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Meilensteine der Mathematik

meilensteine der mathematik

Meilensteine der Mathematik

Ian Stewart
Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag, 2010, 288 Seiten, 32,95 €
Aus dem Englischen übersetzt von Anna Schleitzer

ISBN 978-3-8274-2300-9

Taming the Infinite – The Story of Mathematics

Ian Stewart
London: Quercus Publishing Plc, 2008, 288 pages, 38,74$

ISBN 978-1-84724-181-8

Meilensteine der Mathematik scheint wohl das zeitlich drittletzte Buch von Ian Stewart – englisch Taming the Infinite – The Story of Mathematics – zu sein. Schon früher erschienene Bücher von Stewart bei Spektrum Akademischer Verlag haben die Titel:

Die Zahlen der Natur – Mathematik als Fenster zur Welt (1998)
Pentagonien, Andromeda und die gekämmte Kugel – 50 mathematische Kurzgeschichten (2004)
Warum (gerade) Mathematik? – Eine Antwort in Briefen (2007)
Die Macht der Symmetrie – Warum Schönheit Wahrheit ist (2008)

Das zuletzt (Stand März 2011) erschienene Buch von Stewart scheint Professor Stewarts mathematisches Kuriositätenkabinett beim Rowohlt-Verlag zu sein. Aber vielleicht gibt es – wenn Sie diese Rezension lesen – schon wieder etwas Neues, denn schließlich verfasste Stewart schon vor langer Zeit ein Buch zu Spielt Gott Roulette? und wer weiß, wo die Kugel noch hin rollt. Für April 2011 ist schließlich Mathematics of Life – Unlocking the Secrets of Existence angekündigt. Bleiben dann noch Fragen offen?

Das Internet bietet Ihnen eine Fülle von Informationen zum Buch. Eine Aufgabe des Rezensenten besteht daher erst einmal darin Ihnen die Informationen zu ordnen.

Zuerst zum Autor: Seine Homepage enthält neben einem Link zu seiner Biographie auch das einzige farbige Bild des Buches (zwar nur auf dem Schutzumschlag), nämlich das Portraitfoto des Autors.

Bei Wikipedia finden Sie das Bild wieder und zusätzliche Informationen mit einer Bibliografie geordnet nach Fachbücher, Einführungen in die Mathematik, Populärwissenschaftlichen Bücher und Science Fiction.

Zum Inhalt von Meilensteine der Mathematik: Der Verlag bietet Ihnen als pdf Titelseite, Inhaltverzeichnis und das Kapitel 6, d.h. die Seiten 82 bis 91.

Dort können Sie sich objektiv informieren und z.B. auch ein Bild machen über die Qualität der Grafiken, etwa auf den Seiten 87 und 89. Weiterhin ist auf der Verlagsseite zum Buch zu lesen:

  • Ian Stewart ist der internationale Star unter den Mathematikautoren
  • seine Werke liegen in 170 übersetzten Ausgaben in 20 Sprachen vor
  • dieses Buch wollte Stewart schon immer schreiben – die definitive Geschichte der Mathematik.

Zum Leserkreis: Stutzig macht der Hinweis Content Level »Research«. In anderen Rezensionen, etwa bei Amazon heißt es Geschrieben für: mathematisch-naturwissenschaftlich interessierte Laien; Studenten und Dozenten der Mathematik; wissenschaftshistorisch interessierte Laien. Müssen diesem Leserkreis einerseits die elementar geometrischen Definitionen von sin und cos geboten werden, er dreimal (S. 87, 107, 149) mit der Definition einer Funktion gelangweilt werden, andererseits aber die Moden bei der Wellen- bzw. Wärmegleichung (S. 130) nicht erklärt werden?

