließt mit einem fünfseitigen Literaturverzeichnis, das ausschließlich Veröffentlichungen des Jubilars Hans-Jürgen Elschenbroich enthält, die in den letzten zwanzig Jahren entstanden sind und sich fast alle mit dem Einsatz digitaler Medien im Mathematikunterricht befassen!

Hartmut Weber (Kassel)

Eine Einladung in die Mathematik

Dirk Schleicher Malte Lackmann

Eine Einladung in die Mathematik
Einblicke in aktuelle Forschung

Dierk Schleicher / Malte Lackmann (Hrsg.)
Springer Spektrum; Auflage: 2013, 24,95 €

ISBN-10: 3-642-25797-6
ISBN-13: 978-3642257971

Aspekte ganz aktueller mathematischer Forschung werden in 14 Kapiteln von namhaften, auf ihrem jeweiligen Gebiet führenden Mathematikern vorgestellt. Sie vertreten recht verschiedene Disziplinen ihres Fachs. Die Inhalte kommen aus der Zahlen- und der Graphentheorie, befassen sich mit dynamischen Systemen und partiellen Differentialgleichungen, mit Komplexitätstheorie und numerischer Analysis. Die Beiträge (ca. 10 bis 25 Seiten lang) weisen teils überraschende Verbindungen untereinander auf.

Abwechslung bietet neben der Vielfalt der Themen auch der unterschiedliche, teilweise erfrischende Stil der Autoren. Viele Beiträge gehen von gut verständlichen einführenden Beispielen aus, erklimmen dann aber schnell mathematische Höhen, die relativ gute und spezielle Kenntnisse erfordern. Das geht dann so weit, dass einige der sieben „Milleniumsprobleme“ des Clay Mathematics Institute aus dem Jahre 2000 angesprochen werden (P≠NP?, Riemannsche Vermutung, Navier-Stokes-Gleichungen).

In drei Arbeiten wird insbesondere auch ein Vergleich gezogen zwischen mathematischen Wettbewerben, insbesondere der Internationalen Mathematik-Olympiade (IMO), und echten mathematischen Forschungsproblemen. Das hat seinen guten Grund!

Mehrere der Autoren haben über diese Themen vor Teilnehmern der 50. IMO vorgetragen, die 2009 in Bremen stattfand. Die schriftliche Fassung wurde allerdings speziell für dieses Buch erstellt, wobei ganz besonders Wert darauf gelegt wurde, dass sie für die Zielgruppe der Leser verständlich ist. Um das zu erreichen, haben die Herausgeber (Schleicher als Professor und Hauptorganisator der Bremer IMO, Lackmann als dreifacher erfolgreicher IMO-Teilnehmer) und ein Team von jungen „Testlesern“ die Beiträge sorgfältig gelesen und zahlreiche Änderungsvorschläge gemacht, die von den Autoren akzeptiert wurden.

Und welche Zielgruppe haben die Herausgeber vor Augen? Auf dem Buchrücken heißt es: „... richtet sich in erster Linie an interessierte Schüler und junge Studierende, die Mathematik aus der Schule oder von Wettbewerben kennen und die aktuelle Forschungsmathematik kennen lernen wollen.“ Wer Mathematik nur aus der Schule kennt, dürfte allerdings bei den meisten Themen – auch wenn er gute Noten  hat(te) – sehr schnell an Grenzen kommen, die er nicht allein überwinden kann. Eine Teilnahme an Wettbewerben wie etwa dem „Bundeswettbewerb Mathematik“ könnte eine Vorstellung dafür geweckt haben, wie Aufgaben und Probleme jenseits der klassischen Schulmathematik aussehen und welche Anforderungen sie stellen. Solch talentierten und sehr begabten Schülern oder Studierenden könnte man dann auch den einen oder anderen Beitrag dieses Buches zumuten. Es ist zu wünschen, dass, um noch einmal den Buchrückentext zu zitieren, „... Schüler, Lehrer, Mathematiker und alle Mathematik-Begeisterten ... in diesem vielseitigen und spannenden Buch genussvoll lesen.“

Rezension: Hartmut Weber

Eine kurze Geschichte der Unendlichkeit

paolo zellini

Eine kurze Geschichte der Unendlichkeit

Paolo Zellini
Mathematische Fachberatung: Dr. Max Schröder
Aus dem Italienischen von Enrico Heinemann
C.H.Beck, 2010, 256 Seiten, gebunden, 19,95 €

ISBN: 978-3-406-59092-4

Das Buch erzählt die Geschichte der Unendlichkeit. Die Geschichte beginnt lange vor einer mathematischen Beschreibung und endet noch lange nicht mit der Einführung des Zeichens ∞ oder des Differentialquotienten d/dx. Was jedoch in der Geschichte der Unendlichkeit hindurch bleibt, ist die Faszination der Ideen und die Versuche einer angemessenen Beschreibung. Das Unendliche ist damit eines der herausragendsten Beispiele für die Herausforderungen der Mathematik.

Den Anfang nimmt die Geschichte mit der Frage nach der Zeit, der Teilung und den Zahlen im Widerspiel mit ihren jeweiligen Grenzen. Dies führt bei Aristoteles, Anaximander und den Pythagoreern zu dem Begriff des Unbegrenzten für das Unendliche. Grundlegend bis heute ist die Unterscheidung des potentiell Unendlichen und des aktual Unendlichen, d.h. der Unendlichkeit durch Hinzufügen immer weiterer Teile (z.B. bei der Folge 1, 2, 3, ...) und des schon da-seienden Unendlichen (z.B. was wir heute manchmal lapidar mit ∞ ausdrücken). Weiterhin begegnet man im Laufe der Geschichte Cauchy, Bolzano, Weierstrass, Dedekind, Hilbert. Es bleibt also spannend.

Dieses Buch ist ein Lesebuch und will kein Lehrbuch sein. Sein Platz ist der Nachttisch, der Bus oder die Bahn und nicht der Schreibtisch. Es dient dem nicht-technischen Einstieg ins Thema und erhebt nicht den Anspruch einer systematischen und alle (oder die meisten) Fragen beantwortenden Darstellung. Es bietet aber die Möglichkeit der selbstbestimmten Vertiefung durch seine vielen Verweise auf Originalbeiträge in den Fußnoten.

Dem Buch gelingt eine spannende und fundierte Mischung aus Philosophie, den Grundlagen der Mathematik und konkreten Einzelproblemen aus der Analysis, der Zahlentheorie bis zur Metamathematik des 20. Jahrhunderts und all ihren Versuchen in der Annäherung an das Thema Unendlichkeit.

Rezension: Mark Krüger