Andere Rezensionen: Wie heute üblich gibt es einen Link darauf und dort u.a. einen Hinweis aus Spektrum der Wissenschaft: Die Übersetzung ist von hoher sprachlicher Qualität und wahrt den mitreißenden und erzählenden Stil des Originals. Da auch in der kritischen und lesenswerten Besprechung im Zentralblatt der Mathematik formuliert wird: Die Übersetzung ist gut gemacht; einzig die durchgängige Übersetzung von simple mit simpel ist mir unangenehm aufgefallen kommt der Rezensent ins Grübeln und fragt sich, ob die beiden anderen Rezensenten in den Genuss von speziellen Vorabrezensionsexemplaren gekommen sind, stößt er doch beim Lesen seines Exemplars auf banalste Fehler: „Das Fünfzehnfache von 5000 ist 250000 findet sich auf Seite 35, Zeile 16 von oben. Dieses Rechenergebnis ergibt aber sich im Buch völlig logisch!!! Zu den Sätzen der klassischen Logik, die in verschiedenen Kapiteln erwähnt werden (etwa Seiten 36 / 37, 231 ff.), gehört auch der auf Seite 241 ausführlich benutzte Satz Ex falso quodlibet: also Aus einem logisch – nicht bloß faktisch – falschen Satz folgt jede beliebige Aussage. In der hier zu besprechenden deutschen Fassung wird nämlich vier Zeilen vor dem eben zitierten Rechenergebnis one fiftieth mit einem Fünfzehntel übersetzt. Dann muss doch auch mit 15 multipliziert werden, selbst wenn im englischen Original die hier zitierte Multiplikation gar nicht textlich zu finden ist. Das wäre ja auch noch schöner!

Beim Weiterlesen stößt man dann auf Wertungen, wie …von Euklid, der seinen Ideen ein dünnes geometrisches Mäntelchen umhängte… [S. 93] und darauf, dass Fermat Bemerkungen dazukritzelte [S. 98]. Einige Seiten weiter [S. 105] wird man belehrt, dass sich früher oder später …doch die meisten selbstgenügsamen Spielereien der Mathematiker als durchaus nützlich auch für andere Leute… erwiesen. Der …Gedanke, den gemütlichen reellen Strahl durch einen imaginären Strahl zu einer komplexen Ebene aufzufächern… [S. 141] bereitet dann sicherlich jenen Meilenstein der Mathematik vor, der die Aufschrift trägt: The real and imaginary parts of a complex function satisfy the Cauchy-Riemann equations [p. 144]. Übungsaufgaben lösende Mathematikstudenten werden da vielleicht ins Grübeln kommen, nicht jedoch die die Aufgaben stellenden Professoren!
Um die geduldige Leserschaft nicht viel länger zu quälen, will der Rezensent nur noch eine Stelle anführen: Bei der Beschreibung des Möbius-Bandes schildert Stewart zuerst das klassische Rezept: 1. Nehmen Sie einen Streifen Papier: Kleben Sie ihn „normal“ zusammen und Sie erhalten dann einen Zylinder; 2. verdrehen Sie die Enden des Papierstreifens und kleben Sie sie nun zusammen; Sie erhalten ein Möbiusband.

Im englischen Original (page 206) heißt es dann kurz, knapp und falsch: Another difference appears if you cut along the centre line of the band. It falls into two pieces [Hervorhebung vom Rezensenten] but they remain connected. Übersetzt wird daraus auf Seite 206 versehen mit etwas Garnierung: Etwas Interessantes passiert auch, wenn Sie an der Mittellinie entlangschneiden. Den Zylinder teilen Sie damit in zwei separate Kreise, während die Kreise, die Sie aus dem Möbiusband erhalten, aneinander hängen bleiben. Versuchen Sie es doch mal! Wenn Sie wiederholt zwei „Kreise“ bzw. two pieces erhalten, haben Sie eine neue Erfindung gemacht!

Hätte hier die Übersetzerin doch zu Papier, Schere und Leim gegriffen, sie wäre eines Besseren belehrt worden. Bei der oben zitieren Multiplikation Das Fünfzehnfache von 5000 ist 250000 hätte ein Blick in ein Wörterbuch oder auch nur der Griff zum Taschenrechner genügt!

Sind das nun Alles nur Petitessen? Nein, es gibt sehr viele weitere ähnliche Stellen! (Siehe dazu den Hinweis am Ende dieser Rezension.)

Vielleicht sollte der Verlag überlegen, ob es seinen Ruf verbessern würde, wenn er ganz klammheimlich die noch vorhandenen Exemplare vom Markt nähme, die Übersetzung überarbeiten ließe und es dann als verbesserte, zweite Auflage neu heraus brächte. Vielleicht treffen dann die freundlichen Rezensionen zu der englischen Ausgabe auch für die deutsche zu.

Abschließend kurz doch noch eine Bemerkung zur schon erwähnten Anpreisung des Verlages: die definitive Geschichte der Mathematik? Unter Springer Imprint firmiert nicht nur Spektrum Akademischer Verlag, sondern auch – nun sagen wir mal – der gute alte, hoch renommierte Springer-Verlag: Dort erscheinen neben 6000 Jahre Mathematik auch noch 5000 Jahre Geometrie, 4000 Jahre Algebra; alles fundierte, lesenswerte Bücher, deren Rezensionen hier zu finden sind: 6000 Jahre Mathematik, 5000 Jahre Geometrie und 4000 Jahre Algebra.

Eine 15-seitige Liste merkwürdiger Stil-übersetzungs-blüten kann beim Rezensenten angefordert werden unter E-Mail (rascha[at]mathematik.uni-kassel.de).

Rezension: Ralf Schaper, Kassel

Mathematik - Menschen, Rätsel und Beweise

menschen raetsel und beweise

DVD-Seminar »Mathematik«
Menschen, Rätsel und Beweise


Günther M. Ziegler
Verlag: ZEIT AKADEMIE; Auflage: 2014,129 €

Es wird auch ein Online-Seminar für 69€ angeboten.

Zu einem gutgemeinten Versuch in den expandierenden Markt der Neuen Medien vorzudringen wurde Professor Dr. Günther M. Ziegler von der Freien Universität Berlin gewonnen. Der Verlag der Wochenzeitung DIE ZEIT hat ein neues Portal eröffnet: die ZEIT AKADEMIE.

Seit Platon gilt: Eine Akademie ist ein Ort des Studiums, der Wissbegier und der intellektuellen Herausforderung. […] in den Seminaren der ZEIT Akademie vermitteln Ihnen herausragende Professoren die Grundlagen ihrer Fachgebiete. Sie studieren dabei bequem und flexibel von zu Hause: mit DVDs, Audio-CDs oder im Onlinekurs.

Nach offensichtlich ähnlichem Konzept werden zu unterschiedlichen Themen in einem Studio Vorträge aufgezeichnet, die mit Veranschaulichungen ergänzt und in kurzen Interviews reflektiert werden.
Auf der Internetseite des Seminars Mathematik – Menschen, Rätsel und Beweise finden Sie dazu etliche Informationen – etwa eine Kurzbiografie von G. M. Ziegler, eine Produktbeschreibung und eine Inhaltsangabe mit den Überschriften der 14 Lektionen auf vier DVDs sowie weiterhin eine Leseprobe aus dem Begleitbuch. Dem multimedialen Anspruch des Projektes entsprechend wird dies ergänzt durch einen Trailer, also ein kostenloses Probevideo, von 5 Minuten.

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Neue Präsentationsformen bedingen neue Rezensionsformen! Zum besseren Verständnis dieser Rezension ergeht an Sie die Bitte sich den Trailer anzusehen.

Sie haben jetzt also aus dem Aufnahmestudio die ersten 65 Sekunden – untypisch für die Lektionen – mit vielen Abbildungen gesehen, dann einen typischen Ausschnitt aus der ersten Lektion – in der Form können Sie sich ca. 80 % des Seminars so vorstellen und dann in den letzten Minuten, ab 3.20, eine Äh-Sequenz des interviewenden ZEIT-Redakteurs Christoph Drösser. Ein Teleprompter hätte hier Hilfestellung leisten können.

Wenn Sie schon jetzt von dem Seminar überzeugt sind, also auch Geduld für weitere fünf Stunden haben, gern dafür 129 € ausgeben wollen (die Preise schwankten im Beobachtungszeitraum von 99 € bis 149 €) und in Ihren Bücher/DVD-Regalen 32 mm Platz haben: auf denn! Falls Sie aber noch zögern, dann liefert Ihnen diese Rezension Argumente Pro und Contra und gegebenenfalls zum Schluss noch eine Empfehlung.

Dieser Text ist gegliedert in die Abschnitte Inhaltliches, Formales und Besprochenes, also die Interviews.

Inhaltliches:
Es geht nicht – oder nur kaum – um die Grundlagen der Mathematik. Zu diesem Thema liefert Lektion 4 ein gelungenes Beispiel: Eine kurze Geschichte der Zahlen – Vom Rechnen mit den Fingern bis zur Algebra. Sonst behandelt das Seminar mehr Olympisches: Der kürzeste Weg und die größten Rätsel. Vorwissen ist nicht nötig, nur die Lust am Lernen wird plakatiert. Ob das aber zum Verständnis allein ausreicht, ist zu bezweifeln. Immerhin wird auf das 96-seitige Begleitbuch zur Vor- und Nachbereitung hingewiesen.

Mehrdimensionale Raumformen oder Heuristiken beim travelling salesman problem werden die Verständnismöglichkeiten vieler ZuschauerInnen übersteigen, aber bekanntlich ist das Verständnis in einer guten Operninszenierung (Kartenpreis vergleichbar 129 €) auch nicht garantiert, obwohl sie einen schönen Abend bieten kann. Ein klassisches Format der Universitäten wird reproduziert: die Vorlesung (nach Horkheimer eine säkularisierte Form der Predigt, wie z.B. schon 1966 DIE ZEIT zitierte). So wird um Verständnis geworben; garantiert kann es aber nicht werden.

Es ist nicht indiskret, um an eine Formulierung von Ch. Drösser anzuknüpfen, wenn festgestellt wird, dass G. M. Ziegler überwiegend diskrete Mathematik betreibt: Ein Blick in seine Vorlesungsverzeichnisse der letzten Semester, hier z.B. vom WS 2014/15, reicht. Dementsprechend sind es auch überwiegend Themen aus der diskreten Mathematik, die er in den Lektionen behandelt, oder anders gesagt: Aspekte aus der Analysis werden kaum thematisiert. Anwendungen im Zusammenhang mit Physik und Technik wären durchaus erwähnenswert. Ein solches herausragendes Beispiel ist etwa der gelungene Flug einer Raumsonde bei der Cassini-Huygens-Mission durch eine Lücke in den Ringen des Saturn.

Sie finden auf der Seminarseite die Liste der Titel der einzelnen Abschnitte. Auch tätige MathematikerInnen werden in den Lektionen Neuigkeiten erfahren: Den wenigsten werden aktuelle Veröffentlichungen von G. M. Ziegler wie Convex Equipartitions via Equivariant Obstruction Theory bekannt seien.

Formales:
Angenehm ist das minimalistisch gestaltete Aufnahmestudio (siehe Trailer, bzw. Bild oben), die disziplinierte Mimik von G. M. Ziegler und seine kontrollierte, die Inhalte oft kommentierende Gestik, besonders ansehnlich in Lektion 4 bei der Erzählung über die Erweiterungen des Zahlbegriffs. In diesem Kapitel wird bei der Einführung in die Zopftheorie sehr schön einer der ganz wenigen Momente geboten, wo das Medium video ausgenutzt wird: Mit reinem Text wäre die Zopftheorie in ihren Anfängen selbst mit einer Sequenz von Bildern kaum so verständlich darstellbar. Doch nur selten werden Animationen geboten oder die heutigen Möglichkeiten von Computergrafik genutzt. Und wenn es mal vorkommt, wie bei der Erläuterung von einfach zusammenziehbar in Lektion 2, ist es wegen des schwer verständlichen Begriffs der Raumform nicht ausreichend. Dort erschwert allerdings auch einmal die Gestik das Verständnis: Ist die mit den Händen angedeutete Sphäre/Kugel nun eine zwei- oder dreidimensionale Raumform?

Weitere fehlende Beispiele von das Verständnis unterstützenden Visualisierungen könnten angeführt werden. Von daher muss der anpreisenden „Kunden“bewertung auf der Internetseite des Projektes entschieden widersprochen werden: Professor Dr. Ziegler stellt anschlaulich und didaktisch gut aufgebaut das Fach Mathematik vor. Dafür fünf Sterne! von Maria. Mit Verlaub: Ist Josef der gleichen Meinung? Das Fach Mathematik: Nein: EINIGE Menschen, Rätsel und Beweise werden vorgestellt; und das recht gut.

Zur Betrachtung der elf Lektionen in fünf Stunden bedarf es nur eines geringen Ausschnittes des heute üblichen Wahrnehmungsspektrums! Damit soll nicht animierenden Hokuspokus das Wort geredet werden. Die ZEIT AKADEMIE hätte da doch mit wenig Aufwand und geringen Kosten noch etwas leisten müssen! Warum werden von den gezeigten MathematikerInnen fast nur schwarz-weiß Bilder gezeigt, warum gibt es den berühmten Hilbert-Ausspruch Wir müssen wissen, wir werden wissen! nicht als Tondokument? Bei youTube ist es leicht zu finden.

Frage: Was hat eigentlich die Firma Divine GmbH, zuständig für Technisches Konzept und Umsetzung, beigetragen, das Design des Studios? Etwa eine Grafik in Lektion 9, bei der von zwei unterschiedlich großen Quadraten die Rede ist, das rechte Rechteck aber offensichtlich kein Quadrat ist!

Ziegler Quadrat

Zieglers Rede auf der DVD: … Wenn das Quadrat ein bisschen kleiner ist, … . Im Handbuch (S. 68) als Text: … Macht man das Quadrat nur ein wenig kleiner, …, da passt’s dann wieder!

In guten Mathematik-Lehrbüchern finden sich oft in den Vorworten Danksagungen an beteiligte Personen, meist AssistentInnen aus den Instituten der AutorInnen: Ihre kritischen Blicke minimieren dann die leider vorkommenden kleinen handwerklichen Fehler, die beim Schreiben der Bücher in der Rohfassung immer wieder vorkommen. Doch bei diesem Seminar fehlt offensichtlich eine derartige Qualitätskontrolle – wie leider in vielen Verlagen auch ein qualifiziertes Lektorat –; etwa bei der Darstellung dieser Formel in Sans-Serif Bold

XB,BN + XB,HH + XB,MD + XB,MUE + XB,OL = 2

(Lektion 7 : 20.48).
PowerPoint geprägte Pennäler werden sich damit gern zufrieden geben, doch sollen in den Lektionen die Fähigkeiten der Mathematik geschildert werden, zu denen im weitesten Sinne auch TEX gehört.

Kenntnisreichere RezipientInnen mögen – etwa durch den gleichzeitigen Genuss eines Glases guten Weines – ihr Wahrnehmungsvermögen etwas spalten, um über solche leicht behebbare Unzulänglichkeiten hinwegsehen zu können. Aber wie heißt es doch richtig in der Einführung: Mathematik ist jedenfalls kein Zuschauersport.

Um nur mit den ganz elementaren multimedialen Darstellungsmöglichkeiten zu argumentieren: Mit Computergrafik lässt sich heute Vieles ohne übertriebenen Firlefanz visualisieren. Und wie wäre es mit einer Internetseite, auf der die zitierte Literatur verlinkt wird und nicht nur durch Quellenangaben im Begleitbuch schwarz auf weiß nach Hause zu tragen ist? Ist das bei dem Preis von 129 € zu viel verlangt?

Besprochenes:
Christoph Drösser ist ein mehrfach ausgezeichneter Journalist. In den Interviews mit G. M. Ziegler im Anschluss an die Lektionen befolgt er oft den allseits bekannten journalistischen Grundsatz – an dem der Rezensent leider ungewollt auch nicht vorbei kommt – Only bad news are good news. Wie oft wird von Ch. Drösser darauf hingewiesen, dass in den ersten Beweisen von großen Sätzen Lücken bzw. Fehler waren? Sind die herausragenden Mathematiker immer skurrile Exzentriker? Warum wird dann entsprechend im Interview zu Lektion 2 länger über ein Foto eines Mathematikers geredet ohne es zu zeigen, obwohl es ja vorher in der Lektion kurz zu sehen war? Warum wird dazu nicht zumindest in den Literaturangaben auf das Buch Der Beweis des Jahrhunderts hingewiesen?

Erfreulich ist zu bemerken, dass der von Teilen des deutschen Bildungsbürgertums in der letzten Zeit dämonisierte, grundlegende Begriff des Algorithmus an sinnvoller Stelle in Lektion 7 länger behandelt wird und dann seine Problematik in vier Minuten des folgenden Interviews eine kritische Würdigung erfährt.

Wenn Sie diese Rezension jetzt gelesen haben und sie etwa mit den Beurteilungen im Zeit Shop vergleichen, werden Sie eine deutliche Diskrepanz feststellen. Doch nach einem zweiten gründlichen Ansehen der DVDs hat sich das Urteil des Rezensenten gefestigt.

Nun die oben angekündigte Empfehlung: Günter M. Ziegler hat ein reizendes, schön illustriertes Buch geschrieben, in dem er schon einige Themen dieses Seminars behandelt hat: Mathematik – das ist doch keine Kunst! In diesem klassischen Medium Buch ist schon viel von dem erreichbar, was mit den Möglichkeiten der Neuen Medien leicht erst recht erweiterbar und ausgestaltbar wäre. Dieses Buch wird im Begleitbuch zu den Lektionen mehrfach erwähnt und eine lesenswerte Rezension finden Sie hier.

Auf Basis des DVD-Seminars wurde diese Rezension erstellt. Ein Zugang zu dem Online Seminar war nicht gegeben.

PS
In der Annahme, dass eine seriöse Firma, wie der ZEIT Verlag, ihre Internetseiten wahrheitsmäßig aktualisieren lässt, verwundertnachdem das besprochene Produkt seit dem 15. September 2014 am Markt istnoch am 1. April 2015 die Meldung: Schnell sein lohnt sich: Die ersten 300 Besteller des DVD -Seminars erhalten gratis das Taschenbuch »Der Mathematikverführer« von Christoph Drösser.

Rezension: Ralf Schaper (Kassel)

Mathemagische Bilder

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Mathemagische Bilder

Martina Schettina
Vernissage Verlag Brod Media, Wien, 200, 89 Seiten, 29,95 €

ISBN: 978-3-200-01743-6

Martina Schettina ist eine österreichische Künstlerin, die sich auf vielerlei Art mit dem Thema Mathematik beschäftigt. Seit kurzem schreibt sie für das Webmagazin Moderne Region – magzin.at eine Mathematik-Serie speziell für Frauen.

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Im vorliegenden Buch geht es um Bilder mit mathematischen Inhalten. So werden die mersenneschen Zahlen, Hardys Taxinummer, die Ramanujan sofort mit einer interessanten mathematischen Fragestellung in Beziehung setzte, die Fibonaccizahlen, das Unendliche, die Eulersche Gleichung, der Satz von Fermat und vieles mehr thematisiert. Diese Bilder eignen sich ausgezeichnet, sich mit mathematischen Themen auseinanderzusetzen, zumal die mathematischen Geschichten der Bilder ausführlich erzählt werden.

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Aus der "PSEPHOI" - SERIE, 2010: "DRITTELSATZ-GRÜN"
Eine ungewöhnliche Art, die Summe von Quadratzahlen aufzuschreiben.

Erstaunlicherweise finden sich im Buch neben mathematichen Bildern auch eine Vielzahl erotischer Bilder. Mathematik und Erotik, welch überraschende Kombination.

Ich finde diese Selektion sehr gelungen!

(Rezension: Wolfram Koepf, Kassel)

Mathematik - das ist doch keine Kunst!

mathematik das ist doch keine kunst

Mathematik - das ist doch keine Kunst!

Günter M. Ziegler
Albrecht Knaus Verlag (16. September 2013), 24,99 €

ISBN-10: 3813505847
ISBN-13: 978-3813505849

Mathematik, das ist doch keine Kunst? Gewiss nicht für Günter Ziegler, denn der ist kein Künstler, sondern ein Mathematiker, und zwar einer von Weltrang. Darüber hinaus zählt er zu den führenden Autoren, die für ein breites Publikum über Mathematiker und die Mathematik (und auch deren Verächter) schreiben. Auch sein neuestes Buch geht in diese Richtung. Anders als bei vielen anderen Publikationen dieses Genres ist der visuelle Aspekt hier der Dreh- und Angelpunkt. Jedes der 24 Kapitel nimmt als Ausgangs und Bezugspunkt ein Bild: ein Foto eines mathematischen Objekts (z.B. des Ishango-Knochens) oder eines Mathematikers (Grigori Perelman), ein Faksimile (z.B. von Adam Ries’ Buch), eine Bleistiftskizze (z.B. Martin Grötschels Aufzeichnungen zu seiner berühmten Dissertation), ein Diagramm (das auf Putins Wahlfälschungen hinweist), etc. Dankenswerterweise taucht der röhrende Hirsch der Computergraphik, das Apfelmännchen, das es zwar auf die Rückseite des Umschlags gebracht hat, im Text nur en passant und mit einem ironischen Kommentar auf.

Diese Bilder sind Aufhänger für reich illustrierte Geschichten aus der und über die Mathematik, Geschichten über Fehler und mathematische Durchbrüche, über Verwechslungen und Spekulationen, über bildende Kunst und Architektur, über Politik und Werbung und und und... Man erfährt – und sieht –, dass selbst einem Genie wie Leonardo da Vinci auf seinen Skizzen von Polyedern Fehler unterlaufen sind, dass ein angebliches Bild des Mathematikers Legendre aus dem frühen 19. Jahrhundert einen ganz anderen Legendre darstellt, dass Banken dubiose mathematische Modelle als Träger ihrer Werbebotschaften einsetzen und – durchaus zum Wohl ihrer Kunden – geometrisch falsche Abbildungen von EC-Karten an ihren Geldautomaten anbringen, dass manche Mathematiker unflätige Kommentare in Büchern hinterlassen, wie Mathematik bei der Chip-Konstruktion hilft und vieles vieles mehr.

Wie schreibt der Autor: „Der Vorteil von Bildern ist natürlich, dass man etwas sieht.“ Aber es bedarf auch jemandes, der die Bilder sammelt, ausbreitet und interpretiert. All dies ist Günter Ziegler in diesem informativen, kurzweiligen und schön gestalteten Buch (durchweg farbige Reproduktionen auf gutem Papier) hervorragend gelungen.

Rezension: Dirk Werner (FU Berlin)

Mathematik am Sonntagmorgen

mathematik am sonntagmorgen

Mathematik am Sonntagmorgen
50 Geschichten aus Mathematik und Wissenschaft


George G. Szpiro
Piper, 2004, 236 Seiten, Taschenbuchausgabe 2008, 7,95 €

ISBN: 9783492251150George G. Szpiro ist ein Wissenschaftsjournalist, der sich sehr um die Berichterstattung mathematischer Themen verdient gemacht hat. Für seine Kolumnen "Szpiros kleines Einmaleins" in der Neuen Zürcher Zeitung, für die er regelmäßig und beständig neue und originelle Themen aus der Mathematik fand und aufgriff, sorgfältig recherchierte und liebevoll aufbereitete, erhielt er 2006 den Medienpreis der DMV. Das vorliegende Buch ist eine Kollektion von 50 dieser Kolumnen.

Das Buch behandelt Mathematiker (Die Intrigen der Bernoullis, Newton und die Religion, Euler und das Baseler Problem, Gauß und das 17-Eck, Niels Abel, John von Neumann, Harold Coxeter, Stephen Wolfram und andere), mathematische Vermutungen (Aktenzeichen XY ungelöst: Das Collatzproblem, Primzahlzwillinge, das 16. Hilbertsche Problem; aber auch die Catalansche, Keplersche und Poincarésche Vermutung, die von Preda Mihăilescu, Thomas Hales und Grigori Perelman gelöst wurden) sowie weitere interessante mathematische und naturwissenschaftliche Fragestellungen (Knotentheorie, Rundungsfehler und Katastrophen, Versicherungsmathematik, Kryptographie, Wahlsysteme, Statistik und Psychologie und vieles mehr). Das Buch klärt darüber auf, warum die Oktoberrevolution im November stattfand (aber nicht, warum das Oktoberfest im September stattfindet) und warum Tetris ein "wirklich schwieriges Spiel" ist.

Wenn Sie jemandem ein sehr lesenswertes Buch über Mathematik schenken wollen, dann liegen Sie hier goldrichtig!

(Rezension: Wolfram Koepf)